06.09.2019 - 10:32 Uhr
Deutschland & Welt

Zeitzeuge Alexander Fried: Flucht nach Wien

Alexander Fried hat drei KZ und den Todesmarsch an die Ostsee überlebt. Mit den Eltern und vielen Verwandten aber, die dem Nazi-Völkermord zum Opfer fielen, ging auch das jüdische Schtetl unter. Im sechsten Teil unserer Serie erzählt der 94-jährige Professor von der Flucht aus der stalinistischen ČSSR.

Ein Herz und eine Seele: Auf seine Dorle lässt Alexander Fried (links) nichts kommen.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Der Zug fährt planmäßig Richtung Süden und österreichische Grenze. Der Plan: Sich unauffällig nachts durch den verbotenen Korridor schleichen, Verständigung mittels Quakgeräuschen. Ein regnerischer Sonntag im November 1952. Gerade erst im August hatte Emil Zátopek drei Goldmedaillen bei der Olympiade gewonnen - der tschechische Jahrhundertläufer als läuferisches Vorbild für die Flucht. Bruder Iču mit Frau Věra, Miloš Havel, Besitzer der Barrandov-Filmstudios und Onkel des späteren Präsidenten Václav, sowie die beiden kroatischen Fluchthelfer steigen kurz vor der Sperrzone bei Jindřichův Hradec aus. Noch zehn Kilometer bis zur Grenze. Am Tag verstecken sie sich in zerfallenen Ställen, Scheunen, Hütten oder dichtem Gestrüpp, in der Nacht laufen sie. Der Haken: Selbst wenn sie den Grenzübergang schaffen, befinden sie sich in der russischen Zone Österreichs.

Havel im Graben

Nur nicht zu viel nachdenken. Sie sind durchnässt, durch Stürze verletzt. Drei Nächte am Rande der Aufgabe. Havel spornt sie an. Sie passieren zwei Zäune, sehen einen weiteren Zaun an der Straße vor sich. Ein Mann auf einem Fahrrad. Er hantiert am Zaun. Dann steigt er auf und fährt weg. Sie mobilisieren letzte Kräfte, horchen panisch in die Nacht, ob der Radler Verstärkung holt. Havel fällt und rutscht in einen Graben. Sie ziehen ihn wieder hoch. Sie sind in Österreich. "Wir Tschechoslowaken sind eben hervorragende Läufer", versucht Schani einen Scherz. Die Kroaten haben bereits ein Zimmer in einer Gastwirtschaft gebucht. Schani schält sich aus seiner tropfnassen Kleidung. Die Dokumente sind unbeschadet, aber Julischkas Foto hat einen Knick. Nach Wien nimmt ein Teil der Gruppe ein Taxi.

In der Stadt des Dritten Mannes werden sie zunächst im Rothschild-Hospital untergebracht, ein Auffanglager für jüdische Flüchtlinge. Doch die Drehscheibe der Ost-West-Spionage ist nicht sicher. Auch der tschechoslowakische Geheimdienst StB agitiert in der Stadt, Republiksflüchtlinge werden verschleppt. Cousin Alexander Kauftheil vereinbart mit einem kleinen Ladenbesitzer im Eingangsbereich ihrer Unterkunft, dass Vera, Icu und Schani sich mit dem Nötigsten ausstatten. Er übernimmt die Rechnung. Nach ein paar Tagen meldet sich Besuch an: CIA-Agenten befragen sie über die Situation in der Tschechoslowakei. Schani ist misstrauisch, alles kann irgendwann gegen ihn verwendet werden, ist seine Erfahrung. Er hat nichts zu erzählen.

Miloš Havel, der Besitzer der berühmten Filmstudios Barrandov in Prag, und Onkel des späteren Präsidenten Václav Havel.

