Amberg
22.11.2018 - 11:10 Uhr

Fasten für das Wohl der Welt

Unsere Mitarbeiterin will etwas tun gegen die Kunststoff-Flut und wagt den Selbstversuch. 40 Tage hält sie ihre Erfahrungen in Tagebuchform fest und gewöhnt ihre Kinder an Oberpfälzer Karpfen.

Gegen die Kunststoff-Flut: Eine OWZ-Mitarbeiterin wagt den Selbstversuch. Bild: aryfahmed - stock.adobe.com
Gegen die Kunststoff-Flut: Eine OWZ-Mitarbeiterin wagt den Selbstversuch.

Tag 1: Entschluss

"Mikroplastik im Körper des Menschen gefunden" und "schwimmende Plastikinseln". Ich schalte die Horrormeldungen ab und beschließe: Ich, ein bisher ziemlich unbekümmerter Mensch auf dem Planeten Erde, tue ab jetzt etwas gegen die wie eine biblische Plage anmutende Kunststoff-Flut.

Tag 2: Fester Vorsatz

Ich befrage den Umwelttechniker Burkhard Berninger, Professor an der OTH-Amberg, dessen Ansinnen eine Diplomarbeit zu Recycling zu schreiben in den 80er Jahren noch auf Unverständnis traf. Seine Empfehlung: Weniger Autofahren, möglichst keine Plastikverpackung und saubere Mülltrennung seien die wirksamsten Maßnahmen, die ich als Verbraucherin ergreifen kann.

Notizen: 40 Prozent des Mikroplastiks weltweit resultieren aus Reifenabrieb (Fortschritte beim Spritverbrauch werden durch immer größere SUVs nivelliert). Weitere 40 Prozent entstehen durch den Abrieb von Kunststofffasern in unseren Waschmaschinen (bin da zwar mit Baumwolle auf der besseren Seite, andererseits bestehen wärmende Fleecepullover aus recycelten PET-Flaschen, und Recycling ist eigentlich gut. Außerdem sind Baumwoll-Monokulturen auch kein Optimum, Randnotiz: kompliziert!).

20 weitere Prozent sind zersetzter Plastikmüll und ein geringer Anteil Schleif- und Füllmittel aus Kosmetika. Ich beschließe: mehr Fahrrad zu fahren (reparieren!) und zu Fuß zu gehen (in welchem Radius ist das umsetzbar und was befindet sich darin?), das Auto so wenig wie möglich zu benützen (ade, Spontaneinkauf um 19.45 Uhr), Vorhandenes möglichst lang zu nutzen und Verpackungsmüll zu meiden.

Der OTH-Fachmann mit grüner Expertise erdet mich und mein Ansinnen wissenschaftlich: Ohne Plastik hätten wir nicht den Lebensstandard unserer Zeit. Lebensrettende Dialyse wäre ohne Filter aus Kunststoff nicht bezahlbar. Und nicht jede Alternative aus Holz stammt aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern.

Ich checke das Netz. Unter Hashtags wie #zerowaste und #plasticfree finde ich Gleichgesinnte. Fester Vorsatz: Meine Grundhaltung ist nicht "durch Verzicht gegen den Weltuntergang", sondern "mit Großzügigkeit für den Planeten". Ich will nicht missionieren, nicht das Gefühl haben, plötzlich alles schrecklich finden zu müssen.

Tag 2: Planung

Habe unseren Alltag vom Schreibtisch aus neu strukturiert: Statt immer mal wieder Bohnen in Plastik, Paprika in Plastik, Tomaten in Plastik ... besorgen wir saisonal und regional große Mengen und frieren/kochen sie ein/fermentieren und - was gibt es da noch so für Methoden... Habe notiert, wann bei uns welche Produkte Saison haben (Nabu-Kalender hilft); finde Markttermine in Amberg/Weiden/Schwandorf heraus - den Orten, an denen ich geschäftlich öfter bin und die daher ohnehin auf meiner Strecke liegen, und Direktvermarkter. Ich schaue Kleinanzeigen durch, wer Obst und Gemüse aus dem Garten verkauft oder verschenkt; notiere Telefonnummern unter Stichworten wie "Karpfen", "Zwetschgen", "Walnüsse"; bestelle eine große Gefriertruhe, weil mir die kleine für die künftige Vorratshaltung nicht mehr reicht.

