11.08.2020 - 08:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Ex-Priester Stefan Hirblinger jetzt Ehemann und zweifacher Vater

Sein Fall sorgte 2017 für Schlagzeilen: Priester Stefan Hirblinger liebt eine Frau und wird Vater. Das Bistum suspendiert ihn und nimmt ihm alle Rechte, die ein Geistlicher hat. Jetzt führt der 59-Jährige ein neues Leben. Und bereut nichts.

Jahrzehntelang war Stefan Hirblinger Priester und Lehrer im Kirchendienst, jetzt ist der 59-Jährige Ehemann, zweifacher Vater und Freiberufler.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Der Blick geht zurück in den Oktober 2017. Stefan Hirblinger tritt auf Einladung des Evangelischen Bildungswerks im Paulaner-Gemeindehaus vor 150 Zuschauer und macht seine Geschichte öffentlich. Er, der 1986 zum Priester geweiht wurde und ab 1992 an den Dr.-Johanna-Decker-Schulen unterrichtete, sagte damals wörtlich: "Ich konnte mir keine versteckte Beziehung zu Frau und Kind vorstellen." Er und seine Partnerin Patricia, mit der er mittlerweile verheiratet ist, waren damals gerade erst Eltern geworden: Töchterchen Judith war im Januar auf die Welt gekommen. Drei Tage zuvor hatte ihn das Bistum Regensburg als Pfarrer suspendiert und als Pädagogen entlassen. Soweit ist die Geschichte, die auf enormes mediales Interesse stieß, bekannt. Was seitdem passiert ist, berichtet Hirblinger in unserer Serie "Jetzt kann ich's ja erzählen". Dazu gehört auch die Nachricht, dass es nicht bei einem Kind geblieben ist. Judith (3) hat seit Februar dieses Jahres ein Schwesterchen: Miriam.

Auf Barmherzigkeit gehofft

Hirblinger selbst beginnt bei den Erzählungen im Jahr 2016, als längst klar war, dass er zum ersten Mal Vater werden würde: "Papst Franziskus hatte das Jahr 2016 zum Jahr der Barmherzigkeit erklärt. Ich habe gehofft, dass das vielleicht etwas auf das Bistum Regensburg abfärbt." Er habe zwar gewusst, welche kirchenrechtlichen Konsequenzen auf ihn zukommen, aber: "Es könnte ja sein, dass es auch anders möglich ist." Nach 30 Jahren im Kirchendienst habe er gehofft: "Vielleicht habe ich mir in der Zeit so eine Art Bonus erarbeitet." Vor allem , weil er zusätzlich zu seiner Vollzeitstelle in der Schule in seiner Freizeit freiwillig die Seelsorge in Rottendorf (Landkreis Schwandorf) und Paulsdorf übernommen hatte. Doch weder Bischof Rudolf Voderholzer noch Generalvikar Michael Fuchs hätten Bereitschaft signalisiert, eine andere Lösung als die der Suspendierung finden zu wollen.

"Nicht blauäugig" gewesen

Hirblinger erinnert sich an "ein halb freundliches Gespräch", wie er sagt. Das Ergebnis des Treffens: "Ich bin als Studiendirektor im Kirchendienst reingegangen und als Arbeitsloser wieder rausgekommen." Die Vertreter des Bistums hatten ihm alle Rechte und Ansprüche, die ein Geistlicher hat, genommen. Überrascht hat ihn das nicht: "Wir sind nicht blauäugig an die Sache rangegangen." Er und seine Partnerin hätten gewusst, was auf sie zukommt, wenn sie zu ihrer Liebe und der gemeinsamen Tochter stehen. Auch finanziell: "Mein Einkommen, das ich gewohnt war, war plötzlich weg." Das Gehalt eines Lehrers, das "nicht am unteren Ende" angesiedelt und mit einigen Vorteilen verbunden gewesen sei. Ein Beispiel: "Die gesetzliche Krankenversicherung war aus Altersgründen nicht mehr möglich. Nach einigen Verhandlungen konnte ich dann in der bisherigen privaten Standesversicherung bleiben, allerdings mit deutlich reduzierten Leistungen."

