22.09.2021 - 11:20 Uhr
WunsiedelDeutschland & Welt

Geheimnis eines Steinblocks gelüftet: Sensationsfund aus der Urzeit

Die Experten des Steinzentrums in Wunsiedel wollten lediglich ein Fossil aus einem Steinblock heraussägen. Doch dann entdecken Wissenschaftler viele weitere Knochen eines riesigen Urzeitlurchs.

Nach dem ersten Sägeschnitt wusste Dinosaurierforscher Frederik Spindler noch nicht, dass sich in dem Stein weitere sensationelle Funde verbergen.
von Autor FPHProfil

Von Matthias Bäumler

Als die Säge den Felsblock spaltet, herrscht einige Sekunden Stille. Eine gebogene braune Linie tritt an der hellen Sägefläche des Sandsteins zu Tage. Spätestens jetzt gibt es für Frederik Spindler kein Halten mehr. „Ach Du Sch...“, „Ist das geil, das ist einfach unglaublich.“ Die braune Linie entpuppt sich als nichts weniger als die Schulterplatte eines riesigen Urzeitlurchs. Und das in der Sägehalle des Steinzentrums Wunsiedel.

Was war geschehen? Am Dienstag haben die Experten des Wunsiedler Steinzentrums wie häufig mal dem Landesamt für Umwelt geholfen. Wenn die Mitarbeiter der Behörde mit Standorten unter anderem in Hof, Kulmbach und Marktredwitz Steine sägen lassen müssen, wenden sie sich gerne an die Profis im Kompetenzzentrum für berufliche Bildung im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk.

Steinblock mit CNC-Säge geteilt

Die „Amtshilfe“ am Dienstag hatte es in sich: In der Sägehalle sollten die Techniker den versteinerten Unterkieferknochen eines urzeitlichen Riesenlurchs aus einem großen, 670 Kilogramm schweren Sandsteinblock, herausschneiden. Rein technisch ist so etwas für den CNC-Techniker Thomas Müller vom Steinzentrum kein Problem. Er spannt in seine computergesteuerte Säge ein diamantbeschichtetes Blatt ein, stellt auf dem Display die notwendigen Parameter ein und los geht’s. „Allerdings mussten wir penibel darauf achten, dass der Sandsteinblock nicht verrutscht.“

Mit Gips und einigen Spanngurten hat Thomas Müller unter den Augen des Dinosaurier-Wissenschaftlers Frederik Spindler vom Dinosaurier-Museum im oberbayerischen Denkendorf alles vorbereitet. Unter der Säge liegt jetzt eine urzeitgeschichtliche Sensation: Der Kieferknochen, den im Juli Arbeiter eines Steinbruchs im Steigerwald bei Bamberg gefunden haben, ist 230 Millionen Jahre alt. „Es handelt sich um den größten Urlurch, der jemals in Bayern gefunden wurde“, sagt Spindler im Gespräch mit der Frankenpost. Der gut 70 Zentimeter lange Knochen gehörte einem Mastodonsaurier. Das Tier hatte demnach eine Länge von wahrscheinlich sechs Metern.

Schulterplatte eines Riesenlurchs

Eigentlich sollte Thomas Müller Stück für Stück des Sandsteinbrockens abtrennen, bis der Kieferknochen in den „Hobbitsarg“ passt, wie Frederik Spindler die hölzerne Transportkiste liebevoll bezeichnet. Doch so weit sollte es nicht mehr kommen.

Als der Wissenschaftler nach dem zweiten Sägeschnitt in der dunkelbraunen Linie eine Schulterplatte erkennt, lässt er die Arbeiten einstellen. Vier Brocken liegen nun auf dem Boden der containergroßen CNC-Maschine. „Oh Gott, was ist denn das, das gibt es doch nicht“, sagt Spindler mit sich vor Aufregung fast überschlagender Stimme. Nach und nach entdeckt er mit geschultem Blick immer weitere Knochen. Erst die Schulterplatte des Riesenlurchs, dann einen Teil der Schnauze, einen beeindruckenden, sicher fünf Zentimeter großen Fangzahn und auf einmal einen Oberschädelknochen. „Jetzt hat sich die Sensation verdoppelt“, sagt der Wissenschaftler, der sein Glück kaum fassen kann.

Lurch nach Kloster Ebrach benannt

In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind in einem Steinbruch im Steigerwald schon einmal Knochen eines Riesenlurchs gefunden worden. Das alte Exemplar war lediglich halb so groß und stammte vermutlich von einem jüngeren Tier. Die Gattung des Lurchs innerhalb der Familie der Mastodonsaurier wurde nach dem in der Nähe des Fundortes liegendem Klosterörtchens Ebrach „Cyclotosaurus ebrachensis“ genannt.

In der Fachliteratur wird die Gattung mit einer Länge von drei bis 4,3 Metern beschrieben. Anhand des neuen Fundes aus dem Steigerwald und der in Wunsiedel freigelegten Knochen dürfte nun aber feststehen, dass die Amphibien, die ökologisch als Vorläufer der heutigen Krokodile gelten, auch deutlich größer wurden.

Funde sollen in Hof ausgestellt werden

Außer dem seit Juli bekannten Kieferknochen ist nun vor allem der Oberschädelknochen für die Forschung interessant. „Sollte es sich tatsächlich als einer herausstellen – ganz sicher sind wir erst, wenn wir ihn komplett freigelegt haben – können wir ihn mit dem des historischen ,Ebrachensis’ vergleichen. Dann haben wir es dingfest“, sagt Spindler.

„Eigentümer“ der urzeitlichen Knochen ist das Landesamt für Umwelt. „Das ist schon eine Sensation“, sagt auch der Leiter des Geologischen Dienstes am Landesamt, Roland Eichhorn. Die Behörde stellt nun die Sensationsfunde den Forschern in Denkendorf zur Verfügung, die eventuell in Handarbeit weitere Knochen freilegen werden und diese präparieren. „Danach werden wir die Funde in Hof ausstellen“, verspricht Eichhorn.

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Dinosaurierforscher Frederik Spindler zeigt eine Zeichnung der Kieferknochen eines Urzeitlurchs, der Sandsteinblock.beim Zersägen im Steinzentrum in Wunsiedel entdeckt wurde.
Hintergrund:

Steinzentrum Wunsiedel

  • Das Steinzentrum Wunsiedel ist ein Kompetenzzentrum für berufliche Bildung im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk und beinhaltet das Deutsche Natursteinarchiv.
  • Das Deutsche Naturstein-Archiv dient der Forschung und der Lehre, der Dokumentation und Information über Naturwerkstein.
  • Das Naturstein-Archiv hat einem Bestand von mehr als 6000 Musterplatten einheitlichen Formats. Es gilt es als größte Sammlung dieser Art in der Welt. Allein aus Deutschland sind rund 1500 verschiedene Gesteine ausgestellt. Die Musterplatten sind aus rund 100 Staaten.

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