11.01.2019 - 15:59 Uhr
Deutschland & Welt

Der Zug in die Freiheit

Kalter Krieg. Der Eiserne Vorhang trennt den Westen vom Ostblock. Am 11. September 1951 durchbricht ein Zug mit 113 Passagieren die Grenze zwischen Aš (Asch) und Selb. Der Zug geht als „Freedom Train“ in die Geschichte ein.

Rolf Swart: Der heute 90-jährige Selber wird damals als junger Zollanmelder zufällig Augenzeuge des Geschehens.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Staunend betrachten Passanten auf dem Bahnhof Selb-Plößberg am 11. September 1951 den gestrandeten Zug. Ein großer Sowjetstern ziert die Rauchkammer der Lok.

Der junge Zollanmelder Rolf Swart, 22 Jahre, und Bahnhofsvorsteher Max Schmauß haben am 11. September 1951 ein wenig Zeit. Es herrscht Kalter Krieg. Auf der Bahnstrecke Aš–Selb rollt nur noch wenig Güterverkehr. Schmauß unternimmt mit dem jungen Swart einen Spaziergang zur Grenze. Er will ihm zeigen, wo er vor Kriegsende in Aš (Asch) gelebt und gearbeitet hat. Die beiden Männer trauen ihren Augen nicht, als ihnen plötzlich mit vollem Karacho ein Personenzug entgegenkommt.

Am 11. September 1951 um 15.04 Uhr durchbricht der Eilzug 3717 den Eisernen Vorhang. An Bord: 113 Passagiere.

Die Organisatoren der Flucht sind Lokführer František Konvalinka (41), der ehemalige Fahrdienstleiter Karl Truksa (30) und weitere Oppositionelle. Unter den Fahrgästen sind aber auch etliche Tschechen, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht. Darunter verdatterte Kurgäste aus Franzensbad oder Gymnasiasten aus Eger, die zum Essen nach Hause wollten. „Die sind aus allen Wolken gefallen“, erinnert sich Swart.

Sie alle finden sich auf der grünen Wiese in Bayern wieder. Der Zug hält nach dem ersten Schrankenposten etwa 500 Meter nach der Grenze. Swart und Schmauß begreifen im ersten Moment nicht, dass sich hier vor ihren Augen eine der größten Massenfluchten aus der Tschechoslowakei abspielt. „Wir sind die paar hundert Meter hingelaufen.“ Der Lokführer steigt aus dem Führerstand. „Erst da haben wir verstanden, was passiert ist.“ Truksa und Schmauß kennen sich von früher aus dem gemeinsamen Dienst in Aš. Die ehemaligen Kollegen begrüßen sich herzlich.

Im Zug ist es zuvor zu dramatischen Minuten kommen, die Carsten Kunstmann aus Selb minutiös recherchiert hat. Um 14.12 Uhr setzt sich der Eilzug in Eger in Bewegung. Auf dem Führerstand steht Lokführer Konvalinka. Um 14.22 Uhr steigt in Franzensbad Fahrdienstleiter Truksa mit Frau und Baby zu. In Hazlov, dem Bahnhof vor Aš, kommt schließlich noch der befreundete Zahnarzt Jaroslav Švec an Bord. Seine Aufgabe ist, aufzupassen, ob die Weiche in Richtung Deutschland gestellt ist.

Auf der Strecke nach Aš inszenieren Konvalinka und Truksa einen außerplanmäßigen Halt und trennen die Leitungen der Notbremsen. Dann macht sich der Zug auf den Weg nach Aš. Dort gabelt sich die Bahnstrecke: Links geht es in den – verbotenen – Westen, rechts in den Norden der Tschechoslowakei. Kurz vor der Einfahrt zieht Konvalinka eine Pistole und befiehlt dem verdutzten Heizer, sich hinzulegen. Dann öffnet er den Regler – und prescht mit Maximalgeschwindigkeit in Richtung bayerische Grenze.

