09.09.2019 - 12:45 Uhr
Altenstadt an der WaldnaabOberpfalz

Geschichtsunterricht in Stribro

Es ist sicher nicht einfach, sich mit seiner eigenen Geschichte zu befassen. Doch auch den Schüler in Stribro (Tschechien) merkte man bei der Präsentation über Paulusbrunn die Betroffenheit über die damaligen Geschehnisse an.

Gekonnt las Toni Plödt aus der erarbeiteten Dokumentation über den Ort Paulusbrunn vor den Schülern in der Partnerschule Střibro vor.
von Johann AdamProfil

Die Arbeit der drei Grundschüler zum Untergang des Ortes Paulusbrunn und der Vertreibung einer Familie stellten Toni Plödt und der ehemalige Schulleiter der Grundschule, Rainer Christoph, in der Partnerschule in Stribro vor.

Schulleiter Vaclav Peterik begrüßte die Gäste aus Altenstadt, mit dabei auch Hans Adam und Tonis Schwester Lina. Leider waren die beiden anderen Schüler verhindert. Nachdem die Geschichte, die von 1900 bis in die heutige Zeit reicht, in den Lehrplan der 9. Klasse passt, freute sich Peterik auf die Präsentation. Ganz im Sinne des Deutsch-Tschechischen Fonds in Prag, der in diesem Jahr das Paulusbrunnprojekt bei Bärnau finanziell unterstützt und um eine derartige Aktionen gebeten hatte.

Mit großem Interesse verfolgten die Neuntklässler den Ausführungen der beiden Referenten. Der verschwundene Ort, der seit 1919 Pavlův Studenec hieß, war den tschechischen Schülern kein Begriff. Sie sahen an dem Bildmaterial, dass es eine der größten Gemeinden im ehemaligen Bezirk Tachau war. 1939 lebten hier 1523 Menschen auf einer Fläche von 3058 Hektar, verteilt auf neun Ortsteile. Die Paulusbrunner mussten Einiges mitmachen. Bis 1918 Österreicher, bekamen sie mit der Gründung der 1. Tschechischen Republik einen neuen Pass, neues Geld, Grenzscheine zum Passieren und vieles mehr.

1938 wurden die Paulusbrunner nach dem Einmarsch der Wehrmacht Reichsdeutsche. Die Menschen führten in diesen Jahren ein aktives Gemeindeleben mit Vereinen aller Art und vielen Geschäften. Das alles nahm 1945 sein Ende. Am 1. Mai wurde Paulusbrunn von den Amerikanern besetzt. Dann kam der kommunistische Umschwung, die Vertreibung und der Befehl aus Prag, alle Gebäude zu zerstören.

Das Schicksal der vertriebenen Familie Steinhauser, aufgearbeitet durch Zeitzeugeninterviews, zieht sich wie ein roter Faden von der Vertreibung über das Lager Wiesau bis hin zum Neuanfang in Bärnau durch die Geschichte. Drei Millionen Menschen mussten gehen, rund 2400 Orte, wurden wie Paulusbrunn zwischen 1945 und 1956 dem Erdboden gleichgemacht. Das ging nicht immer friedlich zu. Wurden davor die Tschechen von Deutschen misshandelt, kam der Hass und Wut bei den Tschechen hoch und führte zu Mord und Totschlag unter den Deutschen. Besonders schlimm war es, so Toni, dass die Menschen zusehen mussten, wie ihre Häuser zerstört wurden. Für die Familie Steinhauser – ihr Haus stand nur ein paar Meter von Bayern entfernt – ein schreckliches Erlebnis.

Auch Kirche, Schulhaus und Pfarrhaus blieben nicht verschont. „Immer war die Angst vor einem neuen Krieg da“, berichtete Steinhauser in einem Interview. Rainer Christoph, der dies ebenfalls erlebt hat, bestätigte ihn. Auch der Direktor der tschechischen Schule erzählte von dieser Angst bei seinen Eltern und Nachbarn. Bilder eines Schulausflugs, bei dem den Klassenkameraden die Arbeit und Reste des verschwundenen Ortes vorgestellt wurden, rundeten den Vortrag ab.

Am Ende der Stunde stelle sich heraus, dass einige der Neuntklässler nichts von diesem Teil der Geschichte gehört hatten. Alle fanden jedoch, dass es wichtig sei, über diese Geschichte zu sprechen. Es sei wichtig, dass so etwas darf nicht mehr passieren dürfe. Christoph erinnerte noch, dass es eine über 1000-jährige Nachbarschaft beider Länder gibt. Deutsche und Tschechen dürfen sich nicht gleichgültig sein. Sie kamen auf Einladung der tschechischen Fürsten vor über 600 Jahren ins Land und nicht als Eroberer. Vieles verbindet schon im Alltagsleben die Menschen bis heute. Seit über 20 Jahren hat die Grundschule Altenstadt Kontakte zu Střibro und Kladruby. „Tatsache ist, radikaler Nationalismus, Krieg, Vertreibung und Kalter Krieg im 19. und 20. Jahrhundert besiegelten den Untergang von Paulusbrunn", lautete das Ergebnis der Geschichtsstunde. Das Ziel dieser Arbeit und vieler laufender Aktivitäten sei, dass „die Erinnerung an die verschwundenen Siedlungen beispielhaft Mahnung ist, dass die Fehler der jüngsten Geschichte sich nie mehr wiederholen. “

Rainer Christoph, Lina Plödt und Toni Plödt (von links) vor der Partnerschule in Střibro.
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