11.06.2021 - 15:17 Uhr
Bad AlexandersbadOberpfalz

Abt Notker Wolf in Bad Alexandersbad: Freiheit ein Urtrieb des Menschen

"Alle hängen nur an den Bildern", begründet Abt Dr. Notker Wolf, dass er keine Präsentation vorbereitet hat. Das macht aber nichts. Über eine Stunde lang fesselt der Ordensmann die Zuhörer. Großes Thema: die Freiheit.

Der emeritierte Abtprimas Dr. Notker Wolf bei seinem Vortrag bei der Firma Helfrecht. Links Prokurist Philipp Riedel, der die Veranstaltung moderierte.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

"Neu-Orientierung in und nach Corona" – so ist das Referat am Donnerstagnachmittag überschrieben. Im Helfrecht-Unternehmerzentrum spricht der frühere Abtprimas der benediktinischen Konföderation vor Führungskräften und Unternehmern aus ganz Deutschland. Sie sind zum zweitägigen Inspirationsforum ins Fichtelgebirge gekommen. Er biete keine fertigen Rezepte für die Zeit "nach Corona", sagt der 80-Jährige. Aber Leitplanken, die die Menschen zurechtfinden lassen in der besonderen Situation.

Angst habe er keine, sagt der promovierte Philosoph, schon gleich nicht vor Covid. "Irgendwann ist es ohnehin rum", rät er zur Gelassenheit und meint: "Wir müssen den Tod in unsere menschliche Existenz einbauen." In seinem Kloster, erzählt er, seien schon viele Menschen nachts in ihren Betten gestorben, und zwar nicht an Corona. "Betten können sehr gefährlich werden", meint der Abt augenzwinkernd und zitiert seinen Vater: "Seit man das Sterben erfunden hat, ist man des Lebens nicht mehr sicher."

Die Medien seien während der Zeit der Pandemie nicht seine Freunde gewesen, sagt der Abt. "Sie haben Panik erzeugt." Dies sei schlimm gewesen. Denn dadurch sei die Regierung unter Druck gesetzt worden. "Dürfen wir nicht mehr ohne Angst leben?", so Notker Wolf und meint, man müsse realistisch sein. "Wir werden niemals die perfekte Zeit bekommen."

Denn das Leben sei niemals ideal. "Wir haben die Sehnsucht nach dem Schlaraffenland. Aber das gibt es nicht." Man werde vielleicht sogar lernen müssen mit Corona zu leben. "Weiter so" wie vor der Pandemie – das werde es nicht geben. "Das ist Nostalgie, die hilft uns nicht weiter."

"Wir brauchen ein Grundgespür für Freiheit und für Verantwortung, aber auch für das Risiko." Die Freiheit sei ein Urtrieb im Menschen. Dieser schaffe sich immer wieder Luft. Abt Notker Wolf zweifelt an so manchen Vorgaben während der Pandemie – etwa Homeschooling: "Man merkt, dass in der Bundesregierung die Minister zu einem guten Teil auch keine Kinder haben", so der Abt zu den Herausforderungen in der Kombination mit der Homeoffice-Pflicht.

"Wir brauchen doch die menschliche Begegnung", findet der Abt die Homeoffice-Pflicht nicht gut und nimmt die Unternehmer in Schutz vor dem Vorwurf, sie beuteten ihre Leute aus. Arbeitgeber hätten in aller Regel ein Gespür für die Bedürfnisse ihre Mitarbeiter, sagt der Abt und unterstreicht den Mittelstand als tragende Säule der Wirtschaft.

Querdenker im Unternehmen

"Wir brauchen unternehmerische Freiheit", so der Abt und verrät, dass im Kloster Ottilien 200 Angestellte tätig seien. Es sei das Gespür für Freiheit nötig, um auch anderen die Freiheit zu lassen. "Wie soll ich Freiheit unterstützen, wo Freiheit nicht geschaffen wird?" Abt Notker erklärt, er sei kein Freund der Querdenker auf Demos. Doch jedes Unternehmen brauche Querdenker, mit neuen Gedanken "Outside The Box". Es brauche ein gesundes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen in den Betrieben. "Wir schaffen das", müsse auch in den Firmen gelten. Aber das Ziel müsse man gemeinsam mit den Mitarbeitern suchen. Und bei Fehlern seien Vergebung, Barmherzigkeit und Aussöhnung nötig, "damit es menschlich bleibt".

"Die Vielfalt sehen und der Vielfalt eine Berechtigung geben", müssten Unternehmer. Denn dies bringe Knowhow und verschiedene Qualifikationen. "Das macht doch den Reichtum eines Unternehmens aus." Nicht nur das Kapital, sondern eben auch die Menschen, die verschiedenen Anlagen, Charaktäre Begabungen.

Der Kampf der Systeme

Für die Zeit nach Corona, sagt der emeritierte Benediktinerabt, seien feste und klare Visionen nötig. Dabei kommt Notker Wolf auf China und die geopolitische Situation unter der weltwirtschaftlichen Betrachtung zu sprechen. Deutschland, so der Abt, müsse sich um seine ethischen Prinzipien kümmern: Denn China wolle das Reich der Mitte sein und baue seine Vormachtstellung weiter aus. Dabei gehe es auch um den Kampf der Systeme, zwischen zwischen Demokratie und Totalitarismus.

Die Zentralisierung in Europa geißelt Abt Notker als "Erfindung des Teufels": Der Glaube sei "weitgehend verdunstet", deshalb gebe es in der Gesellschaft immer welche, die neue Prinzipien aufstellten – "... was wir essen dürfen, wie schnell man zu fahren hat". Deshalb fort der Abt in und nach Corona mehr Eigenverantwortung und die Mitverantwortung von den Menschen ein. Weil es bisher daran fehlte, werde alles von oben geregelt. Den Menschen aber müsse man etwas zutrauen. Damit werde zwar Sicherheit aus der Hand gegeben. "Aber wenn wir alles absichern wollen, dann sitzen wir am Schluss im Gefängnis."

Im Mai 2019 führte Abt Notker Wolf die Wallfahrt in Tirschenreuth an

Tirschenreuth
Zur Person:

Abt Dr. Notker Wolf OSB

  • Der Autor unzähliger Bücher war von 2000 bis 2016 weltweiter Sprecher des ältesten Ordens der Christenheit.
  • Während dieser Zeit errichtete Abt Notker in China ein Krankenhaus mit 500 Betten, in Nordkorea ein weiteres mit 200 Betten.
  • Abt Notker Wolf (Jahrgang 1940) lebt seit fünf Jahren wieder in seinem Heimatkloster, der Benediktinerabtei St. Ottilien bei München. "Ich hab' nichts mehr zu melden, misch mich auch nicht ein. Aber ich denke durchaus noch mit", sagt der Ordensmann.

"Wenn wir alles absichern wollen, dann sitzen wir am Schluss im Gefängnis."

Abt Notker Wolf

Abt Notker Wolf

"Wir haben die Sehnsucht nach dem Schlaraffenland. Aber das gibt es nicht."

Abt Notker Wolf

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