10.12.2018 - 16:22 Uhr
AmbergOberpfalz

Erinnerungen an ihre größte Revolution

Vorsitzender Neuer Kunstverein Regenburg Rainer Schmidt, Professor em. Rudolph Bauer, Moderator Hans Graf, Professor em. Peter Angermann und Kulturamtsleiterin Barbara Leicht aus Neumarkt diskutieren über die Entwicklung der Progressivität in der Kunst.
von Dagmar WilliamsonProfil

Moderator und A.K.T.-Vorsitzender Hans Graf stellte zu Beginn die Frage, was mit der progressiven Kunst passiert sei - falls etwas geschehen ist. Für Peter Angermann, ehemaliger Professor an der Akademie für Bildende Künste, ist 1968 immer noch der Inbegriff von Fortschritt. Es wäre der Zeitpunkt der Kinder seiner Generation gewesen, als sie die Macht an sich rissen und provokativ handelten. Dann sei lange nichts geschehen und künstlerisch hätte sich nicht viel verändert. Rudolph Bauer empfand es unheimlich einfach, 1968 progressiv zu sein. Es sei sogar eine Notwendigkeit gewesen, hatte sich doch die NS-Zeit noch nicht aus allen Köpfen verabschiedet - auch nicht aus etwaigen Ämtern. Aber Progressivität wurde gesellschaftlich als Bedrohung wahrgenommen. Deshalb sei die letztlich dann doch wieder eher schwierig gewesen.

Bei der Finissage der Reihe "Amberg Progressiv '68-'18" im Kulturstift enttäuschte der Professor und Sozialwissenschaftler mit seiner Arroganz gegenüber der Generation nach 1968, vor allem aber der Weiblichkeit, die er grundsätzlich nicht ernst zu nehmen scheint. Als damaliger Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds gehört es wohl dazu, die sexuelle Befreiung mehrmals zu erwähnen, ohne die Progressivität der Frau seither anzuerkennen. Fast möchte man den renommierten Professor und Sozialpädagogen daran erinnern, dass er seinen eigenen progressiven Stillstand seit der "großen Revolution" nicht auf andere projizieren sollte. So behauptete Rudolph Bauer, dass heutige Künstler, vor allem der jungen Generation zugehörig, es bei "so viel Scheiße, die es politisch zu bemängeln gibt", es doch gar nicht können, das progressive Kreieren. Vielleicht sollte er sich dem Gemälde "The great Schwanzvergleich" von Johann Sturcz annehmen oder die Glaskunst von Marion Mack näher betrachten, um zu erkennen, dass seine Aussage schlichtweg für alle Nachfolger in Sachen Kunst denunzierend ist.

Als einzige Ausnahme nannte er den Künstler Banksy, der seiner Meinung nach nur durch die ewige Berichterstattung als zeitgenössisch progressiv wahrgenommen werden würde. Dabei vergaß Bauer, dass Banksy selber seine Identität schützt wie kein anderer und praktisch als Phantom agiert. Banksy braucht keine Medien, denn seiner Kunst kann man nicht entkommen. Seit 1999 platziert er sein illegales Schablonengraffiti weltweit direkt vor die Augen ihrer Konsumenten auf Gebäude und Straßen. Einen lauten und schmetternden, gar absolut notwendigen musikalischen Beweis für den heutigen Zeitgeist in all ihrer Progressivität, lieferte "Ambiviolenz". Jenseits von Eden gröhlte "Gangsta-Braut" Eve Hardcore stimmlich, aber der Nino de Angelo-Text sickerte durch.

"Extrem gut, extrem schlecht, olle dolle Welle, wie Pappnase als Genre", behauptete die Sängerin. Mit ihrem Gebrüll und der instrumentalen Kombination aus Geige, Schlagzeug, Bass und Keys zogen die fünf Musiker mehr Intellektuelle in ihren verkehrten, clever ausgefuchsten Bann als eine Jazz-Improvisation von Lorenz Kellhuber. Tatsächlich sind sie miteinander zu vergleichen - Bandprobe gibt es bei diesen Punks nicht. Jedes Konzert ist wie neu. Immer. "Ambiviolenz" war die beste Wahl des Künstlers Johann Sturcz, den Abschluss von "Amberg Progressiv '68-'18" im Kulturstift musikalisch und progressiv zu bereichern.

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