27.07.2018 - 13:49 Uhr
AmbergOberpfalz

Besonderer Blick auf Amberg

Jonna Stiina Mononen aus Finnland hat ein Anliegen: Sie möchte den Ambergern vor Augen führen, wie schön ihre Stadt ist - obwohl sie selbst blind ist.

„Jetzt bin ich zu Hause“, sagt Jonna Stiina Mononen. Die blinde Finnin lebt seit fünf Monaten mit ihrem Verlobten und Hund Ike in Amberg.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Aufmerksam geht Ike voran. Zuverlässig zeigt er den Weg an und bleibt stehen, sobald er am Ziel angelangt ist. Nur ganz selten will der Führhund seine blinde Besitzerin austricksen, erzählt Jonna Mononen. Dann findet sie in Amberg aber immer bereitwillige Helfer.
Seit acht Jahren hat Mononen ihren schwarzen Blindenführhund Ike. Sie lebte mit ihm an verschiedenen Orten in ihrer Heimat Finnland, außerdem in Berlin, Baden-Württemberg und nun seit Anfang März in Amberg. "Ike hat noch nirgends die Strecken so schnell gelernt wie hier", erzählt die 39-Jährige. Und auch die Finnin selbst fühlt sich in Deutschland - vor allem in Bayern - daheim. "Mit 13 Jahren war ich mit meinen Eltern auf Europareise, schon damals habe ich gesagt: ,Papi, ich ziehe mal nach Deutschland.'"
Ike bahnt sich und seiner Besitzerin einen Weg durch die Stühle und Tische eines Cafés auf dem Amberger Marktplatz. Dicht an dicht stehen hier die Garnituren. Ein Stuhlbein neben dem anderen. Ganz schön viele Stolperfallen. An einem freien Platz angekommen, nimmt Mononen ihrem Hund als erstes sein Geschirr ab: Jetzt ist Ike nicht mehr "im Dienst". Sofort entspannt sich das Tier und macht Platz. Bleibt fast zwei Stunden still liegen. "Ich brauche einen extrem ruhigen Hund, weil ich selber so zappelig bin", erklärt die Finnin.

Rammstein und Literatur

Manchmal dreht aber auch Ike richtig auf. Nämlich dann, wenn sein Frauchen Rammstein auflegt. Beide sind große Fans. "Er wackelt dann mit dem Schwanz und dem Po, er tanzt richtig." Wie soll es auch anders sein: Ike und Rammstein-Frontsänger Till Lindemann haben am gleichen Tag Geburtstag.
Die Liebe zur Rockmusik teilt ihr Verlobter Christian zwar nicht mit der Finnin, dafür aber die Liebe zu Bayern und auch sonst ergänzen sich die beiden. "Ich bin blind - mein Schatz sieht super, dafür hört er auf einem Ohr nichts." Da könne es schon mal passieren, dass der Wecker vergeblich klingelt, wenn ihr Partner gerade mit dem falschen Ohr auf dem Kissen liegt, erzählt Mononen. "Dann muss ich ihn wecken."
Christian stammt aus Berlin und arbeitet als Architekt in Amberg. Jonna Mononen ist Autorin. Kennengelernt haben sich die beiden über das Internet. Seit 2011 sind sie ein Paar. "Wir waren erst E-Mail-Freunde, wie in einem modernen Märchen." Beide sind abenteuerlustig, verbrachten das vergangene Jahr in Australien und Thailand. Nur die Trennung von Ike fiel der Finnin in dieser Zeit schwer. Immer wieder tätschelt sie sein schwarzes Fell. Der konnte nicht mitkommen auf die große Reise. "Aber irgendwann will ich dem Teufel mal sagen: ,Ätsch, bätsch, ich habe mein Leben genossen!'"

