11.09.2020 - 13:48 Uhr
WiesauDeutschland & Welt

Alle für Eines - Fantastische Larp-WG in Wiesau

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Drei Menschen haben sich in der Oberpfalz zusammengetan, um fantastische Welten zu kreieren. Sie machen aus ihrem Hobby Larp (Live Action Roleplay) eine Lebenseinstellung.

Frische Eier gibt es von den Hühnern, die sich die Wohngemeinschaft hält. In ihren Genuss kommen auch die Gäste in der Kärner-Villa beim gemeinsamen Frühstück.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

Schon die Anfahrt ist etwas Besonderes. Wie der Beginn einer spannenden Geschichte. Die Straße führt durch ein Industriegebiet, vorbei an zerfallenen Fabriken und Lagerhallen. Der Weg wird immer schlechter, Schlaglöcher durchziehen die Straße. Zwischen Bäumen und dichten Büschen spitzt ein großes, aber in die Jahre gekommenes Haus hervor – die Kärner-Villa. Einst gehörte sie dem Fabrikanten Otto Kärner. Er hätte bestimmt nicht damit gerechnet, dass seine Villa einmal das Zuhause einer ganz besonderen Wohngemeinschaft werden würde. Seit einem Jahr leben hier ein Zwerg, ein Musketier und eine Kriegerin.

Die dunkelbraune Holztüre tut sich auf. „Herzlich willkommen in unserem Reich“, sagt Bruno Wissenz. Wie ein Zwerg sieht er nicht aus. Statt Bart und Helm trägt er Polohemd und Sonnenbrille. Angeblich leben Gnome ja in Höhlen, aber nach einem dunklen Korridor gelangt der Besucher in einen großen, offenen Raum. Durch ein bodentiefes Fenster fällt Sonnenlicht in das Atrium. Eine breite Wendeltreppe führt auf die Galerie. Glanz vergangener Zeiten. An einem großen Holztisch sitzen „Musketier“ Samuel Karpowki und „Kriegerin“ Maike Arnold beim Frühstück. Kostüme tragen sie ebenfalls nicht.

Elfen und andere Wesen

Der Grund warum Bruno (42), Samuel (21) und Maike (30) zusammen leben, ist die große Leidenschaft für ihren Verein, „Ellodan Creative Works“ (ECW), und ein ganz besonderes Hobby: Seit ihrer Jugend begeistern sie sich für Larp. Die Abkürzung steht für „Live Action Role Playing“, übersetzt: Live-Rollenspiel. Die Teilnehmer schlüpfen dabei in die Rolle einer selbst erdachten Figur. Vorbilder sind oft Charaktere aus der Fantasy-Welt von „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“, aber auch Computerspiele wie „World of Warcraft“. Krieger, Magier, Elfen und andere Wesen leben bei den Veranstaltungen in einer Welt zusammen und handeln zu einer vorgegebenen Geschichte. Gemeinsam müssen Aufgaben und Rätsel gelöst werden.

Larp-Jugendarbeit

„Leider gab es diese Veranstaltungen oft nur für Erwachsene“, erklärt Bruno. So gründete der Knigge- und Tanzlehrer aus Erlangen mit weiteren Larp-Begeisterten vor zehn Jahren den ECW, der sich komplett der Larp-Jugendarbeit verschrieben hat. In einem Jahr organisiert der Verein rund zehn Veranstaltungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene – zuletzt in Wäldern bei Erbendorf. Als Vorsitzender des Vereins verkörpert Bruno auch in der fiktiven Welt den „Anführer“. Im Rollenspiel ist er der „Tribun“ und damit der Hauptverantwortliche.

Samuels Lieblingsrolle ist die des Musketiers. Die französischen Soldaten haben es ihm angetan. „Mir gefällt ihre Tugendhaftigkeit und die Art, wie sie ihre Befehle ausführen“, erklärt er. „Wichtig war für sie, dass sie ihre Aufgabe erfüllen, egal wie.“ „Der galante Ritter“ ist für ihn ein Ideal, das er auch in seinem Alltag umsetzen will. Die Begeisterung für Fantasie- und Fantasy-Welten hat der 21-Jährige von seinem Vater. „Wir hatten zu Hause viele Bücher und haben viele Tischrollenspiele gespielt“, erzählt er. Dass es eine große Larp-Gemeinschaft in Deutschland gibt, hat er im Internet herausgefunden.