Nächte zwischen Damenwäsche

Schani zieht Ende November zu Kauftheil, zwei Jahre Jünger als er selbst, schläft in seinem Geschäft für Damenwäsche "Katex" in der Oberen Weißgerberstraße. In Prag läuft der Schauprozess gegen den verhafteten Ex-KP-Chef Rudolf Slánský. Nach nur einer Woche die Urteile, alle schuldig. Slánský und elf Angeklagte werden zum Tode verurteilt, drei zu lebenslänglich. In den Schlussplädoyers bezichtigen sich die Verfemten selbst abstrusester Vergehen. Fried ist über das mörderische Schauspiel schockiert. Die Angeklagten "gestehen" auch, dass sie Hunderte Mitverschwörer hatten - sind auch die Namen der Frieds darunter?

Iču, der sein Chemiestudium in Prag abgeschlossen hatte, zieht mit Vera erst nach Paris, später nach Brüssel. Was soll Schani machen? Die junge Katholikin Liliane Weghofer kümmert sich um ihn. Seine Medizin-Scheine werden nicht anerkannt, also geht er mit seinem Lehramt-Abschluss zur Hebräischen Schule, wo er stundenweise unterrichten kann. Durch seinen Kontakt zu Oberkantor Gutmann bekommt er, ganz in der Tradition seiner Familie, Auftritte vermittelt. In der Bechergasse findet er als Untermieter ein Zimmer für 300 Schillinge.

Stalins Tod

Im März 53 ein Wendepunkt: Stalin ist tot. Schani versucht einen neuen Anlauf an der Uni, stellt sich bei der Historischen Fakultät vor, wo ihn anstatt einer Sekretärin Professor Hugo Hantsch, Historiker, Priester und Benediktinermönch selbst empfängt. Er erkennt alle Qualifikationen an. Fried lebt sich gut ein, wird Mitarbeiter, soll seine Dissertation über Masaryks Zeit in Österreich schreiben: "T.G. Masaryks erste Tätigkeitsperiode im Wiener Parlament (1891-1893)" wird mit "ausgezeichnet" bewertet. Er bekommt - vertreten durch den Jewish Material Claims, eine Zuwendung aus der Bundesrepublik. Am Telefon sagt ihm ein Herr Wamers: "Dass Sie diese Summe erhalten haben, ist nach allem, was geschehen ist, mehr als selbstverständlich."

Schani bekommt ein Stipendium des belgischen Staates für ein Studium an der Freien Universität Brüssel für europäische und belgische Geschichte, wo er mit Alois Mock, dem späteren österreichischen Außenminister studiert. Er lernt Französisch, will Diplomat für Israel werden.

Alexander Fried in Israel.

Zum ersten Mal in Israel

Schani tritt seine erste Israel-Reise an. Er trifft seinen alten Freund Jano Weil, der im Suezkrieg als Soldat diente. Fried wird bewusst, dass seine alte Welt verloren ist, und er deshalb zur jüdischen Geschichte Europas forschen will.

Mit den wichtigen Begegnungen seines Lebens hält er Kontakt. Bruder Icu wandert mit seiner Frau nach Kanada aus, Kauftheil nach New York. 1960 wird Fried Kulturdezernent im Zentralrat der Juden in Düsseldorf unter dem Vorsitzenden Hendrik van Dam. Er heiratet, Sohn Daniel kommt zur Welt. 1964-65 erlangt er die Deucième Licence an der Uni Brüssel mit einer Arbeit über das russisch-jüdische Problem Ende des 18. Jahrhunderts. Bis 1968 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Haute École des Études Juives in Brüssel. Er geht nach Kanada, wird Executive Director des Farband Labor Zionist Order in Toronto, später Associate Professor of History und Chairman der Fakultät des Prince of Wales College in Charlottetown auf der Prince Edward Island, 1971-78 Associate Professor of History der Mount Saint Vincent University in Halifax.

