26.10.2018 - 11:24 Uhr
AmbergOberpfalz

Film über die WAA Wackersdorf zieht 100.000 Kino-Zuschauer in den Bann

Hans Schuierer findet deutliche Worte. "Wenn ich so gelogen hätte wie das gesamte bayerische Kabinett, wäre ich längst aus'm Amt enthoben worden." Applaus im Kino. Der 87-Jährige ist nach dem Wackersdorf-Film der personifizierte Held.

Politik im Kino: Erst wird der Film "Wackersdorf" gezeigt, dann diskutiert. Von links: Ingo Fliess, Walter Dürr, Moderatorin Eva Gröninger, Wolfgang Nowak und Hans Schuierer.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Das ist ihm fast peinlich. "Ich weiß, dass viele andere mehr geleistet haben." Der hunderttausendste Kinozuschauer sah am Donnerstag den an Originalschauplätzen gedrehten Streifen. Diesen Erfolg vermeldete Produzent Ingo Fliess dem Amberger Publikum am Abend bei einer Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung im Amberger Cineplex. Nach dem Streifen saß die Kinofilm-Hauptfigur Hans Schuierer mit Wolfgang Nowak von der Bürgerinitiative Schwandorf und Walter Dürr, dem Organisator des Anti-WAAhnsinns-Festivals in Burglengenfeld, sowie dem Produzenten Fliess auf dem Podium.

Die Zuschauer hatten die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Zum Beispiel, ab welchem Zeitpunkt Schuierer den Leuten des Widerstands Recht gab. "Ursprünglich war ich hochbegeistert", antwortete der ehemalige Landrat von Schwandorf. Noch bis in das zweite Jahr hinein sei er Befürworter der 3600 Arbeitsplätze versprechenden Wiederaufbereitungsanlage (WAA) gewesen. Doch dann habe er gemerkt, dass nicht mit offenen Karten gespielt wurde. "Ich hatte nicht die geringste Ahnung von Radioaktivität, aber durch die Bürgerinitiativen bin ich skeptisch geworden." Der absolute Wendepunkt sei für ihn gekommen, als die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK) ihm die Pläne mit dem 200 Meter hohen Kamin hingelegt habe. Ihm war in diesem Zusammenhang wichtig klarzustellen: "Ich war mit denen von der DWK nicht per Du." Hier unterscheidet sich die Realität vom Film. Und das ist gewollt. "Die fiktionale Verdichtung hat den Vorteil, dass man mitreißender erzählen kann", sagte Produzent Fliess, der aus Sulzbach-Rosenberg stammt. Was passiert ist, sei der Stoff für großes Drama: "David gegen Goliath, Provinz gegen Stadt, Wandlung vom Saulus zum Paulus." Doch ein Spielfilm könne nicht so vielschichtig erzählen, "so dass links und rechts viele Geschichten heruntergefallen sind". Zum Beispiel die Bürgerinitiativen. Dieser Meinung waren Freya und Peter Zobel, die im Publikum saßen und in den 1980er Jahren in Amberg aktiv gegen die WAA gekämpft haben. "Und die Arbeit auf Verwaltungsgerichtsebene von Rechtsanwalt Baumann hatte riesige Wirkung", sagte Zobel. Das betonte auch Wolfgang Nowak aus Schwandorf. Er beschrieb seinen Weg als einfacher, braver, im Kirchenchor singender Bürger, in die "Zentrale des Widerstands".

Es waren vor allem die kleinen Erlebnisse rund um die WAA, die auch das Amberger Publikum bewegten: "Meine Freundin hatte damals Schneeketten im Auto, sogar die wurden beschlagnahmt. Sie hat sie bis heute nicht zurückbekommen", sagte ein Zuschauer. "Je brutaler die Polizei vorging, desto mehr Zulauf hatten wir", bemerkte Schuierer.

Mit über 100.000 Besuchern bekam das Anti-WAAhnsinsfestival später den Titel "deutsches Woodstock". Organisiert hatte es Wolfgang Dürr aus Burglengenfeld, der aktuell mit Interesse das "Wir sind mehr"-Festival in Chemnitz beobachtete. Den Cineplex-Zuschauern hatte er ein Original-Plakat von 1986 mitgebracht. Es spielten BAP, Herbert Grönemeyer, Rio Reiser, die Toten Hosen. "Wir hatten so viele Angebote von Künstlern, wir hätten auch drei Tage feiern können", erinnerte sich Dürr. Der damalige Ministerpräsident Franz-Josef-Strauß habe noch verkündet, dass das Festival nicht stattfinden werde. "Da hat er sich aber gewaltig getäuscht."

Fliess, der selbst am WAA-Bauzaun stand und demonstrierte, betonte, wie wichtig ihm die Lokalisierung in der Oberpfalz gewesen sei. "Uns hat die Wut angetrieben auf die Ungerechtigkeit." Und die Staatsregierung habe es bis heute nicht fertig gebracht, sich zu entschuldigen.

Zuschauer dürfen im Cineplex nach dem Wackersdorf-Film mit Protagonisten des WAA-Widerstands diskutieren.
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