In den Waggons bricht Panik aus. Drei mitreisende Offiziere der Staatssicherheit versuchen, an die Handbremsen zu gelangen. Sie werden von Komplizen der Organisatoren mit Waffen in Schach gehalten. Als der Zug in Bayern hält, laufen diese Sicherheitsoffiziere zurück in die Tschechoslowakei. Aber offenbar nicht, ohne noch Fotos gemacht zu haben: Die Bilder erscheinen in der „Prawda“. Zu sehen sind Swart und Schmauß mit Truksa. Überschrift: „Westdeutsche Behörden begrüßen Republikflüchtlinge.“

Per Streckenfernsprecher wird die US-Militärpolizei gerufen. Der Zug darf bis in den Bahnhof Selb-Plößberg weiterrollen. 86 Fahrgäste wollen wieder heim in die ČSSR. 27 wollen im Westen bleiben. Die meisten davon sind Regimegegner, die mit ihren Familien bewusst im Zug saßen. Aber auch einige spontan Ausreisewillige entscheiden sich für einen Neuanfang im Westen. Die „Wochenschau“ zeigt eine Gruppe fröhlicher Menschen, viele Familien mit Kleinkindern, junge Burschen. Man feiert die Freiheitshelden.

Der Zug geht als „Freedom Train“ in die Geschichte ein. Fahrdienstleiter Truksa und Lokführer Konvalinka wandern acht Wochen später in die Vereinigten Staaten aus. Insgesamt emigrieren 21 Zuginsassen in die USA oder nach Kanada. Die „New York Times“ berichtet über ihre Ankunft auf dem Flughafen New York. Pressefotos zeigen, wie die beiden Männer mit ihren Familien von der Gangway winken. Sie werden zitiert mit den Worten: „Wir sind froh, in Freiheit leben zu können.“ Die „Times“ nennt sie die „Czech Casey Jones“, benannt nach dem heldenhaften US-Lokomotivführer.

In einer ganzen Serie von Artikeln berichten amerikanische Zeitungen über die Familien Konvalinka und Truksa. Am Airport werden sie von Lawrence Cowen willkommen geheißen, Präsident der Lionel Corporation, die elektrische Spielzeugeisenbahnen herstellt. Er macht den Männern ein Jobangebot, das sie annehmen. Vorher hat Cowen allerdings eine zweiwöchige USA-Tour organisiert: In sechs Städten des amerikanischen Ostens und Mittleren Westens berichten die „Freiheitshelden“ von ihrem Coup.

Die spektakuläre Flucht wird von den Großmächten ausgenutzt. Während die USA die Lokführer feiern, macht die ČSSR den Komplizen, die noch im Land sind, den Prozess. Die ersten neun Angeklagten werden zu 162 Jahren Gefängnis verurteilt, einer zum Tode. Dutzende Verwandte landen in Gefängnissen. Der tschechische Autor Luděk Navara schreibt in "Vorfälle am Eisernen Vorhang": "Helden waren auf ihre Weise alle, nur die draußen waren weit besser dran als die drinnen." Das kommunistische Regime nimmt den Durchbruch des Zuges zum Anlass, einen undurchdringlichen Eisernen Vorhang auszubauen.

Einige Passagiere lassen sich in Kanada nieder. Durch einen Riesenzufall hat Rolf Swart den „Zugentführer“ Truksa in den 90ern noch einmal wiedergesehen. Swart besuchte mit seiner kanadischen Frau die Familie in Kanada. Man wollte zum Abendessen in das Deutsche Haus in Winnipeg. Eine andere Familie war mit dem Essen fertig. Man wurde einander vorgestellt – und war verblüfft, dass sich die Wege noch einmal kreuzen. „Wir haben uns begrüßt.“ Inzwischen lebt der Tscheche nicht mehr. Rolf Swart sagt über sich selbst: „Ich bin vermutlich der letzte noch lebende Augenzeuge.“

Swart blieb seiner Linie im wahrsten Sinne des Wortes treu. Er war der letzte Bahnhofsvorsteher in Selb-Plößberg und setzte sich in den vergangenen Jahren stark für eine Reaktivierung des stillgelegten Streckenabschnitts ein. Seit 2015 verkehren täglich mehrere Reisezüge zwischen Hof und Cheb mit täglich rund 150 Fahrgästen. Ein Personenzug zwischen Asch und Selb – für Swart ist das noch heute ein höchst willkommener Anblick.

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