29.05.2019 - 11:35 Uhr
Altenstadt an der WaldnaabOberpfalz

Zeugen der Industriegeschichte

Nichts ist geblieben von der Glasmacher-Tradition in Altenstadt/WN. Der ehemalige Glasbläser und bekannte Volksmusikant Siggi Sterr erinnert sich an schwere Zeiten.

Bis 1985 arbeitete Siegfried „Siggi“ Sterr in Altenstadt/WN als Glasbläsermeister. Sein letzter Arbeitsort war die Altbayerische Glashütte in Neustadt/WN.
von Rainer ChristophProfil

(cr) Das Glasmachen hatte in Altenstadt eine lange Tradition. Heute sind die beiden Kristallglasfabriken am Ort - Beyer & Co. A.G und Karl Hofbauer - stumme Zeugen der Industriegeschichte. Im Jahre 1956 beschäftigte die Firma Hofbauer 1400 Arbeiter in den Hütten- und Veredelungsbetrieben. Nichts davon ist geblieben. Im September 1993 musste Hofbauer schließen, die Öfen wurden für immer abgestellt. Noch gibt es Zeugen dieser Glasmacher, einer davon ist der Glasbläser Siegfried "Siggi" Sterr. Viele kennen ihn auch über die Grenzen des Ortes hinaus als Volksmusikanten. Bis 1985 arbeitete er in Altenstadt/WN als Glasbläsermeister. Sein letzter Arbeitsort war die Altbayerische Glashütte in Neustadt/WN.

Seine Familie stammt aus einer Einöde an der böhmischen Grenze. Der Großvater, so berichtet er, lebte in Schönau bei Schönsee im heutigen Landkreis Schwandorf. Von Beruf war er Wasserradmacher und Zimmermann. Neun Kinder galt es zu ernähren. Bescheiden waren die Verhältnisse, weder Strom noch fließend Wasser waren bekannt. Mit dem Bau eines Hauses am Hüttenbach wurde ein Wasserrad installiert und ein Spiegelglaspolier errichtet. Nun endlich gab es auch Strom über eine Lichtmaschine. Das Glas bezog der Großvater aus dem nahen Böhmen. Die ganze Familie arbeitete in der Schleife. Nach der Aufgabe des Glaspoliers 1938 wurde aus der Anlage ein Sägewerk und ein kleines Kraftwerk mit Turbinen.

Arbeitslosigkeit

Bedingt durch eine hohe Arbeitslosigkeit vor dem Zweiten Weltkrieg, sattelte Sterrs Vater um und wurde Bergmann in den Kohlebergwerken bei Zwickau. Dort lernte er seine Frau kennen, ebenfalls eine Oberpfälzerin. Die stammte aus Pleystein und war ebenfalls der Arbeit wegen nach Sachsen gegangen.

Der kleine Siegfried erblickte 1936 in St. Niklas bei Zwickau das Licht der Welt, rund 150 Kilometer von Altenstadt/WN entfernt. Nach dem Krieg ging es zurück in die alte Heimat. An der Max-Reger-Schule in Weiden beendete Siegfried Sterr seine Schulzeit. Ein guter Freund überredete ihn, den Beruf des Glasbläsers zu erlernen. Zwei seiner Brüder arbeiteten bereits als Glasarbeiter bei der Firma Beyer & Co. in Altenstadt/WN. In der Glasfabrik Karl Hofbauer begann er 1951 seine Ausbildung zum Glasbläser.

Eine harte Zeit erwartete ihn in den drei Jahren Lehrzeit. In der Woche verdiente Sterr als Lehrling anfangs drei Mark. Eine Kinokarte kostete 55 Pfennige. Trotzdem war er zufrieden. An den Tagen, an denen er die Berufsschule in Neustadt/WN besuchte, musste er von 4 bis um 7 Uhr zur Arbeit. Dann lief er mit den anderen Lehrlingen zur Schule, die bis um 12 Uhr dauerte. Nach Schulschluss ging es zurück in die Fabrik. "Wir Buben waren ständig müde und übernächtigt. Mancher schlief einfach im Unterricht ein", erinnert sich Sterr. Der damalige Pfarrer Johann Meyer aus Altenstadt/WN, der Religion unterrichtete, hatte Verständnis. Er weckte die Schläfer nicht auf.

