Zeitlos wohnen

Vor knapp 90 Jahren baut Stararchitekt Ludwig Mies van der Rohe in Brünn eines der aufregendsten Einfamilienhäuser der Welt. Doch erst sehr viel später kommt es zu Ehren.

von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Um es als Bauwerk zum Unesco-Welterbe zu bringen, kommt man in der Regel spektakulär daher und hat ein paar Jahrhunderte auf den Steinen. So wie die Akropolis, der Kölner Dom oder der Kreml. Die Villa Tugendhat in Brünn hat noch nicht mal 100. Geburtstag gefeiert und duckt sich in einem Wohnviertel vom historischen Zentrum ihrer Stadt weg. Trotzdem darf sie seit 2001 in der Liga der Touristenmagneten und Nicht-verpassen-Tipps mitspielen. Wer sie besichtigt, muss am Eingang mit dem Fuß auf einen Schemel steigen, der wie ein Schuhputzautomat anmutet.

Um es als Bauwerk zum Unesco-Welterbe zu bringen, kommt man in der Regel spektakulär daher und hat ein paar Jahrhunderte auf den Steinen. So wie die Akropolis, der Kölner Dom oder der Kreml. Die Villa Tugendhat in Brünn hat noch nicht mal 100. Geburtstag gefeiert und duckt sich in einem Wohnviertel vom historischen Zentrum ihrer Stadt weg. Trotzdem darf sie seit 2001 in der Liga der Touristenmagneten und Nicht-verpassen-Tipps mitspielen.

Wer sie besichtigt, muss am Eingang mit dem Fuß auf einen Schemel steigen, der wie ein Schuhputzautomat anmutet. Ruckzuck schmilzt eine Plastikfolie und schmiegt sich um die Sohle. Die jährlich etwa 35 000 Besucher sollen das Meisterwerk von Ludwig Mies van der Rohe möglichst auf Samtpfoten kennenlernen. Stadt und Staat wissen inzwischen, was sie an der Fabrikantenvilla haben, die zur Entstehungszeit 1928-30 als revolutionär galt.

In den düsteren Jahrzehnten danach war das Domizil der Textilmagnaten Grete und Fritz Tugendhat Pferdestall der Roten Armee, eine Klinik für Kinder mit schlechter Körperhaltung, Tanzschule und Turnhalle. Obwohl sich Kenner schon in den sechziger Jahren für einen sanften Umgang mit dem Juwel stark machten, wurde es erst 1994 als Denkmal der modernen Baukunst für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Kurz vorher schrieb die Villa noch ein Kapitelchen Geschichte. 1992 unterzeichneten Václav Klaus und Vladimír Meciar dort den Vertrag, der die Tschechoslowakei friedlich in zwei Staaten trennte.

Heute wie damals trieft aus jeder Marmor- und Travertinstein-Pore das Wort "Moderne". Der Bau ist so zeitlos, dass er wohl auch in 50 Jahren noch auf Wohnhaus-Laufstegen wie den "Architektouren" eine tolle Figur abgeben würde. Puristisch-klar markiert er einen radikalen Bruch mit Jugendstil und Art Deco, in deren Ambiente das Ehepaar Tugendhat aufgewachsen ist.

Spendable Eltern

Geld spielte bei den wohlhabenden Bauherren eher eine Nebenrolle. Schätzungen zufolge könnte das Anwesen umgerechnet rund acht Millionen Euro gekostet haben. Doch dass die Eltern Grete Tugendhats, einer geborenen Löw-Beer, ihrer geschiedenen Tochter so ein exquisites und gewagtes Anwesen zur zweiten Hochzeit finanzierten, hatte Anfang der dreißiger Jahre durchaus sensationellen Charakter. Hintergrund ist offenbar, dass Gretes Brüder die Textilfabriken erben, das Mädchen aber nicht leer ausgehen sollte.

Die ebenfalls sehenswerte Jugendstil-Villa der Löw-Beers liegt am anderen Ende des 6500 Quadratmeter großen Gartens der Tugendhats.
Grete hat in Berlin Ludwig Mies van der Rohe und den Funktionalismus kennengelernt. Der Aachener Baumeister sollte ihren Traum vom modernen Wohnen verwirklichen. Das tat er kompromisslos. "Dann baue ich nicht", soll er auf Fritz Tugendhats Einwand geantwortet haben, ob sich drei Meter lange, wandhohe Türen nicht verziehen und ob deshalb kürzere Varianten nicht besser wären.

