23.03.2020 - 10:45 Uhr
AmbergOberpfalz

Coronavirus zwingt Jura-Werkstätten zu Notproduktion

Die Lebenshilfe hat es sich zur Aufgabe gemacht, für Menschen mit Behinderung da zu sein. Momentan kann sie das nicht oder nur sehr eingeschränkt. Not macht aber auch erfinderisch: So werden einige Aufträge in Heimatarbeit erledigt.

Die Menschen mit Behinderungen, die in den Jura-Werkstätten arbeiten, sind wegen der Ausbreitung des Coronavirus momentan daheim. Die dringenden Aufträge, die die Lebenshilfe für Firmen erledigen muss, übernehmen jetzt diejenigen, die sie normalerweise betreuen: Sozialpädagogen, Techniker, EDV-und Küchenkräfte. 40 Prozent der Not-Produktion wird in Heimarbeit erledigt, der Rest in den Werkstätten, weil dafür unter anderem die Maschinen benötigt werden.
von Kristina Sandig Kontakt Profil

Rund 400 Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke arbeiten in den Werkstätten der Lebenshilfe in Amberg und Sulzbach-Rosenberg. Seit Mittwoch sind nach Angaben von Eduard Freisinger, Vorsitzender der Lebenshilfe Amberg-Sulzbach, diese Einrichtungen geschlossen.

Ebenfalls nicht mehr geöffnet ist die Förderstätte für Schwerstbehinderte. Den Eltern der dort Betreuten hatte die Lebenshilfe ein Angebot gemacht. Wer daheim sein erwachsenes, schwerstbehindertes Kind nicht betreuen kann, für den steht eine Notgruppe zur Verfügung. "Da haben wir niemanden, der Bedarf hat", schildert Freisinger die Lage, schränkt jedoch gleich ein: "Das kann sich jederzeit ändern."

Die Angestellten der Lebenshilfe-Werkstätten halten momentan den Betrieb am Laufen. Sie übernehmen jetzt die Arbeiten, die bislang ihre Schützlinge ausgeführt haben. "Wir arbeiten das ab, worauf die Firmen dringend angewiesen sind", erklärt Freisinger. Zum Beispiel Aufträge für Siemens. Auch die Hamm AG wäre noch auf der Liste gestanden, doch der Walzenhersteller hat nach der in Mitterteich verhängten Ausgangssperre inzwischen selbst für zwei Wochen dichtgemacht.

Mehr zum Thema

Oberpfalz

So lange es geht

"Wir machen das, so lange es geht", sagt Freisinger über den Notbetrieb in den Jura-Werkstätten. "Aber alles schaffen wir nicht", bleibt er realistisch. Für die 80 verbliebenen Lebenshilfe-Angestellten in den Werkstätten wurden Schutzmaßnahmen ergriffen. Sie arbeiten mit großem Abstand zueinander, beim Mittagessen sitzt jeder einzeln an einem Tisch, unterhalten wird sich aus einigen Metern Entfernung.

Der Rest der Lebenshilfe-Angestellten im Werkstatt-Bereich ist im Home-Office oder erledigt Heimarbeit. An letzterer beteiligen sich sogar die Busfahrer der Lebenshilfe. "Sie machen voll mit, erledigen alles, was anfällt", sagt Freisinger. Hauptsächlich seien es Montagetätigkeiten. "Das macht ihnen Spaß, für sie ist es mal was anderes."

Freisinger weiß, wie schwer es für Menschen mit Behinderung ist, dass sich alles geändert hat, dass sie nicht mehr wie gewohnt in die Jura-Werkstätten gehen können. Für sie sei gerade die Zusammenarbeit mit den Kollegen ein wichtiger sozialer Faktor. "Die jetzige Situation ist für sie eine massive Belastung." Freisinger weiß, dass sich an der momentanen Lage nichts ändern lässt. "Da müssen wir durch, alle miteinander." Mit der landesweiten Schulschließung wurden auch die Schüler des Heilpädagogischen Zentrums, einer Bildungseinrichtung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Entwicklungsrisiken und Behinderung, heimgeschickt. Kein Unterricht mehr. Therapie genauso wenig wie Förderung. Die Lehrkräfte versuchen nach Worten des Lebenshilfe-Vorsitzenden, die Kinder und Jugendlichen mit Arbeitsblättern und Aufgaben zu versorgen. "Was das betrifft, sind unsere Lehrer schon sehr erfinderisch und phantasievoll", weiß Freisinger zu berichten.

Wie Betriebsurlaub

Die Coronakrise hat auch die Arbeit der Offenen Behindertenarbeit zum Erliegen gebracht. Freizeitmaßnahmen und sonstige Angebote wurden zunächst bis Juni abgesagt. Die Jura-Wohnstätten haben auf Ganztagesbetrieb umgestellt. Das heißt, die Menschen mit Behinderungen, die dort ihr Zuhause haben, gehen eben nicht mehr tagsüber zu ihrer Arbeit in die Werkstätten. "Das ist für sie wie Betriebsurlaub."

Von den Kostenträgern, vor allem vom Bezirk Oberpfalz, hat die Lebenshilfe Amberg-Sulzbach die Zusage bekommen, "dass es die nächsten 14 Tage weiterläuft". Über das, was das schlussendlich wirtschaftlich und finanziell für die Lebenshilfe bedeutet, will Eduard Freisinger jetzt noch gar nicht nachdenken. "Wir werden das gemeinsam meistern", sagt er und fügt ein "hilft ja nix" hinzu.

40 Prozent der Notproduktion wird in Heimarbeit erledigt, der Rest in den Werkstätten, weil dafür unter anderem die Maschinen benötigt werden.

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.