18.11.2018 - 12:23 Uhr
AmbergOberpfalz

Auschwitz-Überlebende rappt für Weltfrieden

Kutlu Yurtseven, Rossi Pennino sowie Joram und Esther Bejarano kommen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen und doch treten sie zusammen als Rap-Gruppe auf. Das Besondere: Das älteste Mitglied ist 94 Jahre alt und hat Auschwitz überlebt.

Sie bilden die Microphone Mafia: Joram Bejanaro (links), Esther Bejanaro und Kutlu Yurtseven (rechts).

Im Max-Reger-Gymnasium präsentierten sie ihre sehr politisch aufgeladenen Stücke. Mit ihrer Musik stellen sich Microphone Mafia gegen Ausgrenzung und Krieg und werben gleichzeitig für Frieden und Vielfalt auf der Welt. Evangelisches und Katholisches Bildungswerk hatten mit dem Bündnis Demokratie eingeladen. Schulleiter Wolfgang Wolters freute sich, den Besuch begrüßen zu dürfen: "Als Schule ohne Rassismus passt dieser Auftritt in unser Profil."

Im Mittelpunkt des Abends stand aber zunächst die bald 94-jährige Esther Bejarano. Unter dem deutschen NS-Regime hatte die gebürtige Jüdin die radikale Verfolgung und regelrechte Vernichtung eines ganzen Volkes hautnah miterlebt. Die damaligen Erlebnisse hat Bejarano in ihrem Buch "Erinnerungen", aus dem sie Ausschnitte vortrug, verarbeitet.

In einem Viehtransport

Darin beschreibt sie, wie sie als 18-Jährige zusammen mit vielen anderen in einem Viehtransport nach Auschwitz gebracht wurde. Der Tod war hier eigentlich nur eine Frage der Zeit. Doch wie durch ein Wunder schaffte es die junge Frau, sich immer wieder aus ausweglosen Situationen zu retten und schließlich dem Nazi-Terror zu entkommen. Indem sie vorgab, Akkordeon spielen zu können, wurde sie in die Riege der Lagermusiker aufgenommen und entging so den harten Arbeiten im Steinbruch. Nach der Verlegung ins Arbeitslager Ravensbrück schien sich die Lage weiter zu verbessern. Doch im Angesicht der baldigen Kriegsniederlage schickten die Lagerkommandanten die verbliebenen Insassen auf Todesmärsche, so auch in Ravensbrück. Zusammen mit sechs anderen Frauen konnte sich Häftling Nummer 41948 in einem unbeobachteten Moment wegschleichen. Kurz darauf liefen sie den Amerikanern in die Arme. "Das war nicht nur meine Befreiung, für mich war es wie eine Wiedergeburt", erinnert sich Bejanaro.

Auch Buch geschrieben

Die ganze Zeit über gaben ihr die Worte einer Freundin Mut: "Du hast die Pflicht, hier rauszukommen, um den Leuten später einmal hiervon erzählen zu können." Und das tut die 94-Jährige mittlerweile regelmäßig. Die Erlebnisse von damals hat Bejanaro nicht nur in ihrem Buch, sondern auch in ihrer Musik verarbeitet. Bis 2007 trat sie zusammen mit ihren Kindern in der Band Coincidence auf. Dann kam der Anruf von Kurtlu Yurtseven, Leiter der Microphone Mafia. Für ein Projekt, das Jugendlichen die Erinnerungsarbeit näherbringen soll, suchte er Unterstützung. Seine Idee: Tagebücher und Briefe von KZ-Häftlingen in Form von Rap verarbeiten. Auch wenn Esthers Sohn Joram zunächst skeptisch war, ließen sich die Bejanaros auf das Experiment ein. "Ich glaube, mit euch erreiche ich die Jugend", sagt die zweimalige Uroma. Und sie sollte recht behalten. Was mit sechs kleinen Songs anfing, hat sich mittlerweile zu 240 Konzerten allein in den vergangenen drei Jahren entwickelt.

Microphone Mafia ist in doppelter Hinsicht eine besondere Formation. Hier vereinen sich nicht nur drei Generationen, sondern auch drei Weltreligionen. Das Besondere an ihrer Musik ist, dass hinter jedem Lied eine Geschichte und eine Botschaft steckt. Unter den Neuinterpretationen sind alte deutsche und jiddische Volkslieder, aber auch moderne Stücke wie etwa von den Höhnern. "Menschen brennen und du bist still", so eine Liedzeile, die genau das zum Ausdruck bringt, was Microphone Mafia ihren Zuhörern vermitteln will. Denn auch heute noch gibt es Ausschreitungen gegen Menschen anderer Nationalität oder Religion. Als Nachkomme türkischer Einwanderung will Yurtseven darauf aufmerksam machen und so das kollektive Schweigen durchbrechen.

Beeindruckte Zuhörer

Für Bejanaro hat das Stück "Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami" eine besondere Bedeutung, denn es ist genau das Lied, das sie damals in Auschwitz auf dem Akkordeon vorspielte. Dass sie es heute stolz vorträgt, ist gewissermaßen die späte Rache an ihren einstigen Peinigern. Nicht nur deswegen ließ sie in Amberg beeindruckte Zuhörer zurück.

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