Karl Müller unterstützt als ehrenamtlicher Senior Experte die Initiative VerA. Diese Abkürzung steht für "Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen". 1929 Auszubildende haben in der Oberpfalz im vergangenen Jahr ihre Ausbildungsverträge aufgelöst. Davon haben 1024 ihre Lehrstelle gar nicht angetreten oder den Vertrag bereits im ersten Lehrjahr wieder gelöst. Die Abbrecherquote liegt in Ostbayern laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) bei etwa 30 Prozent. Ein Trend, der sich schon seit Jahren abzeichnet: Immer weniger Bewerber für immer mehr Stellen.
Der Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) nennt Gründe für die Unzufriedenheit: Azubis klagen über Probleme wie Überstunden, ausbildungsfremde Tätigkeiten, Konflikte mit Ausbildern und ungünstige Arbeitsbedingungen, räumen aber auch falsche Berufsvorstellungen ein.
Kostenloser Service
Dem will die Initiative VerA des Senior Experten Services (SES) entgegenwirken. Indem sie Auszubildenden kostenlos einen Mentor zur Seite stellt. Der SES ist eine der größten deutschen Ehrenamtsorganisationen für Fach- und Führungskräfte im Ruhestand. Die gemeinnützige Gesellschaft gibt weltweit Hilfe zur Selbsthilfe. Seit 2008 setzt sie sich gemeinsam mit Verbänden der Industrie, des Handwerks und der Freien Berufe mit der Initiative VerA besonders für junge Menschen ein. Diese wird auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
„Der Fachkräftemangel bedeutet einen sehr großen Schaden für die Volkswirtschaft“, erklärt Ludwig Knödl. „Wir dürfen keine jungen Leute verlieren.“ Knödl ist als einer von 83 ehrenamtlichen Regionalkoordinatoren für den SES im Einsatz. Er sucht in der Oberpfalz nach Rentnern, die die junge Generation unterstützen möchten.
Über 2600 Ausbildungsbegleiter arbeiten schon für VerA, im Durchschnitt sind die 71,2 Jahre alt. Einer davon ist Karl Müller. Er war 42 Jahre an der Amberger Berufsschule aktiv, hat dort Zimmerleute unterrichtet und gehörte dem Prüfungsausschuss an. In seinem Ruhestand wurde er dann auf den SES und VerA aufmerksam und meldete sich dort für eine zweitägige Schulung an. Seitdem hat er bereits vier Jugendliche betreut, die VerA ihm vermittelt hat.
Experten jeder Branche
Einem jungen Menschen steht immer ein Senior-Experte als Vertrauensperson zur Seite – im fachlichen und im privaten Bereich. Dieses Tandem-Modell sei in den meisten Fällen erfolgreich und die Nachfrage der Jugendlichen sehr groß, erklärt Knödl. Allein 2017 hätten über 4000 Auszubildende eine Begleitung angefragt. „Herrn Müller bräuchte ich eigentlich 20 Mal.“ Aber Knödl ist sich sicher, dass auch noch andere Ruheständler Interesse an dieser Aufgabe hätten. Er ist immer auf der Suche nach „Expertennachwuchs“ aus allen Branchen.
Die Gründe, warum sich Auszubildende Hilfe suchen, sind ganz unterschiedlich. Das kann die Angst vor Prüfungen sein, Probleme mit der Fachtheorie, Mobbing am Arbeitsplatz oder auch Stress zu Hause. „Unsere Experten werden manchmal fast ein bisschen zum Opa-Ersatz“, erzählt Knödl.
Erfahrung und Zeit nutzen
Die Dankbarkeit, die Müller von den Auszubildenden entgegengebracht wird, sei sein „ideeller Lohn“. „Jeder, der anderen hilft, nutzt auch sich selbst. Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn junge Leute ihren Weg gehen.“ Er selbst sei schon im Arbeitsleben sehr engagiert gewesen und wollte nach dem Ausscheiden weiter aktiv bleiben, nicht in ein „dunkles Loch“ fallen.
Der Kontakt zwischen Begleiter und Azubi ist individuell und unbürokratisch. Gemeinsam legen sie fest, wie lange sie zusammenarbeiten, wie häufig sie sich treffen und welches Ziel sie erreichen wollen. Das kann die Vorbereitung auf Prüfungen sein, der Ausgleich sprachlicher Defizite oder auch ein besseres Vertrauensverhältnis zwischen Auszubildendem und Ausbilder. Evaluierungen mit den betreuten Jugendlichen ergaben, dass 92 Prozent ihren Freunden VerA empfehlen würden. Ein Punkt werde häufig als besonders positiv hervorgehoben: „Von ihrem Begleiter bekommen die jungen Leute Zeit geschenkt“, sagt Knödl. „Das ist nicht für alle selbstverständlich.“
Ludwig Knödl als Ansprechpartner
Regionalkoordinator Ludwig Knödl ist für Auszubildende, die einen Coach suchen, oder für Menschen, die als Senior Experten helfen möchten, unter Telefon (0871 53190) und E-Mail (oberpfalz[at]vera.ses-bonn[dot]de) zu erreichen.















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