17.04.2019 - 17:59 Uhr
AmbergOberpfalz

Abschottung gefährdet Wohlstand

Die "Wirtschaft 4.0" wird propagiert. "Wir brauchen auch die Mitbestimmung 4.0", fordert Verdi-Bezirksgeschäftsführer Alexander Gröbner für ein soziales, geeintes Europa.

Verdi-Bezirksgeschäftsführer Alexander Gröbner (von links), die stellvertretende Bezirksvorsitzende Verena Gleißner, stellvertretende Bezirksgeschäftsführerin Manuela Dietz und Verdi-Bezirkschef Stefan Dietl (von rechts) setzten auf Solidarität der Arbeitnehmer, auch europaweit.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Ein demokratisches, geeintes und soziales Europa: Das sind die Forderungen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Genau diese Themen will die Gewerkschaft in den Europawahlkampf einbringen, sagte Bezirksvorsitzender Stefan Dietl bei einer Pressekonferenz im Hotel Wolfringmühle. Anlass war eine Verdi-Klausurtagung am Wochenende.

Während "nationalistische Kräfte" wie in Deutschland die AFD auf Abgrenzung setzen, fordert Dietl das Gegenteil. Abgrenzung gehe zulasten der Beschäftigten. "Die deutsche Wirtschaft lebt vom Handel, lebt vom Export. Gerade hier in der Region", sagte Dietl. Ein Ende der offenen Grenzen gefährde nicht nur den Wohlstand, sondern Millionen von Arbeitsplätzen. "Wir können Europa sozialer gestalten", sagte Dietl.

Verdi fordert mehr Befugnisse für das Europaparlament, harmonisierte Arbeitnehmerrechte und einen europaweiten Mindestlohn. Lohndumping über Grenzen hinweg soll so verhindert werden. "Nur ein soziales Europa kann die Herzen der Menschen gewinnen", ist Dietl überzeugt. Der Verdi-Bezirk stehe im regen Austausch mit den Nachbarn in Tschechien. Der "Tag der Arbeit" am 1. Mai steht folgerichtig unter dem Thema "Europa-Jetzt aber richtig."

Blick über Grenzen

Wie vernetzt die Arbeitsmärkte bereits sind, zeigt sich daran, dass viele Ärzte und Pflegekräfte aus Tschechien in die Region einpendeln. "Das ist ein Problem für die tschechischen Kollegen. Zu Hause fehlen diese Fachkräfte", sagte Bezirksgeschäftsführer Alexander Gröbner.

Seine Stellvertreterin Manuela Dietz ist gelernte Krankenschwester und auf das Thema "Pflege" spezialisiert. "Gerade in der Altenpflege ist die Tarifbindung der Arbeitgeber sehr gering, aber die Arbeitsbelastung gleich hoch." Die Gewerkschaft habe das Ziel, hier allgemeinverbindliche Tarifverträge zu koordinieren. Der politische Fokus liege zurzeit sehr auf der Krankenpflege, man solle aber beide Bereiche gemeinsam sehen. Im Krankenpflegebereich habe der Gesetzgeber reagiert. Aber: Der Gewerkschaft geht das noch nicht weit genug. Deshalb habe sich Verdi zusammen mit weiteren Verbänden für den Weg des Volksbegehrens entschieden. Der Fachkräftemangel im Pflegebereich bestehe nämlich auch, "weil sich viele Kolleginnen und Kollegen in Teilzeit oder aus dem Beruf flüchten, weil sie die Belastung nicht mehr aushalten." 12 000 Kräfte fehlen in Bayern. Laut Dietz fehlen deutschlandweit 80 000 Pflegekräfte. Gleichzeitig arbeiten 70 000 Pflegekräfte in Teilzeit oder haben ihren Beruf aufgegeben.

Das Volksbegehren erreichte über 107 000 Unterstützer-Unterschriften. Es liegt bei der Staatsregierung zur Prüfung, sagte Dietz. Bis Karfreitag muss die Entscheidung zur Zulässigkeit fallen. Dann steht die 14-tägige Eintragungsfrist in den Rathäusern aus. Für ein Gelingen braucht's dann eine Million Unterschriften. Ziel sind bessere Arbeitsbedingungen, vor allem durch mehr Personal. Die Gewerkschaft wirbt für die "Vereinigung der Pflegenden in Bayern" (VdPB). Alle Pflegekräfte, unabhängig vom Qualifizierungsniveau, können Mitglied werden. Die VdPB ist eine unabhängige, berufsständische Vertretung, keine Gewerkschaft. Sie kann keine Tarifverträge abschließen, aber sehr wohl als gewichtiger Lobbyist auftreten.

Umfrage gestartet

Dietz warf einen Blick auf die Region: "Wir haben Asklepios hier. Da drängen die Beschäftigten mittlerweile auf tarifgebundene Arbeitsplätze." "Wir haben mit dem Pflegebereich eine Branche, die mit Tariftreue hadert", sagte Gröbner. Auch die öffentliche Hand neige dazu, durch Ausgliederung von Gesellschaften aus der Tarifbindung zu flüchten. Die Vergabe von Aufträgen nur an tariftreue Unternehmen bleibt ebenso Thema der Gewerkschaft. Für die nächsten Tarifrunden hört sich Verdi bei den Beschäftigten um, welche Verbesserungen gefordert werden. Die Umfrage laufe Online, aber auch klassisch auf Papier, erläuterte stellvertretende Bezirksvorsitzende Verena Gleißner.

Die von den Arbeitgebern geforderte Flexibilisierung der Arbeitszeiten könne keine Einbahnstraße sein. So könne es sein, dass Kollegen bestimmter Berufsgruppen eine Lohnerhöhung lieber in Form von Freizeit in Anspruch nehmen würden: Statt 5 Prozent mehr Lohn 5 Prozent weniger Arbeitszeit. Permanente Erreichbarkeit, Projektarbeit oder Home-Office sind weitere Schlagworte.

Ebenso Thema bei der Klausurtagung: Die Mitgliederwerbung. Ende 2018 zählte Verdi in der Oberpfalz 22 446 Mitglieder, bei 1532 Neuaufnahmen. Allerdings bereitet die Alterstruktur den Verantwortlichen Kopfzerbrechen. Die Werbung unter den jungen Arbeitnehmern zeige erste Erfolge, soll aber weiter intensiviert werden, sagte Gröbner.

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