23.07.2020 - 11:54 Uhr
AmbergOberpfalz

Im Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit

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Der Karner in Hallstatt im Salzkammergut gehört zu den bekanntesten Beinhäusern der Welt. Was kaum jemand weiß: Auch in der Oberpfalz sind die Ossuarien einst verbreitet gewesen. Heute findet man sie jedoch kaum noch.

Die Reste des ehemaligen Karners bei St. Georg in Amberg.

Leben und Tod waren in früheren Jahrhunderten eng beieinander. Die Kindersterblichkeit war hoch, die Lebenserwartung gering, die Seuchen zahlreich, die Friedhöfe rund um die Kirchen zu klein, um so viele Leichen aufzunehmen, zumal Zweitbestattungen unbekannt waren.

Dahinter stand der Glaube an die Auferstehung. Im Friedhof oder gar in den Grüften der Bürgerkirchen wollte man möglichst nahe am Allerheiligsten, nahe den Reliquien, bestattet werden. Die europaweit verbreiteten, der Zweitbestattung dienenden, Karner gehen bis auf das 11. Jahrhundert zurück. Mit dem Wachsen der Städte war die Entstehung der meisten Ossuarien im 13. und 14 Jahrhundert verbunden. Schließlich dienten diese auch dem "Memento mori" - jeder sollte sich seiner Sterblichkeit bewusst sein.

600 bemalte Schädel

Der bekannteste Karner auf deutschsprachigem Gebiet befindet sich in Hallstatt im Salzkammergut. Zu einem Museum ausgebaut, befinden sich darin rund 600 mit dem Namen der Verstorbenen bemalte Totenschädel. Mit der Bemalung begann man aber erst im 18. Jahrhundert. In Ausnahmefällen findet, testamentarische Verfügung vorausgesetzt, dort noch heute diese Zweitbestattung statt. Je nach Notwendigkeit oder Bodenverhältnissen barg man den verwesten Leichnam nach 15 bis 20 Jahren, reinigte die Knochen und führte diese dem Karner zu.

In Südeuropa, zum Beispiel in Griechenland, ist es heute noch Brauch, die rituell mit Rotwein gereinigten Gebeine in einer Kiste zu bewahren. So stehen oft Hunderte dieser Kisten, beschriftet mit dem Namen und dem Geburts- und Sterbedatum sowie häufig mit einem Foto des Verstorbenen in einem "Gebeinhaus" auf dem Friedhof.

Zerstört in der Reformation

In der Oberpfalz waren diese Ossuarien häufig anzutreffen, wurden jedoch meist in reformatorischer Zeit zerstört. Aus einigen Beinhäusern, zum Beispiel Roding (Landkreis Cham) und Lauterhofen (Landkreis Neumarkt), entstanden Kapellen. Nur ganz selten wurden Karner in protestantischer Zeit, so beispielsweise am Dreifaltigkeitsfriedhof in Amberg, errichtet. Dieser befand sich dort, wo heute das große Kreuz in der Mitte des Friedhofs steht. Ein weiterer Karner entstand Ende des 16. Jahrhunderts in Großschönbrunn (Gemeinde Freihung).

Wir wissen von weiteren Beinhäusern, teilweise noch in Fragmenten erhaltenen, in Allersburg (Hohenburg), Beratzhausen (Landkreis Regensburg), Bruck (Landkreis Schwandorf), Hemau (Landkreis Regensburg), Neustadt/WN, Roding (Landkreis Cham), Sinzing (Landkreis Regensburg), Walderbach (Landkreis Cham) und Wiesau (Landkreis Tirschenreuth). Noch sehr gut erhaltene befinden sich in Chammünster (Cham), Perschen bei Nabburg und Pfaffenhofen bei Kastl.

