Wurzer Sommerkonzerte: Böhmen zu Gast in Bayern

Am Samstag gingen bei frühherbstlichem Wetter die 32. Wurzer Sommerkonzerte nun wirklich zu Ende. Den Kehraus bestritt das Stamitz-Quartett aus Prag mit Musik von Joseph Haydn, Antonín Dvořák und Bedřich Smetana.

von Peter K. DonhauserProfil

Liebevoll konzipiert von Dr. Rita Kielhorn, lockten immerhin 14 Konzerte in das stimmungsvolle Ambiente des historischen Pfarrhofes. Gut vertreten waren Musiker aus Tschechien wie das 1985 gegründete Stamitz-Quartett. Da darf Musik Böhmens nicht fehlen, bis hin zur mitreißenden Zugabe, einem Satz des Haydn-Zeitgenossen František Adam Míča (1746-1811).

Die bestens zusammengespielten Musiker pflegen den traditionellen Quartettstil ihrer Heimat: Bodenständig, ungekünstelt, musikantisch, mit „Seele“, mit viel Gespür für die von tschechischer Volksmusik und Sprache geprägte Melodik und Rhythmik. Als Zuhörer möchte man da in der Pause eher hemdsärmelig zum Pilsner Urquell als feingezwirnt zum Veuve Clicquot greifen.

Vier Charakterköpfe

Recht unterschiedliche Persönlichkeiten treten dann zum Vorschein: Dominierend, extrovertiert Spiritus Rector Bohuslav Matoušek, er hat sowohl eleganten Sautillé-Bogenstrich (Haydn, Finale) wie glühende Leidenschaft (Dvořák, Smetana) auf der Palette. Introvertiert, etwas verschattet und verhalten Josef Kekula an der zweiten Geige. Gelassen, mit erdigem Ton Bratschist Jan Pěručka. Vladimir Peixner spielt das auf der C- und G-Saite sowieso füllig klingende Violoncello zu oft mit dick aufgetragener Forte-Farbe. Anders als moderne „junge“ Quartette (Arod, Chiaroscuro) macht das Stamitz-Quartett wenig stilistischen Unterschied zwischen Klassik und Romantik: Beides spielen sie vibrato-freudig, flächig und auf Linie, passend für Smetana und Dvořák, weniger überzeugend bei Haydns filigranem „Lerchenquartett“ op. 64/5. Hier begegnet uns ein biederer „Papa Haydn“, musiziert mit viel Mezzoforte und wenig geschärften Lautstärke- und Farb-Kontrasten, Ecken und Kanten. Der geistvolle Witz von Haydns Musik wird wie beiläufig gestreift, das „Perpetuum-Mobile" des 4. Satzes schnurrt glatt-routiniert vorüber.

Böhmische Bekenntnismusik

In Dvořáks „Amerikanischem Quartett“ F-Dur op. 96 sind die Vier dann zu Hause. Richtig: Sie spielen nicht zu artifiziell ausgetüftelt. Der guten Akustik des Raumes trauen sie dann doch nicht ganz und verzichten auf ein an die Grenze gehendes zwei- bis dreifaches Piano, wie es Dvořák unter anderem im Lento vorgegeben hat. Derbe Tanzrhythmik im Molto vivace. Ansteckende Spielfreude im Finale, Begeisterung.

Ein großer Wurf gelingt dem Quartett mit Smetanas 1. Quartett e-Moll „Aus meinem Leben“. Wie selbstvergessen lässt sich der Primarius auf die Musik ein, voll Hingabe, Glut, Betroffenheit. Perfekt Intonation und Zusammenspiel. Auf den Punkt das melancholische Cello-Solo zu Beginn des Largo sostenuto. Im Finale dann Smetanas Schock-Erlebnis: Ein Tinnitus-Ton in Gestalt eines „e4“. Die Reaktion Smetanas deutet das Quartett nicht als Schreck-Starre und depressive Verzweiflung: „Was soll’s?“ Die Zeit zuvor war doch voll beglückender Erfüllung. Abgedruckte Satzbezeichnungen und Erläuterungen zu den Werken wären hilfreich gewesen.

Aktuell und Wissenswert

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