25.06.2020 - 13:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Was Corona für das Klinikum St. Marien Amberg bedeutet

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Der Höhepunkt der Coronakrise ist auch für das Klinikum St. Marien vorbei. Doch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie wird das Klinikum noch lange leben müssen. Sehr lange.

Seit Freitag gelten im Klinikum St. Marien gelockerte Besuchsregelungen. Seitdem ist der Zugang meist ohne größere Wartezeit möglich. Davor reichte die Warteschlange auch schon mal bis zum Kreisverkehr unterhalb des Krankenhauses.
von Markus Müller Kontakt Profil

Zur Stunde des Gesprächs mit Vorstand Manfred Wendl verzeichnet das Klinikum keinen Covid-19-Patienten mehr. Lediglich zwei Verdachtsfälle liegen vor, deren Testergebnisse für den Nachmittag erwartet werden. Aber das beunruhigt Wendl nicht: „In den letzten drei Wochen waren da alle Ergebnisse negativ.“

Für das Pressegespräch hat Manfred Wendl alle wichtigen Daten rund um das Virus und das Krankenhaus zusammengestellt. Sie zeigen, wie sehr das Klinikum von Corona betroffen war.

  • Die Patienten

109 Covid-19-Patienten wurden im Klinikum behandelt, davon 39 auf der Intensivstation; sie waren also wirklich kritisch krank und brauchten eine ständige Überwachung. 20 mussten beatmet werden. 19 Covid-19-Patienten verstarben in St. Marien. Teilweise gab es für sie gar keine Intensivbehandlung mehr, weil sie etwa Hochbetagte in einem so schlechten Allgemeinzustand waren, dass ihre Patientenverfügung das ausschloss.

Insgesamt kamen 599 Corona-Verdachtsfälle ins Klinikum. 141 von ihnen erhielten eine Intensivbehandlung.

  • Die Besucher

„Zu Beginn der Krise wurden die Besuchsverbote und die Einschränkungen sehr gut akzeptiert“, sagt Manfred Wendl. Als aber zunehmend Lockerungen in Kraft traten und in anderen Bereichen schon sehr viel großzügigere Regelungen galten, wollten viele nicht mehr einsehen, warum das Klinikum so strikt an nur einer Besuchsperson und stark eingeschränkten Besuchszeiten festhielt. „Das war schwierig zu vermitteln“, sagt Wendl. Dazu kamen die langen Wartezeiten für Besucher durch die tägliche Registrierung. „Einmal hat sich die Schlange der Besucher bis zum Kreisel runtergezogen“, schildert der Vorstand die für viele ärgerliche Situation. „Das ist zum Schluss schon schwierig geworden.“ Seit Freitag gelten jetzt lockerere Regeln, die das Ganze entschärft haben. „Maskenpflicht und Abstand müssen aber weiter strikt beachtet werden, da sehr viele unserer Patienten zu den Risikogruppen gehören“, betont Wendl.

  • Die Mitarbeiter

Bei 40 Klinikumsmitarbeitern wurde bisher eine Coronainfektion nachgewiesen. „Gott sei Dank ohne schwere Verläufe“, schiebt Wendl hinterher. Daraus resultierten 943 Fehltage, zu denen sich dann noch die Freistellungen der Kontaktpersonen gesellten. Trotzdem kam es nicht zu Engpässen bei der Betreuung der Patienten, weil eine Urlaubssperre galt.

Ein infizierter Mitarbeiter musste 14 Tage in Quarantäne. Wenn er mindestens 48 Stunden keine Symptome mehr gezeigt hatte, wurden zwei Abstriche abgenommen. Waren beide negativ, konnte beim Gesundheitsamt ein Antrag auf Dienstfreigabe gestellt werden. Für einige Mitarbeiter bedeutete dies eine Ausfallzeit von fünf Wochen und mehr. Zum Zeitpunkt des Gesprächs fiel noch eine Klinikumsmitarbeiterin aus, weil ihre Dienstfreigabe vom Gesundheitsamt noch nicht vorlag.

Am Stichtag 17. Juni waren 1539 der insgesamt 1900 Mitarbeiter des Klinikums auf Corona getestet worden. „Wir können stolz darauf sein, dass wir bei den Mitarbeitern im Verhältnis zu anderen Häusern niedrige Infektionszahlen hatten“, bemerkt Wendl dazu.

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  • Die Risikogruppen

Im Klinikum gibt es keine Regelung, dass Mitarbeiter vom Dienst freigestellt werden, weil sie einer Risikogruppe angehören (etwa der Ü 60). Risikogruppen wurden aber nicht in den Covid-Stationen – zeitweise gab es zwei reguläre und eine Covid-Intensivstation – eingesetzt.

  • Die Helfer

Zu Beginn der Krise setzte das Klinikum zur Unterstützung der eigenen Kräfte am Haupteingang einen Sicherheitsdienst ein. Seit April half die Bundeswehr über einen längeren Zeitraum bei den Einlasskontrollen am Haupteingang mit. „Dabei ging es aber nicht um eine Security-Funktion“, hält Wendl fest, sondern um Unterstützung bei den notwendigen Kontrollen der Besucher einschließlich Fiebermessung. „Für diese Unterstützung sind wir sehr dankbar, da wir zusätzliches Personal für unsere beiden Sichtungsstellen an der Zentralen Notaufnahme und in der Cafeteria benötigt haben.“ Der Kontakt zur Bundeswehr kam über die Führungsgruppe Katastrophenschutz zustande.

