26.09.2018 - 13:03 Uhr
Oberpfalz

AC/DC für die Stromer

Mit dem Käfer ist Volkswagen einst die Massenmotorisierung gelungen. Jetzt wollen die Wolfsburger die Elektromobilität aus der Nische holen und in den Mainstream hieven. Da spielt dann AC/DC eine wichtige Rolle.

Modularer E-Antriebs-Baukasten (MEB) ist das neue Zauberwort bei Volkswagen. Auf der Plattform werden in den nächsten Jahren 27 neue Modelle im gesamten Konzern gebaut. Die Batterie steckt im Unterboden.
von Berthold Zeitler Kontakt Profil

Der geneigte Leser ahnt es: Das hat nichts mit der gleichnamigen Hardrock-Band zu tun, auch wenn die mit dem Album "High Voltage", also "Hochspannung", die ersten Erfolge erzielt hat. Vielmehr beschreibt die Abkürzung zwei Ladeprozesse für die neuen Elektroautos im Volkswagen-Konzern. Doch dazu später mehr.

Die Experten sind sich einig: Die individuelle Mobilität steht vor einer Zeitenwende, vor der wohl radikalsten Veränderung in der über 130-jährigen Geschichte des Automobils. Der Ruf nach Null-Emissions-Autos und die fortschreitende Digitalisierung in allen Lebensbereichen machen nicht nur neue Techniken, sondern vor allem neues Denken erforderlich. Und da stehen die Wolfsburger sozusagen unter Strom. Mit einem durchaus ambitionierten Zeitplan. Ende nächsten Jahres sollen die ersten E-Autos vom Band laufen, 2020 sollen es schon 150 000 sein. Und fünf Jahre später bereits eine Million - jährlich wohlgemerkt.

Ein neues Rückgrat

"MEB", Modularer E-Antriebsbaukasten, ist hier das Zauberwort. Auf dieser Plattform hat der Konzern mit all seinen Töchtern bis 2022 weltweit 27 Modelle geplant. Also bauen auch die zukünftigen E-Modelle von Seat und Skoda, Audi und VW Nutzfahrzeuge auf der neuen Fahrzeug-Architektur. Volkswagen hat ja beste Erfahrungen mit Plattform-Strategien. Der Modulare Querbaukasten (MQB) zum Beispiel ist immerhin Basis von rund 55 Millionen Fahrzeugen. "Jetzt übertragen wir dieses Know-how ins Elektrozeitalter", sagt der E-Mobilitäts-Vorstand Thomas Ulbrich. Allein in der ersten Welle sollen zehn Millionen Konzernfahrzeuge auf dem MEB basieren. "Er ist das wirtschaftliche und technologische Rückgrat für das Elektroauto für alle. Und das wohl wichtigste Projekt in der Geschichte des Unternehmens, ähnlich dem Übergang vom Käfer zum Golf." Gut sechs Milliarden Euro steckt VW in Entwicklung und Produktion der neuen Elektroflotte. Allein 1,3 Milliarden fließen in die Komponenten-Werke Braunschweig, Salzgitter und Kassel. Mit 1,2 Milliarden Euro wird der Standort Zwickau zum größten Kompetenzzentrum für E-Mobilität in Europa ausgebaut.

Komplett neue Familie

Erklärtes Ziel ist es, innovative Technologien für möglichst viele Menschen attraktiv zu machen. Thomas Ulbrich: "Das war so mit dem Käfer, das ist heute so mit dem Golf und das wird in Zukunft auch der ID leisten." Er ist im Jahr 2020 nur der erste Spross einer ganzen Familie, die avantgardistisches Design mit progressiver Technik verbinden will - voll vernetzt und vor allem alltagstauglich. Dem kompakten Viertürer im Golf-Format folgt im gleichen Jahr ein SUV, das bereits als Studie namens Crozz bekannt ist. Und dann warten da noch der an den legendären Bulli erinnerte Concept-Van Buzz und die Limousinen-Version Vizzion auf den Serienstart im Jahre 2022. Allesamt mit Reichweiten auf dem Niveau heutiger Benziner (330 bis 550 Kilometer bereits nach dem neuen WLTP-Modus) und dem Preislevel aktueller Diesel. "Wir bauen Autos für Millionen, nicht für Millionäre", heißt es.