1200 Grad Ofenhitze

Um 4 Uhr begann der Arbeitstag der "Gloserer", wie die Glasmacher genannt wurden. Immer sechs Männer arbeiteten in einem Team zusammen. Nach acht Stunden, gegen 13 Uhr, war ihre Arbeit beendet. Jeder in der Gruppe hatte eine Aufgabe und einen eigenen Namen: der "Kölbelmacher", der erste Anfanger, der zweite Anfanger, der Glasmacher, der Abschlager und der Einträger. Die Arbeit am Glasofen war sehr schwer. Besonders die Hitze war extrem. Ein Grund, warum die Arbeit so früh begann. Noch schlimmer war es im Sommer, wenn das Thermometer plus 28 Grad anzeigte und die Ofenhitze mit über 1200 Grad hinzukam. "Groß war der Durst, der Schweiß lief uns nur so am Körper entlang." Für 15 Minuten durften die Arbeiter ins Freie und es gab kostenlos Tee.

Nach dem Ende der Lehrzeit hörte er von Kameraden, dass in Hessen die Löhne der Glasarbeiter weit höher lagen als in der Oberpfalz. Als sein Lehrherr Karl Hofbauer, der den jungen Mann sehr schätzte, von dessen Absichten hörte, legte er ihm keine Steine in den Weg. Er könne ihm nicht mehr bezahlen. So machte sich der junge Mann im Alter von 18 Jahren auf in die Fremde, nach Stierstadt bei Oberursel, ganz in der Nähe von Frankfurt.

Dort erwartete ihn eine total andere Arbeit als in der Heimat. In der Fabrik wurden Einsätze für Thermosflaschen in Akkordarbeit hergestellt. Acht Stunden betrug die Schicht und es gab nur 20 Minuten Pause. Er erinnert sich noch genau, eine Menge seiner Mitarbeiter kamen aus Niederbayern und dem Bayerischen Wald, aber auch schon viele Gastarbeiter aus Portugal, Polen und Rumänien arbeiteten in den Glasfabriken.

Nach einem Jahr wechselte er an eine benachbarte Glasfabrik in Wedel. Dort waren die Arbeitsbedingungen - ohne Akkord und mit ausgewogenen Schichten - erheblich besser. Eineinhalb Jahre blieb er in Hessen, dann zog es ihn zurück in die Oberpfalz, wo er ab 1956 bei der Firma Beyer & Co. in Altenstadt/WN arbeitete und später seine Frau Vera kennenlernte.

"Jedes mundgeblasene Stück wird anders", betont Sigi Sterr. Seine größten Vasen waren rund einen Meter hoch und bestanden aus drei Teilen. Hinzu kamen Schnupftabakgläser als Doppelüberfang, mit Porzellanblüten verziert, Ostereier aus Glas, Weihwasserkessel mit Kreuz, farbige Pokale, Glaskugeln in vielen Farben und wertvolle böhmische Gläser, die wie Edelsteine glitzerten. Bei der Überfangtechnik wird auf das glühende Glas eine vorgewärmte farbige Glasschale gelegt. In sehr hoher Hitze verschmelzen weißes und farbiges Glas miteinander. Ständig muss das Glas gedreht und die Form stets nass gehalten werden. So bildet sich zwischen Glas und Form eine Dampfschicht, die dem Glas eine glatte und helle Oberfläche verleiht. Diese Technik beherrschte er in der Perfektion.

Bald hatte das Glas aus Altenstadt/WN Weltruf. Besonders die Amerikaner liebten es und kamen in Bussen. Die Soldaten vom Übungsplatz Grafenwöhr nahmen ein mundgeblasenes und handgeschliffenes Souvenir aus Glas gern mit in ihre Heimat.

