Des Vermieters Alptraum: Ein Messie in der Wohnung

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Der Vermieter fällt aus allen Wolken, als er die Wohnung seiner verstorbenen Mieterin im Weidener Westen betritt. Robert P. bringt die Tür kaum auf. Der Müll stapelt sich bis unter die Decke. Das Messie-Syndrom - Faulheit oder Krankheit?

Ganz typisch für Messie-Wohnungen: Küche und Bad sin praktisch unbenutzbar. Abspülen ist für Betroffene eine unüberwindbare Hürde.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

"Wir machen den Kühlschrank erst auf, wenn er im Freien steht", entscheidet Robert P. Das erweist sich als weise. Im Innenraum des noch laufenden Kühlschranks gammelt ein verwestes Hähnchen. Bisheriger Höhepunkt einer Entrümpelungsaktion in Weiden-West. Robert P. erlebt das, was Vermieter fürchten: einen Messie als Mieter. In seinem Fall war es eine alleinstehende Frau, die kürzlich überraschend verstorben ist.

Robert P. hat die Wohnung vor etwa acht Jahren als Altersvorsorge gekauft, ebenerdig mit Terrasse. Für später, wenn die von ihm und seiner Familie gemietete Wohnung im dritten Obergeschoss zu groß wird und das Treppensteigen zu schwer fällt. Bis dahin wollte er vermieten.

Eine flüchtige Bekannte

Er vergab die Wohnung an eine flüchtige Bekannte, die er von früher über die Kinder kannte. Das Übergabegespräch verlief "eher pingelig", erinnert er sich. Die Miete kam jahrelang pünktlich. Erst in jüngster Zeit blieben Zahlungen aus, gab es Klagen von anderen Hausbewohnern. Aber niemals hätte Robert P. vermutet, was ihn nach dem Tod seiner ersten Mieterin in deren Wohnung erwartete.

Müllsäcke verstellen den Flur. Wie durch ein Labyrinth bahnt sich Robert P. den Weg in die Zimmer. Küche und Bad sind praktisch unbenutzbar. Ein Topf mit Essensresten steht auf dem verklebten Herd, benutztes Geschirr stapelt sich. Stinkende gelbe Säcke. Kartonagenhügel. Alte Socken. Schmutzwäsche. Kein Fleck ohne Dreck.

Dazu kommen Schäden an Fenstern und Türen. Die Zimmerdecke klebt von Nikotin. Rund 15 000 bis 20 000 Euro wird Robert P. investieren müssen, um die Wohnung wieder bewohnbar zu machen. Auf diesen Kosten wird er sitzen bleiben. Die Erben haben den Nachlass ausgeschlagen. Robert P. hat viel telefoniert in den letzten Tagen. Ergebnis: Finanzielle Hilfen gibt es in seinem Fall nicht.

Ist der Mieter ausgezogen und hat kein Geld, bleibt der Vermieter auf den Kosten sitzen. "Da haben die Vermieter leider meistens Pech", weiß auch Torsten Sowa, Sprecher des Münchener Hilfsvereins für Messies, "H-Team e. V". Anders sieht es aus, wenn der Mieter noch in der Wohnung wohnt. Dann sind öffentliche Hilfen möglich, die über Sozialbürgerhäuser oder Sozialämter organisiert werden können. Die Wohnung wird dann auf Staatskosten hergerichtet. Der Mieter wird nachbetreut. Sowa: "Man will den Leuten aus der Misere helfen, aus ihrem Schicksalsschlag."

Denn: Laut Sowa muss in zwei Gruppen unterschieden werden. Das eine seien Mietnomaden, die Chaos hinterlassen: "Nach mir die Sintflut." Das andere sind Menschen, die aufgrund eines krankhaften Zwangs vermüllen. Die äußere Unordnung drückt das Chaos im Inneren aus. Messies können ihren Alltag nicht organisieren. Aufräumen oder Abspülen werden zu unüberwindbaren Hindernissen.

Vermieter könnten oft nicht erkennen, dass ein Messie bei ihnen haust. "Nach außen hin wird mit Mühe ein Konstrukt aufgebaut." Die Verwahrlosung in den eigenen vier Wänden sei ein schleichender Prozess, der verschämt verborgen wird. Viele leiden unter Sammelzwang, horten irrational wertlose Dinge.

Ursachen und Hintergründe

Der Verein "H-Team" betreibt ein bayernweites Messie-Hilfetelefon für Betroffene, Angehörige und Vermieter. Im Stadtgebiet München ist das "H-Team" zudem eine Art Schnelle Eingreiftruppe, um Obdachlosigkeit zu verhindern. Das "H-Team" hilft jährlich in etwa 100 Haushalten, den Verlust der Wohnung zu verhindern. Mit dem Betroffenen wird die Wohnung entrümpelt. In einem "ambulanten Wohntraining" wird der häusliche Alltag neu strukturiert.

Das "Desorganisationsproblem" sei bisher kein anerkanntes Krankheitsbild und wenig erforscht. Das Messie-Syndrom habe vielfältige Ursachen, so der Vereinssprecher: Alter, Schicksalsschläge, psychische Störungen oder Krankheit. Bei notorischen Sammlern gebe der angesammelte "Vorrat" ein gewisses Maß an Sicherheit. Andere kompensieren mit dem Horten Trennungsschmerz.

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Hintergrund:

Bayernweites Messie-Hilfe-Telefon

Der Verein "H-Team" mit Sitz in Sendling hat sich auf die Betreuung von Messies spezialisiert.

  • Messie-Hilfe-Telefon: 089/55064892, Dienstags von 9 bis 12 Uhr und donnerstags von 15 bis 18 Uhr, E-Mail messie[at]h-team-ev[dot]de

"Nach außen hin wird oft mit viel Mühe ein Konstrukt aufgebaut."


Torsten Sowa, Verein "H-Team" über Messies

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