Pirkmühle
17.11.2022 - 15:38 Uhr
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100+2 Jahre Pirkmühle: Constantia schreibt Erfolgsgeschichte mit Innovation, Verbundenheit und Selbstbewusstsein weiter

Seit 100 plus 2 Jahren gibt es das heute unter dem Namen Constantia firmierende Werk in Pirkmühle. Extreme Sauberkeit ist für Schoko- und Tablettenverpackungen aktuell oberste Priorität. Doch die größte Herausforderung ist Recycling.

Luft sollte an einen Schokoriegel erst dann herankommen, wenn die Verpackung kurz vor dem ersten Biss aufgerissen wird. Ein attraktiv gedrucktes Design soll zum Genuss anregen und beim Hersteller soll die Folie effektiv um die Süßigkeit gepackt und verschlossen werden. Ist die Schokolade erst einmal im Mund, bleibt die Verpackung übrig, wird zum Müll. Den recyclingfähig zu machen, ist für Constantia in Pirkmühle eine riesige Aufgabe. "Wer hier erfolgreich ist, wird das Rennen machen", ist Vorstandsmitglied Axel Glade überzeugt.

Recycling als Ziel

"Unser Ziel ist es, bis 2025 all unseren Kunden recyclingfähige Produkte anzubieten", betont Manfred Träger, Geschäftsführer Technik. Obwohl er bereits seit 37 Jahren in der Pirkmühle arbeitet, begeistert es ihn immer wieder, welches Know-how hinter einer flexiblen Verpackung steht. Dieses Wissen hat ein Unternehmen, dass vor 102 Jahren als Hueck & Cie KG gegründet wurde, dann Hueck Folien hieß, nach dem Verkauf zu Constantia Hueck wurde, nun Constantia Pirk heißt und seit 2014 mit aktuell 61 Prozent der französischen Wendel-Gruppe gehört. Wendel ist nach eigener Beschreibung eine der führenden börsennotierten Investmentgesellschaften Europas, die an der Schnittstelle von Industrie und Finanzen als langfristiger Investor tätig ist.

"Wir sind in vielen Ländern zu Hause, aber nur in Pirkmühle daheim", so lautet das Credo des ehemaligen Geschäftsführers Konstantin Thomas schon vor über 20 Jahren. Doch auch wenn die Firma seitdem einige Eigentümerwechsel hinter sich hat, gilt dieser Satz für die damals wie heute rund 850 Mitarbeiter in der Oberpfalz auch heute noch. Glade ist in der Filmdivision genannten Sparte der Constantia-Flexibles-Gruppe Chef über weltweit 3600 Beschäftigte in 11 Werken in 8 Ländern. Die Pirkmühle ist das zweitgrößte Werk der Gruppe und Hauptwerk der Filmdivision mit den zwei Bereichen von Verpackungsprodukten für Pharma und Lebensmittel.

Die große Bubble

Den Weg in die Zukunft soll eine fast 20 Meter hohe Maschine ebnen, die aus erhitztem Granulat einen permanenten Schlauch aus Kunststoff nach oben zieht. Diese riesige Polyethylen-Bubble aus dem millionenteuren Extruder ist der Grundstoff für Folienverpackungen, die nur noch aus einem Material bestehen. Die sind leichter wiederzuverwerten als die lange Zeit üblichen kaschierten Folien aus einem Materialmix.

Drei Hauptanforderungen

Die Verpackungsexperten schaffen es mittlerweile, deren Eigenschaften aus Polyethylen nachzubilden. Dabei geht es zum einen um die sogenannte Siegelfähigkeit. Das ist letztlich kaum etwas anderes als das Verschweißen des Beutels bei einem haushaltsüblichen Vakuumiergerät. Wichtig ist weiterhin, dass die Verpackung wegen der Haltbarkeit des Inhalts eine Barriere für Sauerstoff darstellt und schlussendlich gut aussieht. Für den Druck haben die Pirkmühler ebenfalls Experten und die technische Ausstattung.

Zuwachs eingeplant

"Wir haben Patente für Kunststoffverpackungen, die hier entwickelt wurden", verweist Glade auf jahrelange Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in Pirkmühle. Nach dem Anfang mit einem gebrauchten Extruder habe man die Produktionslandschaft für die recyclingfähigen Produkte umgestellt auch mit einer Metallisier- und neuen Druckmaschinen. "Jetzt sind wir in der Königsklasse unterwegs mit der großen Blasfolienanlage." In der Halle sei Platz für eine zweite, denn der Bedarf werde wachsen, ist sich der Constantia-Film-Chef sicher. "Wir sind dabei, Pirkmühle in diesem Bereich zum zentralen Produktionszentrum in Europa auszubauen." Die nächste ähnliche Maschine von Constantia Flexibles steht in Indien. "Als Konzern sind wir ein Netzwerk mit diversen Technologien, um eine breite Palette an Verpackungslösungen anzubieten, für Kunden zur Produktionssicherheit Backup zu haben und Kundennähe weltweit zu gewährleisten", sagt Glade.