Einwohnerzuwachs

Durch die segensreiche Arbeit wurden große Siedlungen gebaut und der Ort vergrößerte sich. Bis 1956 war die einst 600 Einwohner große Gemeinde auf 2000 Einwohner angewachsen. Das Glas brachte den Familien ein gutes Auskommen und den Orten Altenstadt/WN und Neustadt/WN nicht nur einen großen Zuwachs an Einwohner, sondern auch einen gewissen Wohlstand. Viele Glasmacher, so wie Sterr, konnten sich ein Häuschen bauen oder eine Wohnung kaufen und über viele Jahrzehnte ihre Familien versorgen. In der Zeit um 1960 ernährte die Bleikristallherstellung rund 20 000 Menschen in der nördlichen Oberpfalz, wo von 100 weltweit erzeugten Gläsern 60 Stück hergestellt wurden.

Als die Zeit der Fabrikschließungen kam, wechselte Sterr als Hüttenchef in die Altbayerische Glashütte der benachbarten Kreisstadt Neustadt/WN. In der berühmten Glasfabrik Nachtmann hatte er bald einen hervorragenden Ruf als Glasbläser. Das galt auch für den Musikanten Sterr mit seine "Diatonischen". Ein Instrument, ähnlich dem Akkordeon, das besonders in Böhmen bekannt ist. Sterr spielt alles nach Gehör und war ein vielgefragter, echter Volksmusikant. Er berichtet, dass er schon als zwölfjähriger Bub im Dorf und in der Umgebung in einer kleinen Kapelle zum Tanz aufspielte. Radios waren in den Dorfwirtschaften noch unbekannt. Geld bekam er keines fürs Spielen, aber stets eine gute Brotzeit - und die war damals viel wert.

Weizsäcker zu Gast

Neustadt/WN, die Stadt des Bleikristalls, und der gute Ruf der Firma Nachtmann führte viel Prominenz und ausländische Besucher in die "Schauglashütte" der kleinsten Kreisstadt Bayerns. Hüttenchef Siggi Sterr lernte sie alle kennen. Menschen aus aller Welt, aber auch Politiker, Minister, Regierungssprecher, geistliche Würdenträger und Diplomaten bestaunten seine Künste. Nicht selten brachten sie ausgefallene Wünsche mit. So erzählt er von einer Ministerin, die Ostereier sammelte und für die er eigens vier kunstvolle Eier aus Glas herstellte. Gern erinnert er sich an den Besuch des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, dem er ein Schnupftabakglas überreichte.

Oft lud ihn der inzwischen verstorbene Firmenchef Toni Frank ein, an eigens veranstalteten Abenden seine Gäste zu unterhalten. Mit oberpfälzischer und böhmischer Musik und der Demonstration des Glasblasens ging es bei diesen Hüttenfesten hoch her. Besonders dann, wenn die "Hütt'n-Litanei" erklang. Gut erinnert er sich an die Glasbläser-Originale, wie den verstorbenen, aber unvergesslichen "Zupfer-Sepp" aus Neustadt/WN, der immer wieder im Fernsehen und im Radio zu sehen und zu hören war. Die Zuhörer waren begeistert. Und wen wundert es, wenn da auch Einladungen bis nach Australien nicht ausblieben.

Glasmacherlied:

A Glosmacha is mei Ma

1. A Glosmacha ist mei Ma, weil er schöi glosmacha ka.

Er oabat Toch und Nacht,

holara des is a Pracht,

und wenn a nimma ka,

richt a sein Eitrocha a,

der oabat zua, bis in da Fruah.

2. A Eitrocha is mein Ma,

weil er schöi eitrogn ka.

Er oabat Toch und Nacht,

holara des is a Pracht,

und wenn a nimma ka,

richt a sei Bladschara a,

der oabat zua, bis in da Fruah.

3. A Bladschara is mein Ma, weil er schöi bladschan ka.

Er oabat Toch und Nacht,

holara des is a Pracht,

und wenn a nimma ka,

richt a sei Schiahansel a,

der oabat zua, bis in da Fruah.

„Es ist ein unendliche Kreuz Glas zu machen“, steht im Museum in Neustadt/WN.
Im Jahre 1956 beschäftigte die Firma Hofbauer 1400 Arbeiter in den Hütten- und Veredelungsbetrieben. Im September 1993 musste Hofbauer schließen.
Viele kennen „Siggi“ Sterr (rechts) auch über die Grenzen des Ortes hinaus als Volksmusikanten. Hier spielt er zusammen mit Alfons Kistenpfennig auf.
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