Update 24.08.2018 - 17:52 Uhr
AmbergOberpfalz

Elvis lebt und die WAA ist tot

Stofferl Well tuckert mit seiner BMW durch die Stille von Freihöls. Der Seitenwagen ist voll mit Instrumenten, es ist ihm kalt mit seiner kurzen Lederhose. Sein Ziel: Elvis Presley - oder vielmehr das Haus von Wolfgang Houschka.

von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Eingeschworene Fans der Sendung wissen es an dieser Stelle bereits: Christoph "Stofferl" Well ist wieder unterwegs für die BR-Reihe "Stofferl Wells Bayern", ein buntes Strawanzen durch den Freistaat, bei dem geredet wird, gesungen und musiziert. Das Seitenwagen-Motorrad mit den Instrumenten ist das Erkennungszeichen und Elvis-Sammler und -Kenner Wolfgang Houschka jetzt sein Gesprächspartner.

Den hat er sich nicht nur wegen Elvis ausgesucht. Das Thema Wackersdorf lässt das ehemalige Mitglied der Biermösl Blosn auch 30 Jahre nach dem legendären Anti-WAA-Festival nicht los, bei dem die Well-Brüder vor 100 000 begeisterten Besuchern einen grandiosen Auftritt hatten. "Als wir da oben gestanden sind, haben wir erst begriffen, dass wir das Sprachrohr dieser ganzen Menschen da unten sind", beschreibt Stofferl im Keller von Wolfgang Houschka diesen einzigartigen Gänsehautmoment.

Elvis und die WAA

Wolfgang Houschka war in den wilden 80ern der Redaktionschef Schwandorf der Zeitung "Der neue Tag", die den Avancen und Drohungen der WAA-Lobby eisern widerstand und für eine unabhängige Berichterstattung über die geplante Wiederaufarbeitungsanlage stand. Aber das spielt heute nur am Rande - und doch immer wieder - eine Rolle. Elvis Presley in der Oberpfalz. Darüber will der Stofferl hauptsächlich mit Wolfgang Houschka ratschen.

Gemeinsam mit Regisseur Boris Tomschiczek hat er den Besuch in Freihöls grob durchgeplant, Elvis, die Oberpfalz und die Rebellion des Rock'n'Roll inklusive. Aber erst einmal muss die Anfahrt nach Freihöls gedreht werden. Das Team steht bereit, der Stofferl tuckert mit seiner BMW auf das Haus von Familie Houschka zu, steigt ab, nimmt seine Ukulele aus dem Seitenwagen - da zerschneidet das Surren eines elektrischen Rasenmähers seine Anmoderation. "Wir drehen trotzdem", entscheidet Boris Tomschiczek und Tonmann Stefan Ravasz nickt dazu. "Das schaffen wir schon."

Elvis in der Oberpfalz. Wolfgang Houschka steht neben dem lebensgroßen Bravo-Starschnitt seines Idols und erzählt, wie er als Kind und Jugendlicher zum Rock'n'Roller geworden ist. Kirwa und Schlager beherrschten damals das Leben, so sagt er. "Aber man hat darauf gewartet, dass etwas passiert - und plötzlich kommt er: Elvis." Für ihn und eine ganze Generation habe sich plötzlich alles geändert. Oder wie es Stofferl Well formuliert: Die Rebellion hat Einzug gehalten in der Oberpfalz.

"Es war ein neues Lebensgefühl", erzählt Houschka. "Irgendwas hat er in Dir erweckt", ergänzt der Stofferl und ist in Gedanken wahrscheinlich wieder auf dem Lanzenanger in Burglengenfeld, wo die Oberpfalz am 26. und 27. Juli 1986 auf sehr friedliche Art und Weise aufstand gegen die Staatsmacht. Und wo die Biermösl Blosn ein Fußballmatch gegen die Toten Hosen austrug, aus dem eine Freundschaft resultierte, die bis zum heutigen Tag reicht.

