14.05.2018 - 17:28 Uhr
FreihungOberpfalz

Autor Helmut A. Seidl veröffentlicht historische Kriminalgeschichte Ein Auftragsmord in Tanzfleck

Amberg/Tanzfleck. "Die Nachricht vom Auffinden einer toten Weibsperson an der Waldspitze bei Tanzfleck, unweit der Stelle, an der seinerzeit die Grenzen der Landgerichte Eschenbach, Weiden und Vilseck aneinanderstießen, verbreitete sich sogleich wie ein Lauffeuer", beginnt der emeritierte Professor für Neuere Sprachen, Helmut A. Seidl, aus Augsburg sein 46-seitiges Büchlein. In "Zwei Spektakel im Morgengrauen" ist der Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu philologischen und volkskundlich-historischen Themen zwei spektakulären Kriminalgeschichten in den Archiven nachgegangen.

Helmut A. Seidl hat in den Archiven eine spannende Kriminalgeschichte gefunden, die sich in Tanzfleck zugetragen hat. 1853 wurde an einem Waldstück die 53-jährige Margaretha Lobenhofer erdrosselt. Bild: spw
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Eine davon spielt in Amberg und sorgte 1853/54 bayernweit für ein ungeheueres Presseecho sowie ein "riesiges Rauschen im Blätterwald", erklärt der Autor.

Johann Lobenhofer, ein Müller aus Kollermühle bei Grafenwöhr, sucht - heute würde man sagen - Auftragskiller, die seine Frau um die Ecke bringen sollen. Denn um die Ehe zwischen den beiden ist es nicht gut bestellt: Margaretha Lobenhofer, das spätere Opfer, ist nicht Johanns Traumfrau gewesen und linkte den Müller mit einer vorgetäuschten Schwangerschaft, um von ihm geheiratet zu werden. Aus der Ehe gehen drei Töchter hervor, doch Johann vergnügt sich auch außerhalb seiner Ehe mit Frauen. Margaretha ist das ein Dorn im Auge - auch, weil sie vermutete, dass ihr Gatte das Geld der Familie für Alimentenzahlungen hernahm.

Mehrmals versuchte also Johann seine Frau mit voodoo-ähnlichen Zaubern los zu werden. Im Herbst 1853 nahm er die Hilfe zweier sachkundiger Männer aus Hebersreuth an. Diese schlugen vor, Margaretha am 23. Oktober bei einem Waldstück in Tanzfleck aufzulauern, sie zu erdrosseln und den Mord wie einen Raubüberfall aussehen zu lassen.

Wissenschaftlich fundiert

"Ich habe bei der Recherche viele zeitgenössische Zeitungsberichte durchgeblättert und habe einiges aus dem Staats- und Stadtarchiv zusammengetragen", erklärt der 67-jährige Seidl. Hilfe dabei seien ihm vor allem die Berichte einiger Gerichtsreporter gewesen, die alle einen unterschiedlichen Schwerpunkt in ihrer Berichterstattung hatten, sagt er. "Mosaikartig habe ich die Fakten zusammengelegt, um den Fall zu rekonstruieren."

Herauskam eine "wissenschaftlich fundierte Geschichte mit Dutzenden Zitaten, belegt in Fußnoten. Es ist keine Interpretation von mir, sondern die Fakten sind in einen geschichtlichen Zusammenhang gesetzt." Das ist dem Autor und früherem Lehrer, der zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn Englisch und Französisch am Augustinus-Gymnasium Weiden und am Gymnasium Neustadt unterrichtet hat, wichtig.

Nun sei indirekt Napoleon dafür verantwortlich, dass Seidl auf den Fall in Amberg überhaupt aufmerksam geworden ist. "Er hat nämlich einen Blutsverwandten einmal mit Handschlag begrüßt. Ich möchte eine Biografie über ihn schreiben und bin bei der Recherche der Geschichte Bayerns im 18. und 19. Jahrhundert auf spektakuläre Kriminalgeschichten gestoßen", sagt Seidl.

Drei Krimi-Bände sind seither entstanden. Der jüngste befasst sich mit der Oberpfalz und Niederbayern. Fußspuren am Tatort und das Gewissen von Lobenhofer überführten schließlich das Mörder-Trio nur kurze Zeit später. Die drei werden im Juni 1854 in einer öffentlichen Sitzung vor dem "Schwurgericht der Oberpfalz und von Regensburg" zum Tode verurteilt.

Zum Tode verurteilt

"Mehr oder weniger wegen eines handwerklichen Missgeschicks des Scharfrichters im Mai 1854 bei einer anderen Hinrichtung führte es dazu, dass die drei Amberger zum ersten Mal in der Oberpfalz mit einem Fallbeil ihren Kopf verloren", sagt Jörg Fischer vom Stadtarchiv. Bis dahin habe man das Urteil mit einem Schwert vollstreckt. In dem vorangegangenen Fall "ist dem Scharfrichter die Arbeit nicht so von der Hand gegangen, wie er sich das vorgestellt hatte". Stimmen, die forderten, dass Hinrichtungen organisierter und unblutiger vonstatten gehen sollten, wurden lauter.

"Nachdem König Maximilian II. Wind von dem blutigen Schauspiel bekommen hatte, entschied er, dass nur noch mit Fallschwert zu richten sei", erzählt der Historiker.

Für die Menschen in der Region war die Umsetzung des Urteils am Galgenberg am 24. August 1854 ein großes Ereignis: "Es war die erste Hinrichtung nach 40 Jahren Pause", sagt Fischer. "Zeitgenossen berichteten von einer wahren Gier nach dem blutigen Schauspiel. Es war ein mediales Ereignis mit einem großen PR-Nutzen für den Scharfrichter."

Mediales Großereignis

Auch Seidl hat dazu einige Dokumente bei seiner Recherche gefunden: "Von Stunde zu Stunde kamen neue Karawanen Fußgänger aus allen Gegenden." An die 4000 Neugierige kamen in die Stadt. Die Gasthäuser waren voll - und das, obwohl man die Hinrichtung extra auf die frühen Morgenstunden gelegt hatte, um viele Schaulustige zu verhindern.

Seidl setzt in seinem Buch daher auch die Stellungnahme des Amberger Stadtkommissärs gegenüber der Königlichen Regierung der Oberpfalz und von Regensburg in den Kontext: "Daraus geht hervor, dass er zwei Aspekte beim Vollzug der Todesstrafe kritisch sieht: Die frühe Morgenstunde habe nicht dazu geführt, dass weniger Schaulustige kamen und die öffentliche Hinrichtung diente auch nicht zur Abschreckung." Es sei eher das Gegenteil der Fall gewesen.

Helmut A. Seidl: Zwei Spektakel im Morgengrauen - Der Ersteinsatz der Guillotine in Niederbayern und der Oberpfalz, Buch&Media, München, 46 Seiten, 7,90 Euro.

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