Bild mit den vier Bäumen

1976 bekommt seine zweite Frau Susan Sohn Jonathan. Sie leben in London. Zwischen 1979 und 83 ist er Gastprofessor in London, Augsburg, München und Halifax. Nach der Scheidung vollzieht Fried die Alijah nach Israel und hält Lehrveranstaltungen an der Hebrew University of Jerusalem und der Open University in Tel Aviv. Nach Ende des Kalten Krieges übernimmt er 1990 die Leitung des Jüdischen Kulturmuseums in Augsburg. Gleichzeitig hat er einen Wohnsitz in Prag - bis er mit seiner Lebensgefährtin Dorothea Woiczechowski den Lebensmittelpunkt nach Tirschenreuth verlegt.

Das Bild mit den vier Bäumen zieht überall mit hin: Sie symbolisieren die ermordeten Freunde Kiki Alt, Alexander Spronz, Isi Miadovnik und Paul Zlatner - eine Herzensangelegenheit.

Friedliche Genugtuung:

Bundesverdienstkreuz und -medaille für die Frieds

„Es gibt kein Ende des Erinnerns“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 4. Dezember bei einer Feierstunde für verdiente Bürger. Der 93-jährige Historiker Alexander Nesanel Fried wurde mit dem Bundesverdienstkreuz, seine Ehefrau Dr. Dorothea Woiczechowski-Fried im Schloss Bellevue mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet für ihr herausragendes Engagement für die Gedenk- und Erinnerungskultur in Deutschland – eine späte Genugtuung für erlittenes Unrecht.

Das Paar widmete sein Leben dem Kampf gegen Vorurteile. In über 300 Vorträgen und Diskussionen an Schulen vermitteln beide den Jugendlichen, was die Gräuel des Nationalsozialismus für die Betroffenen bedeuteten. „Was wollen diese Nationalisten?“, kann Fried den Zulauf für Rechtspopulisten nicht verstehen. „Damals haben die Nazis Deutschland völlig zerstört – hat man nicht genügend gelitten?“

____________________________________________________

Eine Biographie von Ulrike Wendt: „Dos pintele jid“ – Alexander Nesanel Fried: Leben und Überleben eines slowakischen Juden im 20. Jahrhundert

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht an Alexander Nesanel Fried (rechts) Bundesverdienstkreuz und an Dorothea Woiczechowski-Fried aus Tirschenreuth die Bundesverdienstmedaille.
Kommentar:

Die Frieds sind meine liebsten Mutbürger

Man begegnet als Redakteur vielen Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben. Was Dorothea Woiczechowski-Fried und Alexander Fried zu erzählen haben, lässt sich auch in einer vielteiligen Serie nicht lückenlos ausbreiten. Ich habe selten eine ergreifendere Geschichte gehört. Sie erinnert an die unglaubliche Erzählung von Jonas Jonassons „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg und verschwand“. Alexander Fried ist nicht verschwunden, obwohl die Nazis alles dafür taten, dass er wie sechs Millionen Leidensgenossen und eine ganze Kultur einfach verschwindet. Alexander blieb. Er legte Zeugnis ab und ließ sich sein Leben nicht nehmen.

Alexander ist nicht nur Opfer eines verbrecherischen Regimes. Darauf legt er Wert. Er nahm sein Leben nach der Befreiung in die eigenen Hände. Der Mann, der zehn Sprachen spricht, hat seine Talente entwickelt, wurde Wissenschaftler, Professor an Universitäten in der ganzen Welt. Dorothea ist der Familientradition treu geblieben und wurde Kinderärztin. Sie half bei Entwicklungshilfeprojekten und ist Teil der Oberpfälzer Willkommenskultur im Verein „Demokratie leben“.

Die beiden hätten allen Grund, sich wichtig zu nehmen. Aber dieses liebenswürdige Paar redet nicht nur über sich selbst: Wie Philemon und Baucis kümmern sie sich um andere. Sie klagen nicht, sie helfen. Sie sind meine liebsten Mutbürger.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.