Convention in Köln

Ein Besuch auf der Role-Play-Convention in Köln legte 2014 den Grundstein für seine Leidenschaft. Die Publikumsmesse präsentierte Computer- und Konsolenspiele, Literatur, Comics, Workshops, Lesungen – und hier stellte Bruno den ECW mit seiner Jugendarbeit vor. „Noch vor Ort habe ich mich für ein Event angemeldet“, erzählt Samuel, der in Darmstadt aufgewachsen ist. Seitdem war er auf jeder Veranstaltung. Seit einigen Jahren gehört er der Lagerleitung an und hat die Position des „Kastellan“ inne. Seine Aufgabe ist es, die Befehle des „Tribuns“ durchzusetzen und im Lager für Disziplin und Ordnung zu sorgen.

Die meisten Veranstaltungen spielen in „Selbion“, einer fiktiven Welt, die zeitlich etwa im Mittelalter angesiedelt wird. Maike verkörpert gleich zwei Charaktere. Sie ist als Kriegerin, aber auch als Maestra, eine Gelehrte, unterwegs. Während des Spiels laufen allen Informationen bei ihr zusammen. „Ich bin sozusagen der Nachrichtendienst“, sagt sie und lacht.

Originalgetreue Darstellung

Bevor sie sich mit Larp auseinandersetzte war Maike in der Cosplay- und Reenactment-Szene aktiv. Beide Richtungen haben eines gemeinsam: das Vorbild so originalgetreu wie möglich darzustellen. Bei Cosplay sind es hauptsächlich Anime- oder Mangafiguren, bei Reenactment geht es um die Inszenierung konkreter geschichtlicher Ereignisse.

In die Villa mit ihrer abgeschiedenen Lage hat sich Maike gleich verliebt. „Das Atrium und der Innenhof gehören zu meinen Lieblingsorten“, erzählt die 30-Jährige, die aus Heidelberg stammt. Die Kärner-Villa bietet viel Platz um kreativ zu sein. Ideal für Maike: Sie erstellt Bastelvorlagen und näht Kostüme.

Gleiche Lebenseinstellung

So magisch und bunt die Veranstaltungen auch sein mögen, so normal wirkt das alltägliche Leben der drei Bewohner. „Vor zwei Jahren haben wir den Entschluss gefasst, eine WG zu gründen“, erzählt Samuel. Vor einem Jahr zogen sie zu dritt nach Wiesau. Die Kärner-Villa haben sie zufällig im Internet gefunden.

Die WG hat für alle einen großen Vorteil: „Wenn man zusammen wohnt, kann man bereits beim Frühstück vieles besprechen“, meint Bruno. „Durch das gemeinsame Leben, muss man sich für das Hobby keine Freiräume mehr schaffen“, ergänzt Samuel, der Philosophie studiert. Im Verein ECW gelten drei Leitsätze, die Maike, Samuel und Bruno in ihren Alltag übernommen haben: „Ehre das Leben“, „Überwinde deine Angst“ und „Denke“. „Wir vertreten alle die gleichen Werte und Einstellungen zum Leben und geben für das Ziel einer guten Jugendbildung alles“, sagt Maike. „In dieser WG haben wir ein sehr persönliches, offenes und familiäres Verhältnis“, beschreibt Bruno. „Wir können über alles sprechen, Ernstes wie Lustiges. Eine Familie, die man sich aussuchen kann.“

Förderung durch Aktion Mensch

Maike und Samuel sind beim Verein als Mitarbeiter angestellt und bekommen ein Gehalt. Geld nimmt der Verein unter anderem durch Teilnahmegebühren und Spenden von Sponsoren ein. „Die Förderung für zwei Mitarbeiter bekommen wir von der Aktion Mensch“, erklärt Maike. Das Leitungsteam nimmt regelmäßig an Jugend- und Übungsleiter-Seminaren teil, bildet sich in Pädagogik und Aufsichtspflicht weiter. Finanzielle Zuschüsse gibt es auch von Stiftungen, wie der Doris-Wuppermann-Stiftung, die junge Menschen unterstützt, die sich für fairen Handel, gegen Rassismus und für Umweltschutz einsetzen.

Zu dritt sind sie in dem weitläufigen Anwesen aus den 1950er Jahren aber selten. Wann immer es sich einrichten lässt, besuchen Freunde und Vereinsmitglieder die WG. Am Holztisch frühstücken sie in den nächsten Tagen zu siebt. Martin (40), Valerie (29), Linda (18) und Marcel (20) sind zu Gast. Maike hat duftende Brötchen und Marmelade, Käse und Brotaufstriche aufgedeckt.