Zurück zum Heckantrieb

Ein bezahlbarer Preis ist das eine, eine flächendeckende Lade-Infrastruktur das andere. Herzstück der Elektro-Mission ist ein 1,30 Meter langer, 1,40 Meter breiter und 14 Zentimeter hoher Alu-Rahmen. Der steckt Platzsparend im Unterboden und darin wiederum das eigentliche Batteriesystem. Und darum herum haben die Entwickler dann die neue ID-Familie gebaut, statt wie bisher die Technik nachträglich irgendwie in bestehende Modelle zu implantieren. Vorteil: Kurze Überhänge, langer Radstand und damit reichlich Raumgewinn bei kleineren Außenmaßen, weil der E-Motor an die Hinterachse wandert. Aber auch Allrad ist möglich. Außerdem eine optimale Gewichtsverteilung von nahezu 50:50 Prozent. So eine Batterie kann ganz auf die individuellen Bedürfnisse des Fahrers ausgerichtet, also - ähnlich den bisherigen PS-Zahlen - in verschiedenen Leistungsstufen bestellt werden. Wer hauptsächlich in der Stadt unterwegs ist, wird sein Augenmerk nicht unbedingt auf einen hohen Energiegehalt richten. Wer aber Reichweite braucht, packt ein paar Zellmodule mehr rein. Dass das System schnell-ladefähig ist, versteht sich. In knapp einer halben Stunde, verspricht VW, ist es zu 80 Prozent aufgeladen.

Smarte Lösungen

Und das soll so einfach und selbstverständlich geschehen wie das abendliche Anstöpseln des Smartphone an die Steckdose. Deshalb offerieren die Wolfsburger eine Wallbox für rund 300 Euro, die daheim oder an Firmenparkplätzen montiert wird und eine Ladeleistung von bis zu 11 kW (AC) erlaubt, während der Anschluss ans normale 230V-Netz mit 2,3 kW auskommen muss. Geplant ist außerdem eine Gleichstromvariante mit 22 kW (DC), die die Energie auch wieder ins Netz einspeisen kann und so ein ID-Fahrzeug zum Stromspeicher macht. Damit wären nach VW-Berechnung 70 Prozent aller notwendigen Ladevorgänge zuhause oder auf Firmenparkplätzen abgedeckt. Die übrigen 30 Prozent werden unterwegs notwendig, weshalb VW mit BMW, Daimler und Ford ein Joint Venture mit Ionity eingegangen ist. Damit soll ein zuverlässiges Netz von äußerst starken Schnell-Ladestationen an "Tankstellen der Zukunft" entlang der europäischen Fernstraßen aufgebaut werden. Und schließlich werden alle 4000 europäischen VW-Vertragshändler mit Ladesäulen ausgestattet.

Total digital

Noch Zukunftsmusik ist ein digital vernetztes Heim-Energie-Management-System, mit dem die ID-Flotte Teil des Stromnetzes wird. Da gibt der Fahrer abends im Auto ein, wann er am nächsten Tag wie viel Reichweite braucht. Und jetzt kommuniziert der ID mit dem HEMS und legt auf Basis aktueller Strompreise und Verfügbarkeit selbst den Ladezyklus fest. Wenn nötig greift der Manager auf die Restenergie des Autos zurück und deckt den Strombedarf im Haus.

Und noch ein Punkt: Volkswagen versteht sich mittlerweile auch als Mobilitätsdienstleister und hat auch einen Online-Service in der Pipeline. Der zeigt dem Nutzer nicht nur den idealen Ladepunkt, reserviert ihn und navigiert das Fahrzeug dorthin. Bezahlt wird beispielsweise über eine Smartphone-App. Da ist es bis zu "Plug & Charge" nicht mehr weit. Das heißt nach dem Laden (vielleicht sogar schon über Induktionsflächen) wird automatisch über das E-Auto abgerechnet und bezahlt. So wären die ID-Modelle fahrende Kreditkarten.

Nach einem Kompaktwagen im Golf-Format startet die ID-Familie 2020 auch gleich noch mit einem SUV, der als seriennahe Studie noch auf den Namen Crozz hört.
Mit einer neuen Fabelzeit hat die Elektroflunder ID Pikes Peak das legendäre Bergrennen in Colorado gewonnen. Der erste Sieg eines Elektroautos gegen die Verbrenner.

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