  • Die Aufnahme

Die Aufnahme von Covid-19-Patienten hat nach Wendls Einschätzung im Großen und Ganzen gut geklappt. Zu Beginn gab es aufgrund von Unsicherheit oder Unkenntnis noch ein paar Verdachtsfälle, die ohne Ankündigung in die Notaufnahme gebracht wurden. Eine enge Absprache mit dem Rettungsdienst behob das rasch. Außerdem: „Wir hatten ja unsere vorgelagerte Sichtungsstelle, und unser Krisenstab hat sehr rasch Regelungen veröffentlicht, damit die Vorgehensweise klar war.“

  • Die Finanzen

Die Covid-19-Erkrankten und die Verdachtsfälle werden ganz normal über das Fallpauschalensystem abgerechnet. Für die Behandlung zahlen also die Krankenkassen pro Patient und in Abhängigkeit von der Schwere des Falles. Der Freistaat Bayern zahlt zusätzlich für den Mehraufwand 70 Euro je Erkranktem am Tag.

  • Die Verluste

Von Mitte März bis in den Mai hinein musste das Klinikum alle planbaren Operationen und Behandlungen verschieben. Und weil Intensivplätze für Covid-19-Patienten vorgehalten werden mussten, waren auch die Kapazitäten für die übrigen Patienten eingeschränkt. So verzeichnete das Krankenhaus im April und Mai jeweils rund 40 Prozent weniger Patienten als im Vorjahr. Die darauf basierenden Einnahmeausfälle dürften sich laut Manfred Wendl knapp unterhalb dieser Quote bewegen. Der geringere Umsatz habe auch „ein bisschen Liquiditätsprobleme“ verursacht.

In Sachen finanzielle Ausgleichsleistungen für Kliniken sei noch einiges unklar, doch allzu positiv ist Wendl nicht gestimmt: „Wenn keine weiteren zusätzlichen Hilfen und Zahlungen beschlossen werden, gehe ich davon aus, dass sich das prognostizierte Defizit deutlich erhöhen wird.“

Zur wirtschaftlichen Situation des Klinikums Ende Mai

Amberg
  • Die Kompensation

Aufgrund des Krankenhaus-Entlastungsgesetzes der Bundesregierung erhalten Kliniken für nicht belegte Betten im Verhältnis zum Vorjahr eine Entschädigung. Für St. Marien liegt sie bei 560 Euro pro Tag. Laut Wendl deckt das die Einnahmeausfälle durch Fallpauschalen und Zusatzentgelte, doch ist es keine adäquate Kompensation für die Einnahmeausfälle aus Wahlleistungen und ambulanten Leistungen (Chefarztbehandlung, Zimmerleistungen).

Für die Zusatzkosten, die durch die Coronakrise entstanden sind, also etwa für Schutzausrüstung, wurden vom 1. April bis 30. Juni Zusatzzahlungen in Höhe von 50 Euro je Patient geleistet. „Weil die Kosten bei Schutzausrüstung aber derart explodiert sind, reicht das bei Weitem nicht aus, um die tatsächlich entstanden Kosten – auch für Sichtungsstellen oder Testungen – zu decken“, sagt Wendl. Das werde selbst die geplante Anhebung auf 100 Euro wohl nicht schaffen.

  • Die freizuhaltenden Ressourcen

Ursprünglich war das Klinikum weiterhin verpflichtet, bis 31. Juli 15 Prozent der Normalbetten (also 80 Stück) und 25 Prozent der Intensivbetten (also 7 Stück) für Covid-Patienten freizuhalten. Gerade im Bereich der Intensivkapazitäten eine empfindliche Einschränkung, die auch Kapazitäten für den operativen Bereich blockierte. Hier konnte das Klinikum deshalb noch nicht in vollem Umfang arbeiten und liegt unter den für diese Jahreszeit üblichen Patientenzahlen. Seit Anfang letzter Woche wurde aber die OP-Kapazität bereits erhöht. Am Dienstag gab die Regierung der Oberpfalz bekannt, dass die Betten-Freihaltepflicht für die Krankenhäuser ab sofort nicht mehr gilt. Im Bedarfsfall können sie aber wieder verpflichtet werden, kurzfristig Kapazitäten bereitzustellen.

Manfred Wendl, der Vorstand des Klinikums St. Marien Amberg, trägt auch beim Pressegespräch den Mund-Nase-Schutz. Er ist Pflicht für alle, die sich im Klinikum aufhalten.
Hintergrund:

Neue Besuchsregelung

Das neue Konzept des Klinikums zur Besuchsregelung enthält Ergänzungen, die die Pressestelle am Donnerstag publik machte. Demnach können die Patienten nun von verschiedenen Personen besucht werden. Auch Kinder zählen als Besucher. Die Beschränkung auf registrierte Besucher entfällt. Gleichzeitig sollen jedoch nicht mehr als zwei Personen gleichzeitig Patienten besuchen.

Erlaubt sind Besuche zwischen 13 und 19 Uhr. Das Klinikum empfiehlt, die Besuche mit Familie und Freunden zu planen, so komme es nicht zu unerwünschten Wartezeiten. Außerdem weist das Klinikum darauf hin, dass die Abstandsregeln stets eingehalten werden müssen. Sollten in Mehrbettzimmern zu viele Personen anwesend sein und dadurch die Sicherheitsabstände gefährdet werden, darf das Stationspersonal einschreiten.

„Wir weisen außerdem ausdrücklich darauf hin, dass das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes verpflichtend ist, auch in den Patientenzimmern. Es sollte nie vergessen werden, dass dies dem Schutz der Patienten, der Besucher und des Personals gilt“, betont der Kaufmännische Direktor Hubert Graf. Von staatlicher Seite ist das Nichttragen eines Schutzes eine Ordnungswidrigkeit und kann einen Hausverweis zur Folge haben.

Nicht besucht werden dürfen weiterhin Patienten der Covid-19-Station sowie Patienten aus Pflege- und Seniorenheimen, die sich in Isolierung befinden.

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