17.02.2019 - 14:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Erster Junge der Mädchenschule heute unser Mann in New York

An manches Gekicher auf den Fluren kann er sich noch gut erinnern. Als erster Junge auf Ambergs Mädchenschule erregt Matthias Räß Aufsehen: bei den jungen Damen und durch die AZ, die groß über diese Premiere im katholischen Haus berichtet.

Als Daten-Analyst ist das Handy eher ein Spielzeug für Matthias Räß. Auch der Doktortitel in Philosophie lässt nicht unbedingt auf seinen jetzigen Job im Big Apple am Broadway schließen.
von Thomas Amann Kontakt Profil

Das war 2001. 18 Jahre später ist der Hahn im Korb längst flügge geworden. Matthias Räß ist in die USA ausgeflogen, wo er seit über fünf Jahren lebt und sich echt gemausert hat. Was aus ihm geworden ist - ein Data-Analyst in New York -, dürfte viele der über 1000 Schülerinnen von damals interessieren, weil sie nicht nur über ihn kicherten, sondern ihm auch eine ganz besondere Aufmerksamkeit schenkten. Kein Wunder bei dem Standing: Als erster und seinerzeit einziger junger Mann auf der Schwesternschule - später gab es weitere Beispiele - war der Amberger ein absoluter Exot gewesen. Einer, dem auf den Gängen tausend Blicke folgten. Zumindest in der ersten Zeit war das so, bis sich das weibliche Volk an den Anblick gewöhnt hatte - auch ohne Gekicher. Doch Matthias Räß verstand diese Reaktionen und nahm sie nie übel. Zumal er ja nur stundenweise da war und nicht seinen kompletten Unterricht über Jahre hier absolvierte.

Er braucht Französisch

Nein, es war eine persönliche Sondersituation, die ihn ans Dr.-Johanna-Decker-Gymnasium führte. Der damals 18-Jährige hatte die Realschule absolviert und wollte mit dem Weg zum Abitur weitermachen. Dazu brauchte er eine zweite Fremdsprache, die er bisher nicht hatte. Im Prinzip wäre ihm am Gregor-Mendel-Gymnasium, das er anschließend besuchte, nur die Wahl des Leistungskurses Französisch in der Kollegstufe geblieben, um den nötigen Nachweis zu bekommen. Das aber erschien Matthias für einen Anfänger zu schwierig, so dass er händeringend nach dem etwas weniger anspruchsvollen Grundkurs Ausschau hielt, der ausgerechnet am GMG nicht zustande kam. Am Dr.-Johanna-Decker-Gymnasium aber schon, weshalb sich hier die Lösung und die Pforte auftat.

Als Türöffner spielte auch Matthias' Mutter, Gerti Räß, die damals schon Lehrerin bei den Armen Schulschwestern war, eine Rolle. Wobei durchaus zuerst die Eltern und die Schülerinnen des Französisch-Grundkurses gefragt wurden, ob ihnen die Teilnahme eines Jungen unter diesen Voraussetzungen recht ist. Es gab keine Einwände, und so verbrachte Matthias Räß hier jede Woche drei Stunden, um Französisch zu lernen. Auch das GMG hatte seinen Unterricht so getaktet, dass der 18-Jährige den Weg von der einen zur anderen Schule zwei Mal die Woche schaffte (an einem Tag war es eine Doppelstunde).

Kichern oder anhimmeln

Klar hat der gebürtige Regensburger schöne Erinnerungen an diese Zeit. Weniger, weil er die Aufmerksamkeit genoss - die ordnet er auch eher den jüngeren Schülerinnen zu, die ihn "anhimmelten" (oder kicherten). Nein, es war das trotz Sonderrolle völlig unkomplizierte Miteinander mit seinen gleichaltrigen Kommilitoninnen im Unterricht. Dort ließen sie ihn "mitkommen", halfen zum Beispiel gerne mal drauf, wenn er etwas nicht gleich verstand, weil die Lehrerin in der Regel in Französisch sprach und erklärte. Durch Liebesbriefe unter der Bank wurde er nicht abgelenkt, wenngleich Matthias zugibt, dass sich eine kurze Beziehung später im Grundkurs dann doch entwickelt hat. Sie dauerte aber nur ein paar Wochen, wobei Matthias betont, dass er schon vorher eine Freundin hatte, die damals an die Decker-Schulen ging.

Also gab es "Beziehungen" dorthin schon vorher, sie mussten sich nicht erst durchs gemeinsame Drücken der (selben) Schulbank entwickeln. Zumindest die eine oder andere Facebook-Freundschaft ist bis heute geblieben, während sich Matthias' Lebensweg nach dem Abitur, das er natürlich bestand, ganz unabhängig von Amberg weiterentwickelte.

Außer zum Besuch der Eltern, die immer noch hier leben - er hat auch zwei jüngere Schwestern und wusste von daher ebenso, worauf er sich seinerzeit "einließ" -, verschlägt es ihn nicht mehr so oft in die alte Heimat. Wenngleich er sich durchaus vorstellen könnte - nachdem er immer wieder mal zur Adventszeit zurückkehrt -, mit den einstigen Mitschülerinnen auf dem Amberger Weihnachtsmarkt einen Glühwein zu trinken.

Hintergrund:

Schnell genug von Lehrern und Schülern

Einst saß er zum Französisch-Unterricht in seinem Klassenzimmer an der Vils, heute blickt er von seinem Büro aus auf den Hudson-River und das One World Trade Center in New York. Dort hat Matthias Räß als Doktor der Philosophie – dieses Studium absolvierte er in Indiana an der Ball State University – im August seinen Arbeitsplatz gefunden und will samt Ehefrau mit kubanischen Wurzeln – die Heirat war ebenfalls im Sommer – hier sesshaft werden.

Für die AZ blickte er kurz auf seine berufliche Entwicklung zurück: „Ich habe 2010 nach dem ersten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien in Englisch und Geschichte sowie Sozialkunde als Drittfach in Regensburg zunächst das Referendariat 2011 bis 2013 am Anton-Bruckner-Gymnasium in Straubing und dem Gymnasium Miesbach absolviert. Nachdem ich schon währenddessen relativ schnell genug von Lehrern und Schülern hatte, habe ich 2013 eine Planstelle abgelehnt und das Promotionsstudium in Angewandter Sprachwissenschaft in den USA begonnen (der Plan nochmals in die USA zu gehen, hatte mich seit einem Gastsemester dort hintergründig immer begleitet).

Auch dort wurde mir schnell klar, dass die Akademie für mich nicht die Zukunft sein wird – weder in Deutschland noch in den USA. Dadurch, dass man als Forscher vielseitige Talente hat, war das kein Problem – meine Doktorarbeit zu deutschen Twitternutzern bestand zu 95 Prozent aus Zahlen, und so habe ich mit zusätzlichen Statistikkursen und viel Eigenengagement ein sehr gutes Data-Science-Wissen erworben.

Diese Entwicklung hat letzten Endes dazu geführt, dass ich nach der Doktortitel-Verleihung im Mai 2018 relativ zügig einen umworbenen Job als Data Analyst in New York angetreten habe und bereits nach sechs Monaten zum „Manager Data and Analytics“ befördert worden bin. Ich arbeite momentan im Business Intelligence Team bei Live-Intent: eine Firma, die an der Schnittstelle zwischen Advertising und Marketing Technology sitzt und sich auf Email-Marketing spezialisiert hat.“

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