Familien-DNA

„Obwohl wir mittlerweile Finanzinvestoren als Eigentümer haben, ist die Familien-DNA in der Pirkmühle nicht verlorengegangen“, verweist das Constantia-Vorstandsmitglied auf den Zusammenhalt und die Leistung seiner Oberpfälzer Mannschaft. 12 Jahre ist der Norddeutsche mittlerweile hier und spricht von schlagkräftigen, bodenständigen Mitarbeitern, mit einer engen Verbundenheit zum Unternehmen. „Die Zusammenarbeit mit Oberpfälzern macht Spaß.“

„Wir haben Generationen bei uns“, beobachtet Personalchef Maximilian Ulverich. „Die Firmen-DNA, die Väter und Großväter hier kennengelernt haben, geben sie weiter.“ Diese Attraktivität wolle Constantia den jungen Leuten vermachen in Form von Weiterbildungen und für die Work-Life-Balance. Für Nicht-Deutschsprachige Mitarbeiter werde es Sprachkurse geben. „Wir sind eine Industriebetrieb, ein historisch gewachsenes Unternehmen und über Generationen ein verlässlicher Arbeitgeber“, betont Geschäftsleitungsmitglied Thomas Beer, dessen Vater und Großvater ebenfalls Pirkmühler waren.

Krisenfest

Betriebsratsvorsitzender Josef Bock verweist auf eine niedrige Krankenrate in der Belegschaft. „Wir gehen auf Augenhöhe mit den Leuten um und bekommen das positiv zurück.“ Seit Jahrzehnten sorgte die hohe Ausbildungsquote für ausreichend und qualifiziertes Fachpersonal. „Dadurch haben wir gut signalisiert, das wir eine Zukunft haben und bekamen so die Investitionen.“ Gemeinsam sei man resistent durch die Krisenzeit gekommen, ergänzt Geschäftsführer Glade. Nicht nur an diesem Standort habe man sich jetzt unabhängig vom Erdgas gemacht und könne auf Alternativen wie Öl und Flüssiggas umschalten.

"Wo vor 35 Jahren noch eine hierarchische Schichtordnung herrschte, geben wir den Mitarbeitern jetzt Verantwortung und Vertrauen in ihre Tätigkeit", blickt Geschäftsführer Träger zurück. "Wir wollen das Werk weiter entwickeln, gesund wachsen, das Investitionsvolumen hoch halten sowie die DNA, die über so viele Jahre gepflegt wurde, erhalten durch eine Mischung zwischen alten Hasen und Jungen mit frischem Wind", wünscht sich Beer für die Zukunft der Pirkmühle.

Info:

Geschichte der Pirkmühle

  • 1261: Verkauf von Pirk und der dortigen Mühle an das Kloster Waldsassen
  • ab 1352: wechselnde Besitzer darunter immer wieder die Landgrafen von Leuchtenberg, die Stadt Weiden, ein Freiherr von Grafenreuth
  • 1799: Verkauf der Mahlmühle und eine in Bau befindliche Spiegelschleiferei an den Tirschenreuther Bernhard Wurm
  • 1833: Verkauf an Johann Adam Gollwitzer, der in Neubau eine Glasfabrik betrieb und die Gläser in Pirkmühle veredelte
  • 1886: Einbau einer Turbine, die bis 1924 in Betrieb war
  • 1920: Gründung der Firma Hueck & Cie KG durch Oskar Eduard Hueck aus Lüdenscheid und Aufbau eines Walzwerks für Aluminiumfolie beispielsweise als Verpackung für Kautabak
  • Ab 1921: Veredelung und Verkauf flexibler Verpackungen für die Schokoladen- und Zigarettenindustrie sowie Allgäuer Molkereien
  • 1930er Jahre: 230 Mitarbeiter, dreifarbig bedruckte Folien
  • 1948: erste Lösemittel-Rückgewinnungsanlage für Lacke in der Branche
  • 1950er Jahre: fünf- bis siebenfarbiger Druck für Schokohasen und -weihnachtsmänner
  • 1960er Jahre; Herstellung von Tiefdruckzylindern
  • 1992: neue Tiefdruckhalle und Eindeichung des Betriebsgeländes auf der Waldnaabinsel
  • 2006: Verkauf an Constantia Packaging AG und Bonuszahlung der Alteigentümer von 1000 Euro an jeden Beschäftigten
  • 2009: Eigentümerwechsel an den amerikanischen Finanzinvestor OEP
  • 2011: Kompletter Ausstieg der Alteigentümer durch Verkauf der letzten Anteile und erneuter finanzieller Dank an Mitarbeiter durch Kostenbeteiligung an Kantine
  • 2014 Wendel-Gruppe als Mehrheitseigner von Constantia Flexibles
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