(dwi) Bewaffnet mit Teppichschneider, Drahtseil und Indexhaftnotizen marschieren die üblichen Verdächtigen durch den Bühneneingang. An diesem grauen und schwülen Morgen gewähren die Fenster des Amberger Congress Centrums keinen Einblick und spiegeln nur das Außenrum. Den Durchblick haben dafür die Wenigen, die innen im Saal nur einen Plan verfolgen: Friedensreich Hundertwasser gerecht zu würdigen.
Seit einem Jahr planen Marketing-Koordinatorinnen Kathrin Weigl und Alexandra Kummert zusammen mit Technischem Leiter Johann Wallner die große Ausstellung. Vorfreude, Anspannung und ein unausgesprochener Perfektionismus schweben in der Luft. Etwa zwei Stunden dauert der Aufbau von 59 Wänden, die eine Spirale formen und dem Besucher einen Rundgang zwischen chronologisch angeordneten Graphiken ermöglicht. Der Mittelpunkt der Quadratur des Kreises ist die „Satte Sonne“. Vier Fuselrollen liegen vor der Wand, die mit schwarzem Samt umhüllt wurde. Ein Raumausstatter striegelt den Stoff so lange, bis jede Faser in die gleiche Richtung zeigt.
Erst 48 Stunden vor der Eröffnung beginnt der Aufbau. „Die Sicherheit geht vor“, erklärt Alexandra Kummert. Bis zu einer halben Million Euro werden mittlerweile bei Auktionen weltweit für einen echten Hundertwasser geboten. Diese Beträge stehen dennoch nicht in Relation zum tatsächlichen Marktwert. Ein Phänomen des Auflagen-Königs, der als erster Künstler überhaupt die handsignierte Graphik für die breite Masse erfand. Wie lange und wo sich die 77 Exponate in Obhut des Amberger Congress Centrums befinden und wann die Rückführung nach der Ausstellung erfolgt, darüber herrscht großes Schweigen. Auch über den monetären Wert wird nicht gesprochen. Nur, dass eine Von-Nagel-zu-Nagel-Versicherung abgeschlossen sei. Eine Kamera überwacht den Saal und sendet die Live-Übertragung zum eingesetzten Wachpersonal. Staub stelle eine große Brandgefahr dar. „Angeordnet ist eine tägliche Reinigung von sieben Uhr morgens bis sich die Türen wieder für Besucher öffnen“, sagt der Technische Leiter. Für den Zeitraum einer Ausstellung dieser Größenordnung wird rund um die Uhr gearbeitet.
Zeitlich sei der späte Beginn kein Problem. Die Anordnung der nummerierten Bilder steht mithilfe von Kurator Michael Wegmann seit Langem fest. Da die Werke aber erst jetzt gesichtet werden, könnten nicht angebrachte Haken oder eine mögliche schlechte Qualität der Rahmen zu Verzögerungen und Überstunden führen. Nano-Millimeter genau werden Hänger an den Wänden angebracht und die Bildmitte mit Höhe von 147 Zentimeter gekennzeichnet. Per Formel errechnen die Techniker anhand von Höhe und Breite des Bildes die Abstände zwischen den Exponaten. Immer wieder wird nachgemessen und die Wasserwaage kommt zum Einsatz. Mit weißen Samthandschuhen werden die Ausstellungsstücke angefasst. Nicht zu übertreffen ist die Qualität der Originale der Galerie Saal. Die schwarzen Rahmen mit goldener oder silberner Verzierung sorgen für einen einheitlichen Anblick und rücken die Farbpracht der Graphiken in den Vordergrund. Sogar jede Luftpolsterfolie ist nummeriert und wird geordnet aufgeräumt. Stetig entwickelt sich ein Gesamteindruck der Vernissage. Nach etwa zehn Stunden ist alles an seinem Platz.
Dass die Spirale im Vordergrund steht, ist für Kenner selbsterklärend. Dennoch ist es den Organisatorinnen wichtig, etwas von Friedensreichs Philosophie und Leben in Textform zu zeigen. Darüber hinaus gibt es stündlich auch einen Film zu sehen. Obwohl diese Ausstellung eine Premiere für Alexandra Kummert ist, kennt sie Hundertwasser, der heuer neunzig Jahre alt geworden wäre, schon seit ihrer Jugend. Ihre Mutter schenkte ihr das „Testament in Gelb“ als Kunstdruck. „Da hing es dann über Jahre und ich konnte mich nicht entscheiden, ob es mir gefällt oder nicht“, erzählt Kummert. Es war nicht ihr Geschmack, vielleicht habe sie sich sattgesehen. Jetzt mag sie es sogar. „Im Original wirkt ein Bild einfach ganz anders.“ Auch dieses Stück ist Teil der Vernissage. Unerwartet hinzu kamen noch zwei Seidenmalereien. Kurzfristig wird umdisponiert, damit bei den Führungen die Werke noch thematisch zusammen passen. Johann Wallner nimmt es gelassen. Seit 23 Jahren ist er für die Technik verantwortlich. Picasso war seine erste Ausstellung im ACC. Bewusst oder unbewusst – Wallner wird Hundertwasser gerecht, der einst sagte: "Gemälde sollten ausgestellt werden wie Juwelen. Sie sollten so gezeigt werden, dass sie ihre Kostbarkeit zur Schau stellen, in schwarzen Rahmen, im Raum schwebend, parallel zur Wand, ohne an ihr zu kleben." Es ist auch er, der als letzter noch einmal die Kontroll-Runde macht, bevor die ersten Besucher den Saal betreten dürfen.
Zum Höhepunkt der 59-tägigen Ausstellung, die am Montag beginnt, gehört die Lange Kunstnacht am 28. Juli 2018, mit Führungen bis Mitternacht und Live-Musik.





















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