10.07.2020 - 16:29 Uhr
AmbergOberpfalz

Amberger Heimleiter wehren sich gegen Vorwürfe von Angehörigen

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Von der Regierung kommen die Empfehlungen, die Heimleiter müssen Hygiene- und Schutzmaßnahmen in den Altenheimen vor Ort umsetzen und stehen damit auch in der Verantwortung. Doch es wird immer schwerer, die Regeln zu vermitteln.

Pressegespräch mit Amberger Heimleitern: Sie fühlen sich in ein "schlechtes Licht" gerückt.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Es sei "unfair, "polarisierend" und sie fühlen sich "persönlich verletzend angegriffen": Vier Amberger Heimleiter und die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Pflege wehren sich gegen die Vorwürfe von Angehörigen, die den coronabedingten Umgang mit Senioren beklagt hatten. Drei Frauen hatten durch die Isolationen und Besuchseinschränkungen große individuelle Ungerechtigkeit empfunden und diese öffentlich gemacht.

Angehörige machen sich Sorgen um Senioren in Heimen

Amberg

Die vier Amberger Heimleiter, Carsten-Armin Jakimowicz (Caritas, Friedlandstraße), Thomas Göldner (Wallmenichhaus, Haager Weg), Marcus Keil (Diakonie, Hellstraße) und Wolfgang Rattei (Marienheim, Friedlandstraße) sowie Tatjana Richter (Vorsitzende der Schwesternschaft Wallmenichhaus und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Pflege) stellen klar, dass die "geschilderten Vorwürfe" nur eine Einrichtung betreffen würden, doch alle Heime und deren Leitungen in ein "schlechtes Licht" gerückt würden.

Keiner von uns rennt raus und verhängt gegen Bewohner mutwillig Quarantäne, weil sich ein Angehöriger nicht an die Hygienevorschriften gehalten hat.

Tatjana Richter, Vorsitzende der Schwesternschaft Wallmenichhaus

Tatjana Richter, Vorsitzende der Schwesternschaft Wallmenichhaus

Sie machten deutlich, vor welchen Herausforderungen die Corona-Pandemie die Alten- und Pflegeheime stellt. Mit der Handlungsempfehlung für ein Besuchskonzept ist den Heimleitern vom Bayerischen Staatsministerium für Pflege ein Rahmen vorgegeben worden, aber eben nicht mehr. Viele Details müssten innerhalb kürzester Zeit erarbeitet werden. "Wir sind seit 13. März im Dauereinsatz", sagte Tatjana Richter, und "keiner von uns rennt raus und verhängt gegen Bewohner mutwillig Quarantäne, weil sich ein Angehöriger nicht an die Hygienevorschriften gehalten hat." In einer Stellungnahme, die sie in ihrer Funktion als Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Pflege verfasst hat, wird das Dilemma beschrieben: "Die Entscheidung des Staates, hier auf allgemeinverbindliche Regelungen für ganz Bayern zu verzichten und den Regelungsbedarf den Heimen aufzuerlegen, führt auch dazu, dass die Heimleitungen nun noch mehr als zuvor persönlich in der Verantwortung und somit auch in der direkten Schusslinie aller Kritik stehen."

Zwischen Theorie und Praxis

Tatjana Richter führt als Beispiel den Muttertag an: "Am Freitag bekommen wir die Information, dass am Sonntag ein Besuch erlaubt ist. Das heißt, dass wir zwölf bis 14 Stunden dran sitzen und Hygieneregeln festlegen, Personal zur Verfügung stellen müssen und Informationen zeitnah an Angehörige weitergeben." In der Praxis seien Abstände von 1,5 Metern oft nicht einzuhalten, "weil man einen Rollstuhl so nicht schieben kann". Wenn Tatjana Richter durch das Wallmenichhaus geht, sieht sie Besucher, die mit ihren Angehörigen das Haus verlassen, "und die werden nicht 1,5 Meter weit weg von der Mutter stehen bleiben". Immer wieder mache man Angehörige darauf aufmerksam. Natürlich fühle sich der ein oder andere kontrolliert. Aber das sei Aufgabe der Leiter. Richter: "Sollte sich das Virus bei uns verbreiten ist die erste Frage, die uns gestellt wird: Was haben Sie getan, um die Bewohner zu schützen?"

Auch in Tirschenreuth beklagen Angehörige die Zustände

Tirschenreuth

Marcus Keil sagt, alle hätten Blut und Wasser geschwitzt, 24 Stunden am Tag. "Ich fühle mich von der Regierung, Behörden und Ämtern allein gelassen." Doch trotz aller widriger Umstände bei den Umsetzungen der Schutz- und Hygienekonzepte bekämen die Heimleiter signalisiert, dass Angehörige zufrieden sind. Wolfgang Rattei höre immer wieder Lob. "Und wir werden nicht allzu oft gelobt."

Ich fühle mich von der Regierung, Behörden und Ämtern allein gelassen.

Marcus Keil, Leiter des Diakonie-Seniorenheims

Marcus Keil, Leiter des Diakonie-Seniorenheims

"Rundherum wird gelockert und geöffnet. Die Leute sitzen in den Biergärten und bei uns herrscht noch so ein Zustand wie zu Corona-Hotspot-Zeiten", beschrieb Richter das Dilemma, das Fragen aufwerfe. Nach wie vor würden die Mitarbeiter darauf hingewiesen, Abstand von größeren Veranstaltungen oder Familienfeiern zu halten. Nach wie vor gebe es keine größeren Gruppenveranstaltungen in den Heimen und in ihren Wohnbereichen blieben die Senioren unter sich. Richter: "Natürlich reagieren Kolleginnen dann mit Unverständnis, wenn die Angehörigen Bewohner abholen, nach draußen gehen und sich mit fünf anderen unterhalten und die fünf Bewohner kommen aus unterschiedlichen Wohnbereichen." Es werde immer schwerer Regeln zu vermitteln. "Ich habe kein Problem damit, morgen da vorne aufzusperren. Aber wir wollen es nicht verantworten."

Fakt ist, der Schwarze Peter liegt bei den Trägern der Heime und die Politik ist raus.

Thomas Göldner, Heimleiter im Wallmenichhaus

Thomas Göldner, Heimleiter im Wallmenichhaus

Genauere Regelungen gewünscht

"Wir würden uns genauere Regelungen wünschen, die uns natürlich entlasten würden. Leider sind die eher allgemein gehalten. Von Regierungsseite ist das verständlich, für den der es ausführen muss, eher schwierig", sagte Rattei. Die einen haben Begegnungsräume, die anderen dürfen Besucher draußen empfangen oder mit ins Zimmer nehmen. Die Vorgehensweisen sind von Heim zu Heim verschieden. Ein Besuchsverbot musste aber noch keiner der Leiter aussprechen.

Wir würden uns genauere Regelungen wünschen, die uns natürlich entlasten würden. Leider sind die eher allgemein gehalten.

Wolfgang Rattei, Leiter des Marienheims

Wolfgang Rattei, Leiter des Marienheims

Auch bei den versprochenen flächendeckenden Corona-Tests ist wohl noch einiges nicht geklärt. Bereits im Mai seien die Testungen für Heimbewohner und Mitarbeiter angekündigt worden. "Bis zum heutigen Tag haben wir vom Freistaat Bayern keine Aussage wie die Testungen in den Heimen stattfinden."

Für die seit Monaten versprochenen Testungen für Bewohner und Mitarbeiter in den Pflegeheimen liegen uns immer noch keine Informationen vor.

Carsten-Armin Jakimowicz

Carsten-Armin Jakimowicz

Stellungnahme der AG Pflege im Wortlaut.
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