Das Auskommen sei aber gesichert. Das liege jedoch nur daran, dass seine Frau Vollzeit beschäftigt ist: "Dass wir finanziell über die Runden kommen, liegt an meiner Frau, die ein geregeltes Einkommen hat. Sie ist der Hauptverdiener, ich bin der Freiberufler." Der 59-Jährige sagt aber auch: "Wenn ich alleine wäre, dann wäre ich jetzt sicher auf Hartz-IV-Niveau." Und noch etwas kann Hirblinger jetzt erzählen: Das Bistum Regensburg habe ihn in die Rentenversicherung nachversichert. Ab 2027, wenn er 66 Jahre alt ist, bekomme er eine Basisrente.

An der Kirche lässt der gebürtige Parsberger auch aus einem anderen Grund kein gutes Haar: "Außer einer anwaltlich erstrittenen Lohnfortzahlung gab es nichts." Soll heißen: Das Bistum bezahlte Hirblinger nach der Suspendierung von Januar 2017 noch bis Juni weiter. Aufgrund der gesetzlichen Kündigungsfristen sei ihm allerdings bis September Geld zugestanden: "Das sind drei Monatsgehälter." Das Fazit lautet jetzt mit dem Abstand von über drei Jahren: "Die Kirche ist nicht ein so toller Arbeitgeber, wie sie sich immer darstellt." Hirblinger begründet das nicht nur mit seiner Geschichte. Seit 2017 ist er mit der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen (VkPF) in Kontakt. Er weiß von einem Fall, der mit seinem vergleichbar ist, in dem allerdings auch die Frau bei der Kirche beschäftigt war - als Gemeindereferentin: "Die fallen dann beide finanziell auf Null."

Neue Betätigungsfelder

Kein Unterricht mehr und auch keine Tätigkeiten im Dienst der Kirche - untätig ist Stefan Hirblinger, der noch heuer 60 Jahre alt wird, deswegen aber nicht. Zwar übernimmt er für seine Frau Patricia wesentliche Aufgaben im Haushalt, doch er hat auch eigene Betätigungsfelder gefunden - und das sind nicht wenige.

Noch im Herbst 2017 begann Hirblinger für die von Helmut Kollhoff ins Leben gerufene Amberger Zukunftsakademie tätig zu werden. In der Schönwerth-Realschule unterrichtet er das Fach "Zukunft": "Da geht es um Klima, Nahrung, Ressourcen-Verschwendung und viele andere Themen." Er arbeite als Freiberufler mit Honorarvertrag, das Geld komme vom Bundesentwicklungsministerium und der evangelischen Landeskirche in Bayern über die Abteilung "Mission Eine Welt".

Zudem hat Hirblinger an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden eine Dozentenstelle inne. Konkret geht es um Ingenieurs- und Unternehmensethik.

Ein weiteres Standbein habe sich dagegen eher zufällig aufgebaut: "Ich habe da nie Werbung dafür gemacht." Vielmehr seien einige Ehepaare, die auf eine kirchliche Trauung verzichten, auf ihn zugekommen: "Es gibt Leute, die wollen dennoch eine Zeremonie. Das, was vor dem Standesamt passiert, ist ihnen zu wenig." Also buchen sie Stefan Hirblinger - nach dem Motto: "Der war mal Priester, der kann das doch." Zehn dieser Termine standen für 2020 im Terminplan, acht fielen allerdings der Corona-Pandemie zum Opfer.

Doch Stefan Hirblinger hat damit kein Problem. Es geht ihm gut, er ist glücklich in seiner Rolle als Ehemann und Vater. Er genießt sein neues Leben und die Zeit mit seinen drei Frauen: "Ich habe jahrzehntelang Mädchen unterrichtet. Das kriege ich schon hin."

Oktober 2017: Stefan Hirblinger macht seine Geschichte öffentlich

Alle bisherigen Teile der Serie

 

 

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