10.09.2021 - 16:42 Uhr
AmbergOberpfalz

Eckhard Henscheid wird 80: Der Himmel meint's gut mit ihm

Nie hat einer zärtlicher geschimpft und brachialer gelobt als der Amberger Schriftsteller Eckhard Henscheid. Mit der Presse hat er eigentlich nichts mehr am Hut. Für uns hat er eine Ausnahme gemacht.

Mit großer Geduld posiert Eckhard Henscheid vor Maria Schnee in Atzlricht. Das Wallfahrtskircherl von dern Toren Ambergs lieferte den Titel für seine 1988 erschienene Novelle.
von Peter GeigerProfil

Die Sache ist eindeutig: Eckhard Henscheid ist ein Monument in der deutschsprachigen Literaturlandschaft. Er verfügt über eine eingeschworene Fangemeinde wie sonst nur Arno Schmidt.

Je näher man aber heranrückt, an ihn, umso mehr entsteht der Eindruck der Unfassbarkeit: Lange Zeit stand er im Ruf, Frankfurter zu sein. Dort, am Main, hatte er 1972 nicht nur sein Romandebüt "Die Vollidioten" angesiedelt. Nein, auch eine Kneipe im Stadtteil Bornheim trägt seinen Namen. Und als Fan der Eintracht widmete er einer südkoreanischen Sturmlegende die viel zitierte "Hymne auf Bum Kun Cha".

Oper, Schafkopf, Fußball

Ebenso komplexes Besteck verlangt die schriftstellerische Schubladisierung: Er ist ein Romancier, der die kurze Form beherrscht wie kein anderer. Ein Mann der Hochkultur, der Würste, Schafkopfen und Fußball über alles schätzt. Ein Sprachgärtner, der im Kampf gegen verbalen Wildwuchs auch zur Zote greift. Ein Opernliebhaber, der die Operette ebenso hoch achtet. Ein Agnostiker mit Hang zum Agnus Dei. Ein Invektiven-Schmied, der der eigenen Heimat die idyllischsten Kränze zu flechten vermag.

Das ist auch der Grund, weshalb er seit rund zwei Jahrzehnten wieder hier lebt, am Ufer der Vils. "Ohne dieses Gefühl für Heimat wäre meine Schriftstellerarbeit nicht denkbar", hat er mal geschrieben. Er selbst bezeichnet das Verhältnis zu seiner Geburtsstadt als "völlig tadellos". Was nicht heißt, dass es nicht diplomatische Krisen gegeben hätte: Denn schon der das Abitur anstrebende Henscheid, er scheint ein rechter Gaudibursch gewesen zu sein. Mit 18 propagierte er per Zeitung die Gründung eines "Musikzirkels" - einzig aus dem Grund, auf diese Weise eine blonde Cellistin in seine aus Lug und Trug gewobene Falle zu locken. Er gründete auch einen "Schädiger-Verein", dessen "Tätigkeit darin bestand, Unsympathen und anderen Zeitgenossen Aschentonnen hundert Meter weit zu verschleppen, Blumenstöcke zu verstellen, Würste ins Klavier zu legen, aber auch Pfennige in den Briefkasten zu werfen."

Geruch der Verlottertheit

Und 1975, da war er immerhin schon fast doppelt so alt, sorgte er mit einer kleinen Schrift, die den Titel "Unser liebes Amberg" trug, für großes Aufsehen und auch Aufruhr. Denn da stand unter anderem zu lesen, "in den Straßen und Gassen schwärt der verrottete Geruch der Verlottertheit und des skandalösen hundertprozentigen Niedergangs und des sofort zum Selbstmord treibenden Ruins im Städtebaulichen und überhaupt." Ein grandioses, an Thomas Bernhard geschultes Grollen und Schmollen, das er der verträumten Vilsstadt auf den unaufgeräumten Leib geschneidert hatte.

Als er den Druck in Auftrag geben wollte, habe der Zuständige abgewunken. Er bekomme da ganz bestimmt Schwierigkeiten. Henscheid entgegnete, es handle sich bei den zu druckenden Zeilen doch lediglich um eine Spielerei, die mit der Wirklichkeit gar nichts zu tun habe. Worauf der Drucker entgegnete: „Nein, Herr Henscheid, da ist gar nichts Künstliches dran! So wie Sie’s schreiben – genauso ist es bei uns in Amberg!“

Poesiealbum der Oberpfalz

Aber alles ward gut und Schnee von gestern, als er 30 Jahre später – 2005 also – den Kulturpreis der Stadt Amberg verliehen bekam. Unter anderem wohl auch dafür, weil er so viel Zärtliches zu schreiben wusste, ins Poesiealbum der Heimat. Da ist nicht nur eine Novelle wie "Maria Schnee" – bis heute lobt der Kritiker Michael Maar dieses 230-Seiten-Büchlein für seinen markanten, nach drei Zeilen erkennbaren Stil. Da sind aber auch seine Loblieder aufs Lauterachtal ("... gemahnt zuweilen an die wilden Mittelgebirge des Peloponnes und an die sanft grünen Matten der Toscana") und aufs Weizen Falk ("Von diesem Elixier und Arkanum schwärmen die alten GIs fernhinträumend noch auf dem Totenbett"). Oder dieser zarte Singsang auf den Duft der Oberpfalz: "Das Schönste ist der Geruch, der zwischen Juni und September einem oberpfälzischen Bauernhof an besonderen Glückstagen entströmt. Ein Geruch schöner als aller Lavendel, Jasmin und Moschus, schöner als der ganze Orient, größer als der Duft der restlichen Welt. Kurzummerdum: Ein Geruch wie Gott."

Fotosession in Atlzricht

Eckhard Henscheid ist ein großer Spieler und ein Dialektiker. Anfragen von der Presse? Lehne er eigentlich ab. Im speziellen Fall aber mache er gerne eine Ausnahme. Dieses Argumentationsmuster – auf eine starke These folgt eine adversative Ergänzung – scheint auch an diesem Spätsommerabend draußen in Atzlricht sein Verhalten zu bestimmen. Mit großer Geduld lässt er sich fotografieren. Und ist auch für Plaudereien zu haben, mit einer vorbeiradelnden Mutter und ihren Zwillingen. Und der Himmel? Auch der meint's gut, mit seinem milden Licht.

Schriftsteller Wolfgang Hilbig wäre 80 Jahre alt geworden

Sulzbach-Rosenberg
Hintergrund:

Zur Person: Eckhard Henscheid

  • Eckhard Henscheid wurde am 14.9.1941 in Amberg geboren - einem Datum, dem auch deshalb Magie innewohnt, weil es sich von vorne wie von hinten liest. Wundersamerweise funktioniert das auch, wenn man die "19" weglässt.
  • Henscheids Gesamtwerk liegt in zehn Bänden bei Zweitausendeins vor - ist aber heute nur noch antiquarisch erhältlich.
  • Seine 2013 erschiene Autobiographie "Denkwürdigkeiten" dagegen ist ebenso noch erhältlich wie sein ein Jahr später erschienener Aufsatz "Dostojewskis Gelächter".
  • Im Amberger Büro Wilhelm Verlag ist 2018 mit "Aus dem Leben der Heiligen" eine Legendensammlung erschienen.
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