31.08.2018 - 18:39 Uhr
Deutschland & Welt

Zeitlose Lebkuchenfeste

Von wegen Weihnachten: Früher gab's den "Kuchen vom Laib" zu allen Jahreszeiten

Lebkuchen vor der Sonne: Printen, Spekulatius und Dominosteine türmen sich schon jetzt in den Supermärkten.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

(jrh) Alle Jahre wieder Erstaunen und Empörung: Wenn Anfang September Lebkuchen, Spekulatius und Zimtsterne Einzug in den Handel halten, fühlen sich viele weihnachtlich vor den Kopf gestoßen - gerade noch Meer, Sonne, Strand und jetzt der Geruch nach Nelken und Zimt.

Dabei belegen Chroniken, dass sich am jährlichen Backrhythmus seit 1950 wenig geändert hat: "Jedes Jahr um die selbe Zeit, wird der Handel beliefert", sagt Andreas Hock, Pressesprecher des Nürnberger Traditionsunternehmens Lebkuchen-Schmidt, dem weltweit ältesten Versender. "Edeka würde keine Lebkuchen-Displays aufstellen, wenn sie nicht nachgefragt würden."

"Wir backen nicht das ganze Jahr durch", schränkt der Sprecher ein, "wir müssen aber im Sommer backen, weil der Handel Ende August seine Regale füllen will." Soweit zum Faktischen. Der Kulturschock folgt. Wer glaubte, der sommerliche Lebkuchen gefährde die christlich-abendländische Backwerkkultur, bekommt mit Hocks nächstem Argument die inhaltliche Retourkutsche: "Wer sich geschichtlich auskennt, der weiß, Lebkuchen waren historisch kein Weihnachtsgebäck."

Zu Ehren des Kaisers

Auch das noch: "Im 17. Jahrhundert wurde das edle Gebäck, das sich wegen teurer Gewürze und wertvoller Nüsse nur Reiche leisten konnten, zu Ehren des Kaisers gebacken", lehrt Hock. War der erste Mann im Staat zu Gast in Nürnberg, gab's Lebkuchen - egal zu welcher Jahreszeit. Das Oblatengebäck - in heutiger Form im 11. Jahrhundert im belgischen Dinant erfunden, von deutschen Nachbarn als Aachener Printen übernommen, von fränkischen Klöstern leicht abgewandelt, als Pfefferkuchen 1296 in Ulm erwähnt, seit dem 14. Jahrhundert in Nürnberg belegt - erfreute sich bald als Volksfest-Delikatesse großer Beliebtheit: Je nach Jahreszeit kredenzten "Lebkuchen-Feste" Honigküchlein in Form von Blumen im Frühjahr oder Vögeln im Herbst. In Nürnberg gibt es Ganzjahresläden, die nicht nur an Touristen verkaufen.

Auch in der Weidener Bäckerei Brunnerläuft die Produktion nächste Woche an - voraussichtlich: "Das entscheiden wir spontan", sagt Verkaufsleiterin Petra Zimmert. Ein wenig wetterabhängig sei die Entscheidung doch: "Wenn der Hochsommer noch mal so richtig aufdreht, verschieben wir den Auftakt um ein oder zwei Wochen." Zimmert ist seit über 20 Jahren im Geschäft. Auch sie dementiert, dass Weihnachten immer früher über Deutschland hereinbreche: "Wir backen immer zur gleichen Zeit." Aber auch sie kennt die Überraschung der Kunden - meist eine freudige: "Schon wieder Weihnachten", zitiert sie, "ach wissen Sie was? Geben Sie mir mal einen."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp