17.05.2018 - 20:00 Uhr
MitterteichOberpfalz

Brief vom Jugendamt sorgt für Aufregung "Rappelkiste" auf der Kippe

Ein Brief vom Jugendamt sorgt Anfang der Woche bei der "Rappelkiste" in Tirschenreuth und Mitterteich für helle Aufregung. Im Mittelpunkt steht ein Missverständnis, das Tagesmütter, Eltern und Bürgermeister ratlos macht.

Die "Rappelkiste", in Mitterteich untergebracht im Mehrgenerationenhaus am Kirchplatz, sorgt für reichlich Gesprächsstoff.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Tirschenreuth/Mitterteich. Am Sonntagnachmittag erfährt auch eine junge Mutter aus Mitterteich von der Kinderbetreuung "Rappelkiste", einem flexiblen Betreuungsangebot des Kinderschutzbundes in Tirschenreuth und Mitterteich, dass die Regierung Oberpfalz dem Jugendamt angeblich anordnete, die Kita mit sofortiger Wirkung zu schließen. Die Alleinerziehende muss ihre kleine Tochter am Montag anders unterbringen. "Das geht nicht so kurzfristig, ich musste von der Arbeit daheimbleiben." Wie lange weiß die Mitterteicherin nicht.

Brief zwingt zum Handeln

Am Samstag erhielt die "Rappelkiste" vom Jugendamt ein Schreiben. Die Nachricht überrumpelt die Tagesmütter, sie fühlen sich zum Handeln gezwungen. Kritikpunkte der Oberpfälzer Regierung und des Jugendamts Tirschenreuth: Der Brandschutz in den Gebäuden sei nicht gewährleistet, außerdem hätten die insgesamt knapp 60 betreuten Kinder in Tirschenreuth und Mitterteich durch die ehrenamtlichen Helfer des Kinderschutzbundes keine beständige Bezugsperson, das Personal wechsle zu häufig. Die Räume seien nicht für so viele Kinder ausgelegt.

Die elf ehrenamtlichen Betreuerinnen der "Rappelkiste" informieren am Wochenende die Eltern mit einer eigenen Stellungnahme: Am Montag ist Schluss. "Leider müssen wir die Rappelkisten mit sofortiger Wirkung schließen", schreibt das Team. "Das Jugendamt hat uns unerfüllbare Bedingungen für den vorübergehenden Weiterbetrieb auferlegt."

Walter Brucker, Pressesprecher des Landratsamts, stellt klar: "Im Schreiben vom Jugendamt war nie die Rede davon, die ,Rappelkiste' mit sofortiger Wirkung zu schließen. Das Jugendamt und die Regierung informierten sachlich und formell, dass es an etwas holpert und nicht weitergehen kann wie bisher." Laut Brucker seien die Betreuerinnern lediglich darauf hingewiesen worden, dass die "Rappelkiste", wenn sie keine neuen Kinder aufnehme, bis zur Ortsbegehung am 14. Juni geduldet sei. Erst im eigenen Schreiben der Tagesbetreuung sei von "sofortiger Schließung" die Rede.

Dennoch gerät Anfang der Woche alles durcheinander. Am Sonntagabend erreichten Mitterteichs Bürgermeister Roland Grillmeier Anrufe von erbosten Eltern. "Wie kann das sein?", fragt auch er sich zunächst. Über Jahre hinweg sei alles gut gelaufen. "Die ,Rappelkiste' passt perfekt zu unserem Mehrgenerationenhaus in Mitterteich. Eltern und Alleinerziehende bekommen kurzfristig eine Betreuung fürs Kind, wenn sie zum Arzt oder Friseur müssen", erklärt Grillmeier. Er findet es schade, dass durch das Schreiben "Hektik reinkommt". Bereits in früheren Gesprächen wurde klar, dass die "Rappelkiste" nicht zur Kita ausgeweitet werden könne. "Es war abgesprochen, dass man das regeln muss." Grillmeier hofft auf eine einfache Lösung .

