23.08.2019 - 13:42 Uhr
WunsiedelDeutschland & Welt

Walzerträume zum Abschied

Der Operettenbühne Wien gelingt mit dem "Walzertraum" ein toller Abschied von den Luisenburg-Festspielen: Wunderbare Melodien verzaubern und das Ensemble überzeugt stimmlich wie schauspielerisch.

von Holger Stiegler (STG)Profil

Irrungen, Wirrungen, Liebeleien und vor allem herrliche Melodien - die machen eine gute Operette aus. Oscar Straus ist vor gut 100 Jahren so ein Werk gelungen: "Der Walzertraum" der Operettenbühne Wien feierte am Donnerstagnachmittag gelungene Premiere bei den Luisenburg-Festspielen.

"Wird die Operettenbühne jetzt doch noch modern und flippig?", das mag sich mancher Besucher vielleicht gefragt haben. Zwei junge Kerle in Jeans und T-Shirt erscheinen auf der Bühne, offensichtlich haben sie die Nacht zum Tag gemacht und tüchtig gefeiert. Einer fällt gleich ins Bett. Darüber: ein "The Walking Dead"-Plakat. Kaum im Schlaf, verwandelt sich der junge Mann in den Wiener Leutnant Niki - und dann beginnt doch noch der in traditionellen Gewändern gehaltene "Walzertraum".

Bei vielen Operetten ist die Handlung bekanntermaßen verzichtbar, beim "Walzertraum" wird gar nicht erst versucht, Logik und Sinnhaftigkeit einzubauen. Eine dünne Geschichte bildet die Klammer für allerdings herausragende Melodien: Ohne einander richtig zu kennen, haben Prinzessin Helene von Flausenthurn und der Wiener Leutnant Prinz Niki geheiratet. Helene, die Niki mehr liebt als er sie, ahnt, dass es einige Zeit dauern wird, bis sie ihn ganz gewonnen hat. Erst einmal besteht Niki, sehr zum Verdruss des regierenden Fürsten, der bald einen Stammhalter will, auf ein eigenes Schlafzimmer. Gegenüber seinem Regimentskameraden Montschi beklagt der junge Leutnant seine neue Lebenssituation. Als er von einem nahegelegenen Gartenrestaurant Wiener Walzer hört, überfällt ihn das Heimweh nach Wien, und er beschließt, abends heimlich das Lokal zu besuchen. Dort bestreitet eine Wiener Damenkapelle das musikalische Programm. Er flirtet mit Dirigentin Franzi, die ihrerseits an dem feschen Offizier Gefallen findet. Und so ergibt ein Missverständnis das andere, eine Verwandlung folgt auf die nächste, kleine Intrigen werden gesponnen - bis dann zum "Happy-End" die Prinzessin doch noch ihren Leutnant für sich gewinnen kann. Eine Geschichte, die nur die Operette schreiben kann.

Wo die Handlung dünn ist, kommt es auf die Bühnenakteure an: Und da geht das Konzept von Regisseur Heinz Hellberg voll auf. Das Ensemble überzeugt auf ganzer Linie stimmlich wie auch schauspielerisch: Stefan Reichmann als Leutnant Niki gibt jeweils mit seinen stimmlich begeisternden Partnerinnen Ella Tyran als Prinzessin Helene und Elisabeth Hillinger als Franzi ein hervorragendes Duo ab. Den stimmlich stärksten Part des Abends liefert Alexander M. Helmer in der Rolle des Leutnant Montschi ab. Jede Menge komödiantisches Geschick beweisen Elfie Gubitzer als Oberhofmeisterin Friederike, Viktor Schilowsky als Fürst Joachim, Jan Reimitz als Graf Lothar und besonders Susanne Hellberg als stets hungrige Schlagzeugerin Fifi. Musikalischer Leiter Laszlo Gyükér hat das Orchester gut im Griff, den wunderbaren Melodien verleihen die Instrumentalisten den richtigen Schwung. "Leise, ganz leise klingt's durch den Raum...", "Komm her, du mein reizendes Mäderl", "Pikkolo! Pikkolo! Tsin - tsin - tsin!" und weitere Ohrwürmer schwirren durch das Auditorium. Auch das Ballett kann auf ganzer Linie überzeugen. Regisseur Heinz Hellberg hat bei seiner Arbeit fast auf Experimente verzichtet - eines unternimmt er dann aber trotzdem und fügt es in die Inszenierung passend ein.

Er selbst betritt als Kutscher die Bühne und interpretiert das berühmte Fiakerlied ("Mei' Stolz is, i' bin halt an echt's Weanakind, a Fiaker, wie man net alle Tag' find't"), das einige Jahre älter als die Operette ist. Für den ausgebildeten Opernsänger Hellberg ist es seine Weise, sich vom Publikum in Wunsiedel persönlich zu verabschieden: Nach 20 Jahren endet mit dieser Spielzeit nämlich das Engagement von Hellbergs "Operettenbühne Wien" bei den Festspielen. Mit dem "Walzertraum" ist ein gelungener Schlusspunkt hinter dieses Kapitel gesetzt - der kräftige Beifall des Publikums ist verdient.

Bis Mittwoch, 28. August, wird die Operette aufgeführt, zum Teil sind noch Restkarten erhältlich. Weitere Informationen unter www.luisenburg-aktuell.de

Hintergrund: Ensemblewechsel:

Nachdem es im Juni zu Unstimmigkeiten zwischen der Stadt Wunsiedel und der Operettenbühne Wien kam, weil diese den Vertrag der Bühne nach 20 Jahren nicht mehr verlängert hatte, seien nun alle Missverständnisse aus dem Weg geräumt. Das stellten Karl-Willi Beck, Bürgermeister von Wunsiedel, sowie Susanne und Heinz Hellberg (Operettenbühne Wien) in einer Erklärung vom 23. August dar. Beck macht darin deutlich, dass der Grund des Ensemblewechsels rein im Wunsch der „künstlerischen Veränderung“ zu suchen sei und es sich keinesfalls um einen „Rausschmiss“ der Operettenbühne gehandelt habe – da der Bühne für die kommende Saison nur kein neuer Einjahres-Vertrag mehr angeboten worden sei. Im kommenden Jahr steht die Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß (Sohn) auf dem Programm. Die musikalische Leitung soll dann Professor Bernhard Steiner übernehmen. (olr/fph)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.