Der Haupteingang befindet sich in der obersten der drei Etagen des quaderförmigen Flachbaus, der sich an einen Hang schmiegt. Auf diesem Stockwerk liegen die Privaträume samt Kinderzimmern, Bädern und dem Rückzugsraum des Kindermädchens. Aus fast allen Zimmern ist eine immense Terrasse zugänglich, die einen schönen Blick auf die Stadtsilhouette und ins Grüne bietet. Eine Etage tiefer geht es in den 237 Quadratmeter großen Hauptwohnraum, die Bell'Etage. Die Fensterfront Richtung Garten ist über 20 Meter lang und kann per Knopfdruck fünf Meter tief versenkt werden. Welche Glasmacherkunst dahinter steckt, wurde bei der Restaurierung in den achtziger Jahren deutlich. Erst in Belgien fanden die Verantwortlichen eine Firma, die dazu in der Lage war. Den gesamten Raum stützen dünne, verchromte Stahlträger mit genietetem Kreuzprofil - eine damals völlig innovative Technik im Einfamilienhausbau.

Mit diesen Kniffen setzte Mies van der Rohe seine Philosophie des "fließenden Raums" in die Tat um. Natur und Bau sollen ineinander übergehen. Als Blickfang und zusätzlicher Stabilisator dient eine cremefarben changierende Onyxwand. Der Stein dazu stammt aus Marokko.

 

Edle Möbel

Edel, ungewöhnlich und teuer - das gilt auch für die Möbel, an denen die Handschrift der Designerin Lilly Reich sichtbar wird. Ins Auge fallen die grünen Barcelona-Sessel, die Reich und Mies für den deutschen Pavillon der Weltausstellung 1929 in Katalonien entworfen haben. Kaum Bilder an den Wänden, Vasen auf dem Tisch oder Porzellan in Regalen: Das wirkt stimmig, aber nicht unbedingt gemütlich. Auch völlig schmucklose Kinderzimmer verströmen eine Überdosis Avantgarde.

 

Ausgefeilte Technik

Dafür sind Klimaanlage und Heizsystem ihrer Zeit so weit voraus, dass sie nicht nur Technikfreaks staunen lassen. All dies macht die Villa Tugendhat zur Ikone, die in einem Atemzug mit Le Corbusiers Villa Savoye bei Paris oder Frank Lloyd Wrights Falling Water bei Pittsburgh genannt wird.

Eines seiner letzten Geheimnisse gab das Haus erst 2011 preis. Das in den Hauptwohnraum integrierte Esszimmer wird auf älteren Bildern von einer halbrunden Wand aus prächtig furniertem Makassarholz umrahmt. Diese Wand galt als verschollen. Bis der Brünner Kunsthistoriker Miroslav Ambroz sich in die Geschichte des Hauses einlas. Daraufhin sah er sich die Mensa der juristischen Fakultät der Universität Brünn genauer an. Und tatsächlich: Die Heizkörperverkleidungen entpuppten sich als die Esszimmerwand der Tugendhats.

Die Nationalsozialisten hatten das Haus in den vierziger Jahren beschlagnahmt. Drei Jahre wohnte und arbeitete dort Flugzeugkonstrukteur Walter Messerschmidt. Die Gestapo hatte zur gleichen Zeit in der Jura-Mensa ihr Kasino. Um es zu verschönern, bediente sie sich an der Einrichtung des heutigen Welterbes. Wer es besuchen will, sollte sich rechtzeitig um Tickets kümmern. Zurzeit ist mit etwa drei bis vier Monaten Wartezeit zu rechnen.

Info:

Die Eigentümer

Das Ehepaar Tugendhat konnte das Leben in seiner Villa nur acht Jahre genießen. 1938 wurde den beiden deutschsprachigen Juden der Boden zu heiß, als die Nazis im Protektorat Böhmen und Mähren vor der Haustür standen. Sie emigrierten zunächst in die Schweiz und später nach Venezuela.
Nach Kriegsende kehrte die Familie in die Schweiz zurück. Fritz starb dort 1958, Grete 1970. Das Paar hat vier gemeinsame Kinder. Dazu kommt eine Tochter Gretes aus erster Ehe. Daniela Hammer-Tugendhat ist das jüngste Kind. „Wir haben die Rückgabe unter den Geschwistern in den 1990er Jahren diskutiert. Wir haben entschieden, es nicht zurückzufordern, weil niemand von uns in dem Haus wohnen würde“, sagte die Professorin für Kunstgeschichte, die lange an der Universität Wien lehrte, in einem Interview mit Radio Prag. Auch die Renovierungskosten hätten bei dieser Überlegung eine Rolle gespielt. 1980 ging die Villa in den Besitz der Stadt Brünn über. (phs)

 

 

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