Zwischen katholischer Soziallehre und Tod im Mittelmeer

Annegret Kramp-Karrenbauer macht, was von ihr erwartet wird: Sie korrigiert Merkels Flüchtlingspolitik. Zum einen will sie die Union befrieden, zum anderen die zur AfD abgewanderten Wähler zurückholen.

Migranten sitzen in einem Schlauchboot, nachdem Proactiva Open Arms, eine Nichtregierungsorganisation (NGO) aus Spanien, sie im zentralen Mittelmeer 72 Kilometer von Al Khums (Libyen) entfernt, entdeckt und gerettet hat. Die tödlichen Gefahren der Flucht über das Mittelmeer haben für Flüchtlinge und Migranten im vergangenen Jahr nach UN-Angaben alarmierende Ausmaße angenommen. Besonders drastisch war die Entwicklung zwischen Libyen und den EU-Ländern Malta und Italien, berichtete das Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Genf.
von Jürgen Herda Kontakt Profil
Kommentar

Das ist legitim und für die innenpolitische Debatte genauso sinnvoll wie der Versuch der SPD, sozialpolitisches Profil zurückzugewinnen.

Jenseits parteipolitischer Taktik gehört zur Wahrheit aber auch, dass Horst Seehofers Vorwurf, die offenen Grenzen von 2015 stellten eine "Herrschaft des Unrechts" dar, allenfalls die halbe Wahrheit ist. Thomas de Maizière verweist in seiner Bilanz darauf, dass "die kommunalpolitisch Verantwortlichen vor Ort in Bayern" eine Registrierung im Grenzgebiet abgelehnt hätten. Andernfalls könnten sie die Lage nicht mehr beherrschen. Das trifft nicht für alle Landräte zu, zeigt jedoch, wie kompliziert die Lage war.

Zudem erklärt de Maizière, eine Zurückweisung wäre nur möglich gewesen unter Inkaufnahme "sehr hässlicher Bilder, wie Polizisten Flüchtlinge, darunter Frauen und Kinder mit Schutzschilden und Gummiknüppeln am Übertreten der Grenze nach Deutschland hindern". Bilder, die 2015 die Mehrheit der Deutschen sicher nicht sehen hätte wollen.

Wahr ist auch, dass die Fluchtursachen beim derzeitigen globalen Konfliktpotenzial und den Folgen des Klimawandels eher zunehmen werden – und auch künftig die überwältigende Mehrheit der Flüchtlinge in Lagern deutlich ärmerer Nachbarstaaten dahinvegetieren wird. Wer Kramp-Karrenbauers Ankündigung von "Humanität und Härte" gutheißt, sollte wissen, dass dazu auch der Tod im Mittelmeer gehört: Laut Statista.com ertranken seit 2015 rund 15 000 Menschen. Mit katholischer Soziallehre hat das nichts zu tun.

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Kommentare

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Dr. Jürgen Spielhofen

Der Vollständigkeit halber müsste eigentlich auch noch der JUSO-Vorstoß moralisch eingeordnet werden Kinder im neunten Monat - also kurz vor der Geburt - "abtreiben" (harmloses Wort für ermorden!) zu dürfen.

14.02.2019
Tobias Punzmann

Hervorragender Kommentar! Klarer kann man es nicht ausdrücken!

Frau Kramp-Karrenbauer scheint auch zu der leider nicht aussterbenden Spezies von Vorzeigechristen zu gehören, die keine Mühe mit dem ethischen Spagat haben, in einer befruchteten Eizelle ein unbedingt zu schützendes menschliches Leben zu erkennen, in einem ersaufenden Kind aber nicht.

13.02.2019