Sitzungs-Frühstück

Platzmangel haben sie in der Villa nicht. Im ehemaligen Bediensteten-Trakt sind nun die Gästezimmer, teilweise mit eigenem Bad. Hauptgesprächsthema sind die Veranstaltungen des ECW. So wird aus einem normalen Frühstück schnell eine Vorstandssitzung. Gemeinsam arbeiten sie an der perfekten Veranstaltung für Kinder und Jugendliche.

Das Leben in der Villa ist eigentlich perfekt. Allerdings könnte es im Winter ungemütlich werden. Die Heizung ist defekt. Deshalb sind die WGler auf der Suche nach einer neuen Bleibe. „Wir stellen uns ein Haus mit vielen Zimmern und großem Garten vor“, sagt Bruno. Perfekt wäre ein Grundstück in der nördlichen Oberpfalz. Denn im Steinwald mit seiner mystischen Anmutung möchten Maike, Samuel und Bruno gerne bleiben.

Mehr zum Larp-Zeltlager finden Sie hier

Wäldern bei Erbendorf
Hintergrund:

Ellodan Creative Works Jugendbildung e.V.

  • Der ECW ist ein gemeinnütziger eingetragener Verein und landesweit anerkannter Träger der freien Jugendhilfe
  • Für sein Konzept wurde der Verein vom Deutschen Live-Rollenspiel-Verband mit dem F.R.E.D. ausgezeichnet. Ein Preis für Nachwuchs- und Familienförderung
  • Die Veranstaltungen finden draußen statt und werden für Kinder zwischen sieben und elf Jahren, Kindern ab elf Jahren und Jugendliche ab 16 Jahren konzipiert
  • Ein Herzensanliegen des Vereins ist die Arbeit gegen Rechtsextremismus. "Auf den Events hat fremdenfeindliches und extremistisches Gedankengut keinen Platz", so Vorsitzender Bruno Wissenz
  • Die Veranstaltungen und Kurse sind grundsätzlich inklusiv. Förderungen gibt es hierfür von der Aktion Mensch.
  • Der Verein bietet eine grundlegende "Larp-Ausbildung". Die Teilnehmer lernen von der Pike auf, was Larp bedeutet, wie sie einen eigenen Charakter erstellen, wie man mit Larp-Waffen kämpft und sich bei anderen Veranstaltungen zurechtfindet.
  • Der ECW wurde vor zehn Jahren in Forchheim gegründet, sein derzeitig Sitz ist in Wiesau
  • Das Team besteht aus 40 ehrenamtlichen Helfern, die zum Gelingen des Events beitragen. Es werden Karten gezeichnet, Larp-Waffen gebastelt, das Lager mit auf- und abgebaut
Hintergrund:

Was ist Larp?

  • LARP ist die Abkürzung für Live Action Role Playing, übersetzt: Liverollenspiel
  • Rollenspiele bieten die Möglichkeit selbst in die Rolle eines Fantasyhelden, Zwerg, Elfen, Krieger oder Magier zu schlüpfen
  • Die "Spieler" treffen sich auf sogenannten "Cons" (von englisch Convention - Zusammentreffen)
  • Veranstalter verwandeln Burgen, Industrieanlagen mit aufwendigen Bauten, Dekoration und Technikeffekten in eine atemberaubende Spielwelt um. Während des Events muss ein Abenteuer gelöst und die neue Welt erforscht werden
  • Deutschlandweit gibt es jährlich mehr als 600 Veranstaltungen. Die Teilnehmerzahlen liegen zwischen 20 und 10.000 Spielern. Die Zahl der aktiven Spieler liegt geschätzt bei 30 000 bis 40000 Personen aller Alters- und Gesellschaftsgruppen
  • Die Faszination liegt in den kreativen, handwerklichen und künstlerischen Möglichkeiten, der Betätigung im Liverollenspiel wie Nähen, Basteln oder Schauspielern. Mit Gleichgesinnten Teil einer spannenden Geschichte zu sein schweißt zusammen. Schulung im Umgang mit ungewöhnlichen und unerwarteten Situationen werden Teamfähigkeit, Kommunikation und Lösungsfindung aktiv gefördert und gefordert.
  • Der Dachverband nennt sich: Deutscher Liverollenspiel Verband (DLRV)
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

 

Videos

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.