Und weil ich merke, dass Konsum und Plastik eng verbunden sind, gehe ich ins Konsumexil: Bestelle Newsletter ab (Kleidung, Deko, Möbel, weil weniger Kaufanreiz wird automatisch zu weniger Konsum/Konsumlust führen), gebe Kaufimpulsen nicht nach, sondern schreibe nur auf, was mich reizt.

Tag 10: Umsetzung und Nachjustieren

Verfeinere den Plan, der sich an den Jahreszeiten orientiert, und die durchgeplanten Wochentage, an denen sinnvolle Wege gebündelt sind. Je einmal in der Woche: Großeinkauf, zweimal in der Woche Essensvorbereitung für mehrere Tage, überhaupt mehr Zeit für Ernährung. Fühle mich trotzdem nicht eingeengt, sondern belebt und befreit. Familie und Freunde machen gern mit (was mich so freut, weil's ganz ohne Missionieren, einfach aus Freude, dazu kommt).

Tag 24: Veränderungen

Verbringe viel weniger Zeit drinnen und digital, mehr an der frischen Luft und mit Menschen, die mir Tipps zu Lagerung/Rezepte/Anregungen geben. Warum habe ich nicht vorher schon viel öfter mit Oma telefoniert? Anfangs wollte ich Plastik wegkaufen, dank der Liste hat sich mein Drang nach Konsum aber gelegt. Hege den Verdacht, nach Konsum süchtig gewesen zu sein.

Ein paar Veränderungen als Beispiel: Die Kinder gewöhnen sich an Oberpfälzer Karpfen statt Fischstäbchen (weil ich mittlerweile ein Rezept gefunden habe, das ihnen schmeckt). Den Sandwich-Maker habe ich verschenkt (Toast gibt's echt überall nur in Plastik), dafür den Mixer aus dem Keller geholt - wir pürieren jetzt Löwenzahnblätter in unsere Smoothies. (Ach ja, wir trinken jetzt Smoothies!).

Die Truhe im Keller füllt sich mit vorgekochten Suppen und Aufläufen - ich bereite immer gleich doppelte Portionen zu. Mindestens doppelte, weil das den Aufwand fürs Kochen gesamt gesehen minimiert. Habe gelernt: Saucen wie Béchamel und Hollandaise, Fermentieren, generell Haushalten mit Zeit, Geld, Produkten.

Tag 40: Rückschau

Mit Planung lässt sich jede Menge Plastik vermeiden. Und dieses Leben schmeckt mir - in jeder Hinsicht. Zumal ich mich nicht mehr hilflos dem Weltuntergang ausgesetzt fühle: Ich kann viel mehr tun, als ich gedacht hätte, und ich fühle mich nicht am Ende einer Reise, sondern am Anfang. Neubeginn, statt Weltuntergang. (mvs)

Kunststoff vollkommen wegzulassen ist weder sinnvoll noch umsetzbar, doch am Beispiel von Zahnseide wird hier eine positive Entwicklung sichtbar: Ganz links Hartplastik mit sehr wenig Zahnseide, mittig immerhin 50 Meter in einer immer noch robusten Plastikverpackung, rechts ganze 500 Meter auf einer Spule in der wiederbefüllbaren Dose aus Edelstahl. Bild: Maria von Stern
Kunststoff vollkommen wegzulassen ist weder sinnvoll noch umsetzbar, doch am Beispiel von Zahnseide wird hier eine positive Entwicklung sichtbar: Ganz links Hartplastik mit sehr wenig Zahnseide, mittig immerhin 50 Meter in einer immer noch robusten Plastikverpackung, rechts ganze 500 Meter auf einer Spule in der wiederbefüllbaren Dose aus Edelstahl.
Professor Dr. Burkhard Berninger erdet das hehre Vorhaben, Plastik einzusparen, mit wissenschaftlichen Fakten. Bild: Maria von Stern
Professor Dr. Burkhard Berninger erdet das hehre Vorhaben, Plastik einzusparen, mit wissenschaftlichen Fakten.
 
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