23.08.2019 - 14:41 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberg will das 365-Euro-Ticket

Mit der größten Selbstverständlichkeit winkt der Ferienausschuss zwei Tagesordnungspunkte durch, die den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) zu einer echten Alternative machen können. Was ist da passiert?

Wer die Belastungen durch den Individualverkehr minimieren möchte, muss auf den ÖPNV setzen und ihn und seine Nutzer privilegieren. Der Ferienausschuss des Stadtrates hat hier in zwei Punkten zumindest markante Zeichen gesetzt.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Amberg. (zm) Es liegt in der Natur der Sitzungen des Ferienausschusses, dass sie in der Regel recht entspannt verlaufen. Sommer, Urlaub, der Alltagsstress läuft nur mit halber Kraft. Dem steht gegenüber, dass das Gremium derart weitgehende Beschlusskompetenzen hat, wie kein anderes Untergremium des Stadtrates. So gesehen, schöpfte die neunköpfige Runde am Donnerstag aus dem Vollen. Sie stimmte einem 365-Euro-Ticket im busgebundenen ÖPNV zu und möchte außerdem zusammen mit den Landkreis ein Verkehrsmittel übergreifendes Angebot entwickeln.

Keinerlei Widerrede

Das sind Forderungen, die ökologisch motivierte Befürworter des ÖPNV schon seit Jahren erheben. Plötzlich sind sie im Stadtrat unumstrittenes lokalpolitisches Allgemeingut. Rupert Natter, stellvertretender CSU-Fraktionsvorsitzender: "Eine sehr, sehr gute Maßnahme in Richtung mehr Akzeptanz."; Helmut Wilhelm, Bündnis 90/Die Grünen: "Meine wärmste Unterstützung ist ganz selbstverständlich."; Oberbürgermeister Michael Cerny, CSU: "Dieser symbolhafte eine Euro pro Tag ist schon sehr förderlich, außerdem waren wir ja eigentlich gar nicht so weit weg davon."

Damit spielte der OB auf Berechnungen der Verwaltung (siehe Kasten) an. Denn bei einem bloßen positiven Bekenntnis blieb es nicht, da mussten schon haushaltstechnische Nägel mit Köpfen gemacht werden. Für 2020 werden gemäß dem einstimmigen Beschluss des Ferienausschusses 30 000 Euro im städtischen Etat eingeplant, um durch ein 365-Euro-Ticket - sollte es kommen - entstehende Finanzierungslücken zu schließen. Diese Verpflichtung geht die Stadt gegenüber dem Zweckverband Nahverkehr Amberg-Sulzbach (ZNAS) ein.

In der Zielsetzung noch deutlich weitreichender ist eine zweite einstimmig verabschiedete Kooperationsvereinbarung zwischen der Stadt und dem Landkreis. Demnach wollen die beiden Partner ein sogenanntes "Intermodales Verkehrskonzept" entwickeln. Dieser Ansatz greift die Tatsache auf, dass (ausgenommen der City-Bus) ÖPNV in der Region immer eine Überschreitung politischer Grenzen (kreisfreie Stadt/Landkreis/angrenzende Gebiete) sowie Wechsel von Verkehrsmitteln (Privat-Pkw/Bus/Bahn) bedeutet.

Umfassend ansetzen

Damit ändern sich gleichermaßen die jeweiligen Zuständigkeiten und Finanzierungsmodelle im Hintergrund. Ein "Intermodales Verkehrskonzept" zielt darauf ab, diese strukturellen Hürden dahingehend zu überwinden, dass ein für die Nutzer möglichst unkompliziertes, unterschiedliche Verkehrsmittel einbindendes ÖPNV-Wesen aufgebaut werden kann. 15 000 Euro wird die Stadt im nächsten Jahr bereitstellen, entsprechende Vorarbeiten zu leisten. Angesiedelt sein sollen diese konzeptionellen Aufgaben bei der dem Landratsamt angegliederten Stelle Regionalmanagement. Auch dieser Tagesordnungspunkt sorgte nicht für Diskussionen.

Birgit Fruth, Vorsitzende der SPD-Fraktion, erinnerte in diesem Zusammenhang allerdings an einen von ihr schon vor einigen Jahren eingebrachten, "aber leider negativ beschiedenen" Antrag auf einen nötigen Park-and-Ride-Parkplatz im Einzugsgebiet des Bahnhofs sowie unmittelbar benachbarten Zentralen Omnibus-Bahnhofs (ZOB). Auch diese Anregung wurde ohne jegliches Zögern aufgegriffen.

365-Euro-Ticket-Berechnung:

Der Zweckverband Nahverkehr Amberg-Sulzbach (ZNAS) bietet seinen Kunden bisher einen nicht übertragbaren „Umweltausweis Jedermann“ an. Er stellt eine personalisierte Jahreskarte dar und berechtigt zur beliebig häufigen Nutzung von Linienbussen gemäß der Bedingungen des Tarif Oberpfalz Nord (TON).

Der Karteninhaber zahlt rechnerisch für neun Monate, die Kosten der übrigen drei Monate teilen sich „fiktiv“ die Verkehrsunternehmen (ein Monat) und der ZNAS (zwei Monate). An diesen Fahrausweis soll ein beabsichtigtes 365-Euro-Ticket hinsichtlich der Leistung und damit auch Kostenstruktur angelehnt werden. Derzeit sind 241 dieser Jahreskarten ausgegeben.

Der dafür den Verkehrsunternehmen zu erstattende Preis liegt pro Inhaber bei 570 Euro. Der „fiktive“ Nachlass der Verkehrsunternehmen kommt bei einem 365-Euro-Ticket nicht mehr in Betracht, weil sich daraus ein Klagerecht ergeben würde. Das bedeutet, dass ein Dritter, sprich die Stadt, dafür einspringen muss.

Daraus resultiert folgende Rechnung: 570 Euro abzüglich der zwei ZNAS-Monatsbeiträge von zusammen 95 Euro ergibt 475 Euro. Dafür zahlt der Kunde 365 Euro, macht eine Differenz, also Unterdeckung, von 110 Euro. Die Stadt hat sich verpflichtet, dieses Minus pro Ticket zu tragen, was sich nach dem derzeitigen Stand mit 241 „Umweltausweisen Jedermann“ auf 26 510 Euro im Jahr summiert. (zm)

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