Wie würde man sich selbst dabei fühlen? Da kommt einer dahergelaufen und kann all das, was einem selbst trotz aller Bemühungen nicht gelingt. Und der andere schert sich um keinerlei Konventionen, macht, was er will, und hat Erfolg. Wie ausgeprägt und wie schnell dabei Neid, Missgunst oder auch Hass entstehen, muss jeder für sich selbst entscheiden. Was in der Theaterfigur Antonio Salieri vorgeht, wenn er an Wolfgang Amadeus Mozart denkt und ihn erlebt, ist menschlich nachvollziehbar. Welche Form dies annimmt, verdeutlicht das Schauspiel „Amadeus“ von Peter Shaffer, mit dem am Freitag die Abendspielzeit der diesjährigen Luisenburg-Festspiele eröffnet wurde.
Nach zwei Corona-Jahren sollen es endlich wieder „normale“ Festspiele werden, betonen die Eröffnungsredner Bürgermeister Nicolas Lahovnik, Staatsminister Florian Herrmann und Künstlerische Leiterin Birgit Simmler übereinstimmend. Doch sie liegen allesamt falsch, wie der Abend beweist: Was das Publikum an diesem Abend zu sehen bekommt, geht weit über das „Normale“ hinaus. Denn es ist ein edles und erlesenes Drama, kurz: „Sprechtheater de luxe“. Letztlich wird erzählt, wie Hofkapellmeister Antonio Salieri den Emporkömmling und das Wunderkind Mozart zugrunde richtet. Oder um Salieri selbst sprechen zu lassen: „Ich kämpfte nicht mit Mozart, sondern durch ihn mit Gott!“ Es ist freilich keine Biographie Mozarts, die den Zuschauern präsentiert wird, sondern überwiegend Fiktion – bis hin zur Frage, ob Salieri seinen Konkurrenten ermordet hat.
Der Erfolg der Inszenierung hat viele Mütter und Väter: Regisseurin Veronika Wolff (Assistenz: Sönke Schnitzer) hat die Chuzpe, der bekannten farbenfrohen und kostümexzessiven Miloš-Forman-Verfilmung eine Kammerspiel-Interpretation auf großer Bühne gegenüberzustellen. Dieser durchaus mutige Ansatz schlägt sich auch im Bühnenbild (verantwortlich: Sabine Lindner) sowie in den Kostümen (verantwortlich: Marion Hauer) nieder. Alles ist in weiß gehalten, alles sehr reduziert, lediglich Salieri mit dunkler Kleidung und „Paradiesvogel“ Mozart stechen heraus. Im Zentrum stehen das Schauspiel und das Gesprochene, nichts lenkt davon ab. Immer wieder werden Ausschnitte aus Werken Mozarts eingespielt, die zusätzliche Spannung verleihen. Tragik und auch etwas Komik bilden eine Symbiose in dieser Inszenierung.
Jimmy Hartwig als Joseph II.
Als Mozarts wandlungsfähige Ehefrau Constanze weiß Janina Raspe zu überzeugen, die mit ihrer Darstellung nochmals beweist, warum sie im vergangenen Jahr mit dem Nachwuchspreis der Festspiele ausgezeichnet worden war. Famos agieren die beiden „Venticelli“ Lisa Mader und Nikola Norgauer, die als Entourage von Salieri für Klatsch, Tratsch, Gerüchte und Fakten zuständig sind. Ihre Auftritte sorgen immer wieder auch für die komischen Momente des Abends. Das höfische Leben verkörpern Jimmy Hartwig als Kaiser Joseph II. sowie als dessen Hofschranzen Julian Niedermeier in der Rolle des Graf von Strack, Jens Wassermann als Graf Orsini-Rosenberg und Lukas Schöttler als Van Swieten.
Viel Applaus und „Bravo“-Rufe gibt es für das Ensemble und für eine Inszenierung, die neue Maßstäbe auf der Luisenburg setzt. Theaterherz, was willst Du mehr?
Kaisers viele Facetten
Dieses Konzept kann aber nur gelingen, wenn auch das Ensemble dazu passt. Und hier ist man versucht, zumindest im übertragenen Sinne auf die Knie zu gehen oder den Hut zu ziehen: Alle neun Akteure auf der Bühne liefern Grandioses ab, getragen werden sie dabei von den atemberaubenden Leistungen der Protagonisten Paul Kaiser in der Rolle des Salieri sowie Philipp Moschitz als Mozart.
Kaiser zeigt in vielen Facetten, wie sehr Salieri die musikalische Gabe Mozarts schätzt, die eigene Unvollkommenheit ihn belastet, der Neid ihn zum Agieren ohne Mitleid treibt und er schließlich dabei auch selbst zugrunde geht. Der Schweizer Schauspieler, der seit vielen Jahren bei den Festspielen dabei ist, gelingt die Darstellung eines echten „Kotzbrockens“, mit dem man trotzdem auch mitfühlt. Mozart, der impertinent-infantile Wirrkopf und das selbstverliebte Komponisten-Genie, hat in Moschitz einen perfekten Darsteller gefunden. Das Verrückte und das Wahnsinnige der Rolle liefert er gleichermaßen überzeugend ab wie das Gebrochene und das Verzweifelte. Wenn er über die Bühne hüpft, kriecht und springt, dann bekommt die Vorstellungen von einem Eichhörnchen auf Koks eine konkrete Gestalt.
Luisenburg-Festspiele
- Weitere "Amadeus"-Aufführungen: 18. Juni, 1., 3., 9., 17., 22. und 28. Juli sowie 5. August
- Premieren der weiteren Eigenproduktionen: Am 24. Juni "Der Sturm" sowie am 8. Juli "Zeitelmoos"
- Weitere Informationen unter www.luisenburg-aktuell.de














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