13.11.2019 - 14:11 Uhr
Hof an der SaaleDeutschland & Welt

Wo jedes Wort wirkt

„Und morgen gehört uns…“: Die Ansage des Perserkönigs Xerxes ist unmissverständlich – ganz gleich, ob er Griechenland oder doch die ganze Welt meint. Die Pose mit dem rechten Arm lädt zur Spekulation darüber ein, wie zeitlos das Werk ist.

Einsichtigkeit oder Demut muss man von Perserkönig Xerxes (vorne) am Theater Hof nicht erwarten.
von Holger Stiegler (STG)Profil

Mit der Tragödie „Die Perser“ nach Aischylos, wiedergegeben in der Fassung von Durs Grünbein, gelingt am Theater Hof eine packende Inszenierung, die die Besucher 100 Minuten ohne Pause in den Bann zieht. Das Team Frank Behnke (Regie) und Frank Albert (Bühne und Kostüme) reüssiert mit einer optisch minimalistischen Interpretation des klassischen Stoffes, des ältesten erhaltenen Dramas der Welt. Um 480 v. Chr. griff das größte asiatische Heer um Xerxes die Griechen an. Diese galten als zahlenmäßig und technisch unterlegen und deswegen als leichte Beute. Doch in der Meeresenge von Salamis wurden die Perser von den Griechen durch einen Überraschungsangriff brutal geschlagen. Mehrere Hunderttausend Tote belegen, wie tief die Niederlage bei den Persern gesessen hat. Der Grieche Aischylos war selbst an der Schlacht gegen die Perser beteiligt genauso wie einige Jahre zuvor an der Schlacht bei Marathon.

Kompakt zusammengefasst gleicht das Stück einem Bericht, einer Klage der Perser über das Elend des Krieges und den verheerenden Folgen. Eine wie auch immer geartete „Handlung“ im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Auf die Bühne gebracht wird dies kammerspielartig von fünf Schauspielern, die – ohne Übertreibung – atemberaubend agieren. Es kommt an auf die Worte, auf die Gestik und die Mimik der Akteure, jeder Satz und jede Bewegung entfaltet eine enorme Wucht.

Die Botschaft von Aischylos ist ziemlich offensichtlich: Er stellt den Krieg mit seinem destruktiven Charakter in Frage, da dieser nur zu Leid und Elend führe. Die Tragödie soll somit eine Warnung vor weiterem Frevel, vor Übermut und Überheblichkeit sein. Und schlägt damit auch die Brücke in die Gegenwart. Egal, ob Anja Stange als Königsmutter Atossa, Steffen Weixler als Bote, Dominique Bals als Dareios‘ Geist, Jörn Bregenzer als Xerxes oder Alrun Herbing als Chorführerin – sowohl in den Einzelrollen wie auch als Chor liefert das Ensemble ein hochemotionales und ausdrucksstarkes Spiel. Die schräge Bühne kombiniert mit dem weiß-bleichen Äußeren der Akteure unterstreicht diesen Effekt.

Immer wieder wird das Schicksal – der „Daimon“ – beschworen, den man erzürnt habe und deswegen die Götter den Griechen den Sieg zugespielt haben. Der Vater des Xerxes erscheint als Dareios‘ Geist und redet sich in Rage ob der Dummheit und Überheblichkeit seines Sohnes („An den Göttern vorbei wollte er!“). Er klagt, dass Xerxes seine Weisungen missachtet habe.

Xerxes selber allerdings, der schließlich nach Persien zurückkehrt und rein optisch dem Rambo-Streifen „Last Blood“ entsprungen sein könnte, strotzt noch immer vor Überheblichkeit. Eine Krone allein reicht ihm nicht – und seine Niederlage verwandelt er schließlich dank geschickter Manipulation und Demagogie in der Art eines Joseph Goebbels sowie willfähriger Unterstützer in einen neuen Versuch, nach der Macht zu greifen: „Und morgen gehört uns...!“ Verdienter lang anhaltender Applaus.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.