15.07.2019 - 00:04 Uhr
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Unsterbliche Liebe auf der Luisenburg

Bereits der Titel ist grottig: "Romeo und Ethel, die Piratentochter." Will Shakespeare hat die Komödie zweimal verkauft, aber noch nicht mehr als dies zu Blatt gebracht hat. Er braucht Inspiration, eine Muse. Doch er bekommt viel mehr.

von Tobias Schwarzmeier Kontakt Profil

"Shakespeare in Love" beginnt mit einem Monolog, der auch den Theaterfreunden bei der verregneten Premiere der Liebesgeschichte bei den Luisenburg-Festspielen verdächtig bekannt vorkommt. Nur dass die "Feindschaft zweier Häuser" in diesem Fall nicht Adelige in Verona meint, sondern die Theatermacher Philip Henslowe (Paul Kaiser) und Richard Burbage (Martin Brunnemann), die sich bekriegen. Um Stücke und Geld. Damit ist der Boden der fiktiven Entstehung von Shakespeares berühmtestem Drama "Romeo und Julia" bereitet.

Shakespeare (Marc Schöttner) ist ein Alltagsschreiber. Er nimmt erlebte Situationen, Sätze oder Namen auf und baut sie in seine Geschichten ein. Seien es die schnell dahingesponnenen, aber nicht weniger brillanten Ideen, die sein begabterer Konkurrent und Freund Christopher Marlowe (Andreas Thiele) aus dem Ärmel schüttelt, oder Analogien über Nachtigallen und Lerchen. Außerdem sind die Zutaten einer Komödie bewährt: Verwechslungen, vielleicht ein Schiffbruch und die Liebe, die am Ende triumphiert. Ach, und ein Hund sollte auch dabei sein. Dieses Mal reicht all dies jedoch nicht: Shakespeare hat eine veritable Blockade.

Die Theaterfassung, basierend auf dem oscarprämierten Film mit Joseph Fiennes und Gwyneth Paltrow, entwickelt den Plot bei weitem nicht so elegisch-romantisch dahinplätschernd wie der Filmstoff. Wer den Film mag, wird das Theaterstück lieben. Philipp Moschitz hält in seiner sehenswerten Inszenierung das Spieltempo unglaublich hoch. Die Vielzahl der Konflikte zwischen den Liebenden sowie den sehr eigenen Charakteren in ihrem Umfeld und im streitsüchtigen Theatervolk – wie etwa Marlowe oder eine Alice-im-Wunderland-artige Königin – erzeugen eine ungeheure Dynamik.

Liebe bringt die Wende

Shakespeare hadert zunächst, bis die theatersüchtige Viola de Lesseps sein Dasein als Autor und Mensch in Aufruhr bringt. Während er um die mit Lord Wessex (stark: Georg Münzel) verlobte Frau wirbt, spielt sie ihrem bewunderten Autor in einem aberwitzig-desaströsen Casting als Romeo vor. Da Frauen im Elisabethanischen Zeitalter die Theaterbühne verwehrt ist, verkleidet sie sich als Mann. Ricarda Seifried wirbelt elegant zwischen den Geschlechterrollen und brilliert in Momenten wie einem gender-verwirrenden Kusstraining, in dem Shakespeare der als Romeo verkleideten Viola demonstriert, wie sie seine/ihre Geliebte (Matthias Zeeb) küssen soll.

Das Publikum kann sich vor Lachen kaum halten, ebenso bei der "Balkonszene" auf dem Dach eines Wohnwagens, oder einer Schlauchbootfahrt auf dem Dach einer Ape, mit einem urkomisch-stereotypen Gondoliere (Andreas Thiele). Musikpassagen, Shakespeare-Bonmots und Pop-Kultur-Anspielungen geben Längen keine Chance. Gesangs- und Tanzszenen wie zu Monty Pythons "Bright side of life" oder "Greased Lightning" sowie slapstick- oder rapartigen Dialoge a la Funès ("Nein!? - Doch! - Ohh!") begeistern.

Zurück in die Wirklichkeit

Doch das Leben und auch "Shakespeare in Love" ist keine Komödie. Nach einer leidenschaftlichen Affäre müssen sich Will und die mittlerweile verheiratete Viola trennen. Der Abschied kommt bei die Uraufführung von "Romeo und Julia", die letzte Verwicklungen mit sich bringt. Dass die beiden Liebesgeschichten nichts von ihrer tragischen Intensität verlieren, ist der glänzenden Leistung von Ricarda Seifried und Marc Schöttner zu verdanken, die mit viel Emotion und Ausdruck die abrupten Tempiwechsel hin zu den romantisch-tragischen Parts meistern.

Es fügt sich alles zusammen, wird in die richtige Perspektive gestellt. Romeo & Julias dramatische Sterbeszene rückt auf einer entfernteren Ebene der Felsenbühne in den Hintergrund, während das echte Drama in voller Intensität abläuft. Was bleibt, ist ein Stück, das die Liebe und ihre Protagonisten unsterblich machen wird. Und ein Autor, der klar die nächste Liebesgeschichte vor Augen hat, seine eigene. Eine besonders bewegende zwar, aber ein zu hoher Preis, eine Schreibblockade zu lösen.

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