Meist entstanden diese Beinhäuser in zwei Ebenen, oben eine Kapelle zur Kollektivandacht, unten ein Raum zur Aufbewahrung der Gebeine. Die Kapelle war häufig mit Fresken versehen und gelegentlich auch mit einem kleinen Altar, einem Weihwasserbehälter, einem Licht-Erker und wohl immer mit einem Schalen- oder Lichterstein, welcher - mit Öl gefüllt - der Andacht und Beleuchtung diente. Meist hatte dieser sieben Schälchen, die an die heilige Zahl Sieben im katholischen Glauben erinnern sollten. Um diese Schalensteine, die schon aus vorchristlicher Zeit bekannt sind, ranken sich zahlreiche Sagen.

Ursprünglich romanisch

Der neben der erstmalig 1139 erwähnten Kirche in Pfaffenhofen (Kastl, Landkreis Amberg-Sulzbach) befindliche Karner mit einer ursprünglich romanischen Kapelle wurde im 15. Jahrhundert gotisiert. Unter der Kapelle mit separatem Eingang befindet sich die Gruft zur Aufnahme der Gebeine.

Im Zuge der Gotisierung entstanden die stark restaurierungsbedürftigen Wandmalereien mit biblischen Szenen. Das ebenfalls aus der Romanik stammende und 1820 wiederentdeckte Beinhaus in Chammünster ist wohl das einzige noch mit sterblichen Überresten gefüllte in der Oberpfalz. Es befindet sich unter der in calvinischer Zeit zerstörten Katharinenkapelle.

Sehr gut erhalten ist das Ossuarium in Perschen. Der dem Hl. Michael geweihte Andachtsraum ist ein Rundbau aus dem 12. Jahrhundert. Die gut erhaltene Seccomalerei (Trockenmalerei) in der Kuppel der Kapelle zeigt Christus und die Apostel. Wie in den meisten anderen Karnern wurden die Gebeine in der Neuzeit entnommen und in Sammelgräbern beigesetzt.

St.-Ulrichskapelle

Bereits um 1600 zweckentfremdet wurde der einst zum Friedhof um St. Georg in Amberg gehörende Karner mit der St.-Ulrichskapelle. Der Name erinnert an die Handelsbeziehungen zu Augsburg. St. Ulrich ist der Schutzheilige der Stadt. Die Kapelle wurde in calvinischer Zeit zerstört, der sich in Form eines Hügels an die Stadtmauer anlehnende Karner zu einer Bastion umgestaltet. Nachdem im Zuge der Rekatholisierung der Oberpfalz den Jesuiten die Kirche und die benachbarten Grundstücke zugeschrieben wurden, lösten diese auch den Friedhof auf.

Traditionell gehört zu einem Kloster eine Brauerei. Diese betrieb unter dem Namen "Malteser-Brauerei" nach der Säkularisation eine Stiftung (nach dem Verbot des Jesuitenordens 1773 gaben die Malteser in dem Kloster ein kurzes Gastspiel). Die über Jahrzehnte führende Brauerei in Amberg brauchte natürlich auch einen Bierkeller - das einstige benachbarte Beinhaus bot sich an.

Als Karner diente auch die heutige Sakristei von St. Martin. 1182 wird die romanische Vorgängerkirche erstmals erwähnt. Wie damals üblich, befand sich an der Kirche auch ein Friedhof. So wissen wir, dass dort auch ein Beinhaus bestand. Erwähnt wird dieses beim 1350 erwähnten Bau der Leonhardskapelle "auf dem Ossuarium". Die im 15. Jahrhundert neu erbaute Martinskirche bildetet nun eine Einheit mit dem daran "angelehnten" Beinhaus und der zugehörigen Kapelle. Im 16. Jahrhundert verlegte man einerseits die Begräbnisstätten in das Umfeld der Stadt, andererseits lehnten vor allem die Calvinisten diesen Brauch ab. Sie ließen die Leonhardskapelle abreißen und 1356 an deren Stelle die heutige Sakristei errichten.