Am 1. November 1958 traf Elvis Presley in Grafenwöhr ein. "Da war er schon ein Mega-Star", erzählt Wolfgang Houschka von Tumulten unter den jungen Leuten, wo immer sich der Rock'n'Roller öffentlich gezeigt hat. Er berichtet aber auch von diesem einen Konzert, das Elvis in der Grafenwöhrer Micky Bar gegeben hat. Das einzige Konzert überhaupt außerhalb Nordamerikas. In Kanada war er wohl einmal und in Hawaii. Und in Grafenwöhr. Rund 45 Minuten lang sang Elvis an diesem Tag seine Hits für die Leute, die in der Micky Bar arbeiteten. Als "Bezahlung" für Kost und Logis seines Vaters Vernon, der ihn zu dieser Zeit dort besuchte.

Nur fünf Minuten

Wolfgang Houschka kann aber noch über eine sehr persönliche Nicht-Begegnung mit dem Meister in Amberg berichten. "Elvis ist auf dem Maxplatz", hieß es 1960 bei dessen zweitem Aufenthalt in der Oberpfalz. Der 13-jährige Wolfgang rannte sofort los - und verpasste sein Idol um ganze fünf Minuten. "Das sind die bittersten fünf Minuten meines Lebens", sagt er und zeigt auf die Fotos und Erinnerungsstücke, die er über die Grafenwöhrer Zeit von Elvis zusammengetragen hat.

"Dear Sepp"

Die Kopie eines Briefs darunter von Elvis an Sepp Anderl Müller, der ihn in einem Wirtshaus in Hirschau "interviewt" hat. Das Problem dabei: "Der Sepp hat kein Wort Englisch geredet und der Elvis kein Wort Deutsch. Aber sie haben sich sehr gut verstanden." So gut sogar, dass der "Dear Sepp" Jahre später einen Brief aus Memphis Tennessee erhielt mit den besten Wünschen des Weltstars. Verstanden hat Sepp Müller den Brief übrigens auch nicht, Wolfgang Houschka hat ihn erst Jahrzehnte danach für ihn übersetzt.

Mit einem Gstanzel stellt der Stofferl fest, dass der Elvis erst in der Oberpfalz zum Rock'n'Roller geworden ist und steigt auf seine BMW. Ziel ist das Marterl am ehemaligen WAA-Gelände in Wackersdorf. Dort trifft er sich mit dem damaligen Landrat Hans Schuierer, der ebenfalls gegen die Anlage gekämpft hat. Die WAA, die lässt Stofferl Well bis zum heutigen Tag einfach nicht los.

Stofferl Well:

Christoph „Stofferl“ Well ist das 14. von 15 Kindern des Ehepaars Hermann und Gertraud Well aus Günzelhofen. Die Well-Kinder wurden von früher Kindheit an zu Volksmusikern erzogen, Musik zieht sich als roter Faden durch ihr Leben. Stofferl, so wird er erzählt, war wegen seines angeborenen Herzfehlers aber auch wegen seines absoluten Gehörs so etwas wie der Liebling seiner Mutter. Er studierte das Fach Trompete und schaffte es schließlich bis zum Solo-Trompeter der Münchner Philharmoniker. 1976 gründete Stofferl gemeinsam mit seinen Brüdern Michael und Hans die Biermösl Blosn, eine explosive Mischung aus traditioneller bayerischer Musik und zum Teil sehr politischen Texten. Beim Anti-WAA-Festival in Burglengenfeld 1986 feierten sie vor mehr als 100 000 Besuchern einen absoluten Triumph. Anfang 2012 löste sich die Biermösl Blosn auf, seither ist Stofferl Well in unterschiedlichen Formationen mit seinen Brüdern und Schwestern unterwegs. Regisseur Boris Tomschiczek widmet ihm 2015 ein beeindruckendes Porträt in der BR-Serie Lebenslinien, in dem Stofferl Well sehr offen über seine „Gefallsucht“ redet, die ihm immer wieder Probleme bereitet. Aus dieser Sendung rührt die Zusammenarbeit der beiden in der Serie „Stofferl Wells Bayern“. (ass)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.