Träumen mit vier Saxophonen

Gibt es noch Menschen, die ungeachtet der großen Politik an „American Dreams“ glauben? Der beachtliche Besucherandrang im Wurzer Pfarrgarten beim sonntäglichen Konzert lässt hoffen.

Outfit-Wechsel nach der Pause: Ein turnbeschuhtes Saxophonquartett
von Harald BäumlerProfil
Die Musiker vom „Arcis Saxophon Quartett“ zeigten sich vom herrlichen Ambiente im Wurzer Pfarrhof begeistert und machten nach der Zugabe noch ein Selfie zum Abschied fürs Fotoalbum.
Stille Zuhörerin im Rosengarten

Das "Arcis Saxophon Quartett" (ASQ), nach 2016 nun zum zweiten Mal zu Gast in Wurz, hatte ein kluges und hohe Erwartungen weckendes Programm unter dem Motto „American Dreams“ mitgebracht: Vier bekannte amerikanische Komponisten und ein mehr als bekannter Europäer, der sein Werk in Amerika komponiert hatte.

Ungezählte Superlative eilen den jungen Musikern – Claus Hierluksch (Sopransaxophon), Ricarda Fuss (Altsaxophon), Edoardo Zotti (Tenorsaxophon), Jure Knez (Baritonsaxophon) – voraus. Bereits 2009 haben sie sich während ihres Studiums zusammenschlossen und seitdem ein steile Karriere erleben dürfen. Seit 2013 konnten sie acht wichtige nationale und internationale Musikpreise erringen und durften auch in großen internationalen Konzertsälen ihr Debut feiern. Der bekannte deutsche Komponist Enjott Schneider fand besonders ausdrucksvolle Worte für die Musiker des "ASQ": „Ein Super-Ensemble, das „noch brennt“, innovativ und wild aufs hochqualitative Musizieren ist.“

Feuerprobe mit Minimal Music

Eine ganz besondere Probe ihres Feuers präsentierten die vier Musiker zu Beginn des Konzerts. Und stellten auch gleich von Anfang an klar: Saxophon kann nicht nur Jazz, sondern weit mehr. Ohne Netz und doppelten Boden, sprich ohne jegliche Vorwarnung oder Erläuterung konfrontierten sie das Publikum mit Steve Reichs „New York Counterpoint“ aus dem Jahr 1985. Diese Komposition aus dem Stilbereich der Minimal Music, im Original ein dreisätziges Werk für einen Klarinettisten im Dialog mit einem Dutzend weiterer Klarinetten auf Tonband, wurde für die Wiedergabe mit dem Saxophon-Quartett entsprechend umgearbeitet. Die Musik will die pulsierende Lebendigkeit von Manhattan nachzeichnen. Auch in Wurz erklangen die nicht anwesenden Saxophone aus dem Lautsprecher. So ergab sich ein schillerndes Kaleidoskop an Klängen und Rhythmen, das eine besondere Sogwirkung erzeugte. Beeindruckend war die Präzision im Zusammenspiel der Musiker auf der Bühne mit ihren elektronischen Mitspielern.

Antonin Dvořák schuf während eines Ferienaufenthaltes in den USA im Juni 1893 sein 12. Streichquartett, das den Beinamen „Amerikanisches“ trägt. Die Stille der ländlichen Abgeschiedenheit findet ihren Widerhall in den musikalischen Mitteln, die auf formale Einfachheit und rhythmische Vielfalt ausgerichtet sind. Das "ASQ" hat dieses Streichquartett für die Wiedergabe mit Saxophonen eingerichtet und mit viel Herzblut interpretiert. Es ist vollkommen verständlich, dass nicht alle Details des Originals, die auf die musikalischen Mittel von Streichinstrumenten zugeschnitten sind, bruchlos in die Saxophonwelt übertragen werden können. Aber dennoch gelang es "ASQ", die Stimmung originalgetreu einzufangen und die Zuhörer mit traumhaftem Zusammenspiel und wunderbaren Soli gedanklich in die ländliche Welt der USA zu zaubern.

Ganz nah am Musiker

Die Nähe zum Podium ermöglicht es den Zuhörern in Wurz auch intensiv die Interaktion der Musiker zu beobachten. Nicht nur einmal veranschaulichten die Musiker (unbewusst?) durch ihr optisches Zusammenspiel musikalische Linien und Formzusammenhänge. Herrlich zu beobachten die reiche Welt feiner Blicke zur Koordination. Da wird schnell klar: Hier musizieren Menschen, die sich musikalisch bis in den tiefsten Winkel der Seele kennen und sich aufeinander bedingungslos ein- und verlassen.

So auch in der Suite aus Leonard Bernsteins „West Side Story“. Wieder erklang ein von "ASQ" sich selbst auf den Leib maßgeschneidertes Arrangement voller sprühender Intensität. Traumwandlerisch in der rhythmischen Präzision, klanglich wie auf einem anderen Stern, mitreißend bis zur Steigerung des eigenen Pulses. Stillsitzen möglich? Fehlanzeige! Verständlich, dass sich die Begeisterung des Publikums zwischen jedem Satz entladen musste. Die Begriffe „Sternstunde“ oder „Genialität“ werden gerne inflationär eingesetzt. Aber an dieser Stelle sind sie absolut angebracht.

Wer nach diesem Erlebnis eine Steigerung nicht für möglich gehalten hätte, wurde in Samuel Barbers Adagio mehr als überrascht. Die schier endlosen Linien des Adagios, die schon für eine reiche Streicherbesetzung zur Herausforderung werden, erklangen derart bruchlos, dass Zweifel an der Notwendigkeit von Atmung beim Saxophonspiel aufkommen hätten können. Die Fortissimo-Akkorde am Höhepunkt klangen wie in die Luft gemeißelt, absolut rein und klanglich ausgewogen.

Den Abschluss bildete die „Porgy and Bess“-Suite von George Gershwin, arrangiert von Sylvain Dedenon. Jetzt auswendig spielend, ohne trennende Notenpulte spielten die Musiker noch ein Stück freier und direkter. Das begeisterte Publikum erklatschte sich eine obligate Zugabe („Alla Czeka“ aus den fünf Stücken (original für Streichquartett) von Erwin Schulhoff), die den Kreis zum Beginn schloss: Saxophon kann mehr als Jazz. Hoffentlich bald wieder in einem der nächsten Konzertprogramme in Wurz.

Aktuell und Wissenswert

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