Brieffreunde gesucht

Schon als junge Frau suchte sich Mononen Brieffreunde in Deutschland. Dem Land, dessen Sprache sie so fasziniert. Sie verbrachte hier ein Austauschjahr und studierte Linguistik, Sprach- und Übersetzungswissenschaften, schrieb ihre Masterarbeit auf deutsch. Am liebsten übersetzt sie Gedichte oder medizinische Texte. "Wäre ich nicht blind, wäre ich Onkologin geworden", erzählt sie. Die deutsche Sprache bezeichnet die Finnin als "ihren Rettungsring". Sie musste jahrelang mit chronischen Schmerzen aufgrund einer Fehlentwicklung ihrer Wirbelsäule kämpfen. Ging durch schwere Depressionen, war übergewichtig. Hatte Probleme mit Herz und Lunge und eine Art von Rheuma. Zwölf Operationen stand sie durch. Die Songs und Gedichte von Till Lindemann und die "süße Stimme" ihres Christians helfen ihr, wenn es ihr nicht gut geht.
"Meine Eltern haben unglaublich viel für mich getan", sagt die Finnin, ihnen habe sie zu verdanken, dass sie eine normale Schule besuchen durfte. "Ich bin gegen Blindenschulen, wir können auch arbeiten und studieren und müssen in die normale Gesellschaft integriert sein." Als sie zwei war, kauften ihre Eltern ihr ihren ersten Blindenhund. "Sie haben mir Filme beschrieben, geeignete Hobbies für mich gefunden, mir gekauft, was in Mode kam." Sie hat kochen gelernt - erst dreimal in ihrem Leben schnitt sie sich dabei in den Finger - und einkaufen. Ihre Lieblingsgummibärchen kann sie durch die Verpackung ertasten. Sie müsse eben alles anfassen, dabei habe sie aber erst einmal etwas kaputt gemacht: Ein Weinglas bei Ikea.
Wenn sie einmal etwas nicht findet, helfen ihr im Supermarkt in Amberg die Angestellten. Fahren ihr die Einkäufe sogar nach Feierabend nach Hause. Genauso freundlich gehe man in der Drogerie mit ihr um. Dort ist sie häufiger anzutreffen, denn Mononen sammelt seit Jahren Parfums: etwa 1500 Flakons besitzt sie bereits. Nicht einmal in einen OP-Saal würde sie sich schieben lassen, ohne eines aufgelegt zu haben, betont sie. "Dunkle, starke mag ich am liebsten."

Der Duft der Stadt

"Amberg ist eine super Stadt für die Nase", schwärmt die Autorin. "Es riecht oft holzig, nach alten Gebäuden, nach leckerem bayerischen Essen und Bier." Das liebe sie. Sogar den Qualm von Zigaretten rieche sie hier gerne. Auch die Böden machen in Amberg schönere Geräusche. Und noch etwas gefällt der 39-Jährigen an ihrer neuen Heimat: "In Bayern sprechen nicht so viele blindisch." Sie möchte normal behandelt und angesprochen werden, nicht so, wie es vermeintlich für Blinde angemessen erscheint. "Ich sehe eben mit anderen Sinnen und mit meiner Seele."

Amberg ist eine super Stadt für die Nase.

Jonna Stiina Mononen

Derzeit arbeitet die Finnin an einem Herzensprojekt: Ein Buch über Terror und Mobbing in den sozialen Medien. Es ist eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Von ihrem Leben als blinde Autorin hat Mononen schon in Kindergärten und Schulen erzählt. "Ich liebe diese Besuche, Kinder stellen die besten Fragen", erklärt sie. Solche "Vorträge" würde sie gerne öfter halten, um gegen Diskriminierung zu kämpfen und sich für die Integration von Blinden einzusetzen. "Dafür will ich kein Geld, eine Cola reicht mir", sagt die Finnin und lacht. Es ist ihr absolutes Lieblingsgetränk: "Ohne meine tägliche Dosis Cola und Rammstein kann ich nicht leben."

Ihr T-Shirt wählt Jonna Mononen ganz nach ihrem Musikgeschmack aus. Die Finnin hofft, in Amberg auch andere Rammstein-Fans kennenzulernen: "Zusammen Musik hören wäre toll."

Kommentar:

Für Dank bedanken

Richtig satt von schlechten Nachrichten sind wir manchmal. So oft bestimmen Schreckensmeldungen die Schlagzeilen. Dort wird gemosert, hier geschimpft. Umso wichtiger ist es, dass der Blick auf die eigene Heimat einmal auf die schönen Aspekte gelenkt wird. Dabei kann auch ein Anstoß von außen helfen. Jonna Mononen begegnet Amberg ganz anders als wir, die schon ewig hier leben. Nicht nur aufgrund ihrer Behinderung nimmt sie Kleinigkeiten bewusster und intensiver wahr und achtet auf andere Dinge. Wann macht man sich schon mal Gedanken, ob es im Heimatort besser riecht als anderswo? Oder ob die Vögel fröhlicher zwitschern? Dank der blinden Autorin aus Finnland vielleicht jetzt. Über Facebook suchte sie den Kontakt zu unserer Redaktion. „Da Zeitungen und Internet leider voll von schlechten Nachrichten sind, dachte ich, ich schreibe Ihnen mal ein paar Zeilen“, begann sie und erklärte: „Ich habe in vielen Ecken Deutschlands und Finnlands gewohnt, und das letzte Jahr verbrachten wir in Australien und Thailand. Aber solche Herzlichkeit wie hier ist sogar für mich neu.“ Sie wolle den Menschen hier für die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft danken und etwas Nettes über die Stadt erzählen. Für diesen positiven, ganz besonderen Blick auf Amberg müssen nun eigentlich wir alle danke sagen.

Miriam Wittich

Jonna Mononen und ihr Blindenhund Ike fühlen sich in Amberg wohl.

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