Touristenattraktion

In vielen Orten Europas sind Beinhäuser heute mit etwas Grusel verbundene Touristenattraktion. Menschenmassen bewegen sich durch Hallstatt. Erst in den vergangenen Jahren neu entdeckt wurde der ehemalige Karner in der Stadtmitte von Brünn (Brno). Oder - noch eindrucksvoller - die Ende des 15. Jahrhunderts errichtete Knochenkirche bei Kuttenberg (Kutná Hora), ebenfalls in Tschechien.

Beim Bau der Kirche musste der dortige Friedhof aufgelassen werden. Die Kirche war nicht nur Beinhaus, mit den Knochen von 40 000 Verstorbenen wurde der Kirchenraum ausgeschmückt, der Altar errichtet. Noch im 19. Jahrhundert entstand ein drei Meter hoher Kronleuchter aus Gebeinen und Totenköpfen und - ebenfalls aus Knochen - das Wappen der Fürsten von Schwarzenberg. (ddö)

Stichwort:

Karner

Nur wenigen Privilegierten wurde es gestattet, im Kirchenraum bestattet zu werden. Die Masse der Bevölkerung erhielt eine Grabstätte außerhalb des Kirchenraumes am Friedhof, meist in einer einfachen Grube.

Markiert wurde das Grab durch ein einfaches Holzkreuz, das bald verrottete. Da die Friedhöfe sehr klein angelegt waren, kam es schnell dazu, dass die Toten kein Anrecht mehr auf eine eigene Grabstätte hatten.

Für eine pietätvolle Lösung wurden ab dem 11./12. Jahrhundert an vielen Orten beim Ausheben der alten Grabstätten die unverwesten Gebeine herausgenommen und in eigenen Gebäuden gesammelt. Genannt wurden sie „Karner“, Gebeinhäuser oder „Seelkerker“.

Mancherorts ging dieser Seelenkult bis hinein in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nur so konnte erreicht werden, dass die kleinen Friedhöfe mitten in den Ortschaften ausreichten. Aufgeklärte Geistliche im Übergang des 18. zum 19. Jahrhundert ließen diese Gebeinhäuser meist zumauern oder abreißen oder führten sie, wie in Altenstadt/WN einer anderen Funktion zu. (cr)

Karner in Altenstadt/WN :

Pestwinkel

Zwischen 1584 und 1634 wütete in Altenstadt/WN und Neustadt/WN immer wieder die Pest. Insgesamt 1048 Tote waren in diesen 50 Jahren zu beklagen. Jeder dritte Einwohner der beiden Orte wurde ein Opfer und in einem Massengrab entlang der Mauer am Karner begraben. Neustadt/WN hatte zu dieser Zeit noch keinen eigenen Friedhof. Einen Karner in Neustadt/WN gab es erst nach 1707. Den Menschen war ein derartiges Gebäude natürlich nicht recht geheuer. Besonders des Nachts mieden sie seine Nähe. Sie glaubten an einen Aufenthaltsort der armen Seelen und Geister.

Dass die kleine Friedhofskapelle in Altenstadt/WN einstmals ein Beinhaus beherbergte, wissen nur wenige Leute, auch in vielen bekannten Reiseführern ist kein Wort darüber zu finden. Auch was sich hinter dem Begriff „Pestwinkel“ versteckt, ist nur den älteren Altenstädtern bekannt. (cr)

Blick nach Tschechien:

Größter europäischer Karner in Böhmen

In Böhmen ordnete Kaiser Josef I. (1705 bis 1711) an, dass die Friedhöfe aus den Orten aus hygienischen Gründen verschwinden und weit vor dem Zentrum errichtet werden müssen. Einer der größten Karner Europas liegt in Sedlec bei Kuttenberg (Kutna Hora). Hier befinden sich die Gebeine von 40 000 Toten aufgebahrt. Sämtliches Interieur, wie Kerzenleuchter, Monstranz und Altar der Grabeskirche sind aus menschlichen Knochen im Auftrag der fürstlichen Familie Schwarzenberg gefertigt. (cr)

Beinhaus mit Totenkirchlein in Luhe:

Schaudern in der Knochenkammer:

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