"Nicht lustig"

In vier Wochen findet ein Ortstermin in den Rappelkisten Mitterteich und Tirschenreuth mit den Tagesmüttern, der Regierung Oberpfalz, den Bürgermeistern und dem Jugendamt statt. Wenn über die "Rappelkiste" entschieden wird, ist auch Tirschenreuths Bürgermeister Franz Stahl dabei. "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht", er wurde erst am Montagnachmittag auf das Problem aufmerksam. Sein Kollege Grillmeier rief ihn an. Dennoch kam die Information der Schließung überraschend. "Mit dem Brief war das Jugendamt wohl etwas übermotiviert", findet Stahl. Auf der Bauausschusssitzung am Dienstagabend wurden auch die bautechnischen Maßnahmen zum Brandschutz besprochen. "Das ist alles in Bearbeitung. Es sollte keine Probleme mehr geben." Stahl betont, dass der Stadt Tirschenreuth die "Rappelkiste" am Herzen liegt. "Wir wollen die Einrichtung in jedem Fall unterstützen und Lösungen finden."

Das möchte auch AWO-Kreisgeschäftsführerin Angelika Würner. Der Verband ist Träger des Mehrgenerationenhaus in Mitterteich, in dem die "Rappelkiste" untergebracht ist. "Ich finde das nicht lustig", sagt Würner. "Am Sonntagabend um 20.45 Uhr ruft mich eine Kollegin an, die ihr Kind am Montag für ein paar Stunden in die ,Rappelkiste' geben wollte. Die sei wohl geschlossen. Ich war schockiert." Würner ist selbst Mitglied des Kinderschutzbundes und kann die Hauruck-Aktion nicht nachvollziehen. Noch am Sonntagabend telefoniert sie mit Bürgermeistern und Jugendamt. "Ich kann alle Beteiligten verstehen, dass es zu dieser Vorsicht gekommen ist. Aber so kurzfristig?"

Noch am Montag reagiert die "Rappelkiste". Das Betreuungs-Team kündigt alle Betreuungsverträge, die über das Jugendamt vermittelt wurden - zwei in Tirschenreuth und zwei in Mitterteich. Die Eltern sind vor den Kopf gestoßen. "Der Platz ist mir bis September zugesagt", erklärt eine junge Mutter aufgelöst. Von heute auf morgen steht sie vor verschlossenen Türen, "ohne dass mir eine Alternative angeboten wird.""Ich bin richtig sauer."

Den vom Jugendamt angeführten Punkt der zu oft wechselnden Bezugspersonen kann die Mitterteicherin nicht verstehen. "Das Team ist toll, ich weiß, dass mein Kind dort sehr gut aufgehoben ist." Wie es weitergeht, können ihr am Montagmorgen auch die Verantwortlichen im Jugendamt nicht sagen. Sie fühlt sich im Stich gelassen. "Ich habe wirklich Glück, dass mir mein Arbeitgeber in dieser Situation entgegenkommt. Aber ich riskiere meinen Job."

Kein Kita-Charakter

"Wir wollen alles daran setzen, um die ,Rappelkiste' zu unterstützen", erklärt Würner. Das Angebot des Kinderschutzbundes ist als Notfalleinrichtung für Eltern gedacht, es könne ihrer Meinung nach keine Kita ersetzen. Auch wenn die Tagesmütter sehr qualifiziert seien. Das Konzept sei in letzter Zeit wohl ausgeartet. "Die ,Rappelkiste' darf keinen Kita-Charakter haben", ist sie überzeugt.

Da die "Rappelkiste" die Betreuungsverträge mit dem Jugendamt kündigte, darf der Kinderschutzbund das Betreuungsangebot am Dienstag wieder öffnen. Nun geht die Tochter der Alleinerziehenden anstatt fünf Tage nur noch drei Tage die Woche in die "Rappelkiste", auf eigene Kosten. Für mehr Tage kann das Jugendamt die Haftung nicht mehr übernehmen. An den verbleibenden zwei Tagen passt entweder die berufstätige Oma auf die Dreijährige auf, oder die Mama bleibt von der Arbeit daheim. "Das arbeite ich dann am Wochenende wieder rein." Eine wirkliche Lösung ist das für die junge Mutternicht.

Mit dem Brief war das Jugendamt wohl etwas übermotiviert.Bürgermeister Franz Stahl

Ich kann alle Beteiligten verstehen, dass es zu dieser Vorsicht gekommen ist. Aber so kurzfristig?AWO-Kreisgeschäftsführerin Angelika Würner

Die ,Rappelkiste' passt perfekt zu unserem Mehrgenerationenhaus in Mitterteich. Eltern und Alleinerziehende bekommen kurzfristig eine Betreuung fürs Kind, wenn sie zum Arzt oder Friseur müssen.Bürgermeister Roland Grillmeier

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