22.11.2018 - 11:20 Uhr
Altenstadt an der WaldnaabOberpfalz

Kleine Glocke mit bewegter Geschichte

Wenn eine Familie einen Verlust zu beklagen hat, läutet das Totenglöcklein von Altenstadt/WN. Dass es auch heute noch erklingt, ist dem mutigen Einsatz eines Gastwirts und Bürgermeisters zu verdanken.

Heute hängt das Totenglöcklein im neu restaurierten Turm am Leichenhaus im Altenstädter Friedhof.

Wenn das Totenglöcklein am Altenstädter Friedhof anklingt, ist das kein gutes Zeichen, weist es doch darauf hin, dass in einer Familie des Ortes ein schmerzlicher Verlust zu verzeichnen ist.

"Es ist kein allzu großes Glöcklein, das oben in dem Holztürmchen hängt. Etwa 40 bis 50 Zentimeter groß, dürfte es um die 30 Kilogramm wiegen, was aber ausreicht, beim rechten Schwingen, das Holzgestell schon etwas ins Wackeln bringen. Dass es dort noch hängt, grenzt jedoch fast an ein kleines Wunder." Aufgeschrieben hat es die bereits Verstorbene Anni Blecha, geborene Füßl und Tochter des ehemaligen Bürgermeisters und Gastwirts Georg Füßl.

Sie erinnerte sich noch genau, wie ihr Vater das Totenglöckchen und die Kirchenglocken der alten Pfarrkirche Anfang der 1940er Jahre herab holen lassen musste. Der Befehl, so berichtete sie, kam von "einem gottlosen Regime", der NS-Bezirksleitung in Weiden. Sie ordnete an, alle Glocken zu konfiszieren und zu Kanonenkugeln einschmelzen zu lassen.

Besonders tragisch war dies für den Bürgermeister, da die Kirchenglocken von seinem 1917 verstorbenen Cousin Peter Vollath, genannt "Glockenpoita", gestiftet waren. Auch das Glöckchen am Leichenhaus musste vom Dach. Schweren Herzens wurden die fünf Glocken zum Bahnhof nach Neustadt gebracht. Doch am Bahnhof, so wusste Anni Blecha, kamen nur vier Glocken an.

Das fünfte, das kleinste Glöckchen konnte Georg Füssl heimlich beiseite schaffen und in seiner dunklen Scheune unter einem großen Kohlen-Haufen verstecken. Niemand von den Wirtshaus-Besuchern ahnte etwas davon. Anni Blecha erschauderte darüber noch später: "Keine ungefährliche Sache, wäre es aufgekommen, hätte mein Vater wegen ,Wehrzersetzung' erschossen werden können."

Doch zum Glück ging der Krieg vorbei. Die vier großen Glocken des "Glockenpöitas" kehrten nie mehr zurück. Erst 1948 konnte Pfarrer Julius Meister vier neue Glocken einweihen. Das Totenglöcklein kehrte jedoch unversehrt gleich nach Kriegsende an seinen alten Standort zurück. Dort läutet es bis heute noch.

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