Amberg
07.02.2019 - 15:41 Uhr

Freie Fahrt für freie Senioren?

Verkehrsminister Andreas Scheuer lehnt Tests für ältere Autofahrer ab. "Eigenverantwortung" heißt bei ihm das Zauberwort. Doch nicht alle teilen seine Auffassung, dass jeder selbst einschätzen kann, ob er noch fähig ist, zu fahren.

Ein älterer Autofahrer unterwegs. Senioren fallen unfallstatistisch nicht ins Gewicht. Trotzdem fordern Unfallforscher eine regelmäßige Überprüfung ihrer Fahrtauglichkeit. Symbolbild:  Patrick Pleul/dpa
Ein älterer Autofahrer unterwegs. Senioren fallen unfallstatistisch nicht ins Gewicht. Trotzdem fordern Unfallforscher eine regelmäßige Überprüfung ihrer Fahrtauglichkeit.

Wer in Deutschland seinen Führerschein besteht, der hat ein lebenslanges Anrecht darauf, mit seinem Auto so weit und und so lange zu fahren, wie er oder sie will. Nur in absoluten Ausnahmefällen kann der Staat dieses Recht beschränken oder gar den Führerschein ganz einziehen. Und so tuckern Menschen mit 95 und mehr Jahren auf dem Buckel mit ihren Fahrzeugen durch die Städte und auf den Autobahnen. Immer wieder wird die Forderung laut, Senioren ab einem gewissen Alter sollten sich regelmäßig einem Fahrsicherheitstest unterziehen. Zuletzt baute Prinz Philipp, der 97-jährige Gatte von Queen Elizabeth, einen Unfall, der auch in Deutschland die Diskussion wieder aufleben ließ.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat nun in einem Interview mit Zeitungen der westdeutschen Funke-Gruppe ganz klar gesagt: "Einen Verkehrstest für Senioren wird es mit mir nicht geben." Die Unfallstatistik gibt seiner Ansicht nach keinerlei Anhaltspunkte für so eine Maßnahme. Scheuer setzt daher auf die Freiwilligkeit älterer Menschen, ihre Fahrtüchtigkeit überprüfen zu lassen. Im Gegensatz dazu steht die Praxis in den meisten europäischen Ländern. Mit Ausnahme von sechs Nationen (Deutschland, Frankreich, Österreich, Polen, Belgien, Bulgarien) muss ein Europäer ab einem gewissen Alter regelmäßig einen Fahrtest über sich ergehen lassen, um seinen Führerschein behalten zu dürfen.

Freiwilligkeit bringt nichts

Ähnlich sieht es auch Reinhard Gräml, der Leiter der städtischen Verkehrsbehörde. Seine ganz private Meinung ist es, auch in Deutschland eine solche Prüfung einzuführen. "Hier auf die Freiwilligkeit zu setzen, das ist ganz schwierig", so sagte er. "Schließlich nimmt man diesen Menschen mit dem Führerschein auch ihre persönliche Mobilität." Gräml will keine generelle Schelte älterer Autofahrer betreiben. Doch kommt es seiner Erfahrung nach einfach immer wieder vor, dass Leute noch mit dem Auto fahren, obwohl sie dazu eigentlich nicht mehr fähig sind. "Und wenn ich nicht mehr geeignet bin, muss ich halt einfach aufgeben." Was den meisten Bürgern aber sehr, sehr schwer falle. Er selbst hat schon erlebt, dass ihn Familienangehörige von Senioren bekniet haben, auf diese einzuwirken, den Führerschein abzugeben. "Aber da muss man mit Engelszungen auf die Leute einreden", so seine Erfahrung. Meist auch noch ohne Erfolg.

Prinzip Familiendynamik

Ganz anders sieht das Josef Triller. Der ehemalige Fahrlehrer und einstige Vorsitzende der Kreisverkehrswacht fährt mit seinen mittlerweile 84 Jahren noch immer selbst. Zwar keine Langstrecken mehr und nicht mehr in der Nacht, doch für Einkäufe und die Fahrt zum Arzt setzt er sich gerne hinters Steuer. "Soweit ich weiß, fallen Senioren auch nicht besonders auf", zielt Triller auf die Unfallstatistik ab, die Menschen über 65 tatsächlich keine erhöhte Quote verschuldeter Unfälle bescheinigt. "Wenn es so ist, dann müsste man ja jedem, der einmal eine Prüfung abgelegt hat, regelmäßig überprüfen - sei es ein Chefarzt oder ein Handwerksmeister." Triller setzt viel eher auf die "Familiendynamik": "Viele Kinder raten ihren Eltern schon, dass sie nicht mehr fahren sollen."

Diese Erfahrung teilt auch Achim Kuchenbecker, der Sprecher der Amberger Verkehrspolizei. "Die Familienangehörigen sind da schon sehr vernünftig", sagt Kuchenbecker, der "aus dem Bauch heraus" bei älteren Autofahrern keine Auffälligkeiten im Straßenverkehr erkennen kann. "Die fahren ja eher zu vorsichtig als zu schnell." Alte Menschen seien da eher weniger risikobehaftet. Auch wenn es natürlich schon Senioren mit der ein oder anderen Delle im Fahrzeug gebe, die meist vom "Anrandeln" irgendwo stammen. Aber hier würden dann die Familienangehörigen meist Überzeugungsarbeit leisten. "Wir hatten es auch schon, dass Leute zu uns gekommen sind und ihren Führerschein abgeben wollten." Doch das seien genau die Menschen, die eigentlich noch fit genug wären, um ein Auto zu beherrschen, widerspricht Reinhard Gräml, der Leiter der Amberger Verkehrsbehörde - also eigentlich die Falschen.

Und was sagt der ADAC, das Zentralorgan der Automobilisten? "Durch verpflichtende Testverfahren besteht die Gefahr, dass geeignete Fahrer irrtümlich als ungeeignet eingestuft werden", schreibt der Automobilclub auf seiner Homepage. Hinzu komme, dass ein positives Testergebnis einen älteren Fahrzeugführer dazu verleiten könne, seine eigenen Fähigkeiten weit über den Testzeitpunkt hinaus zu überschätzen. "Insofern erscheinen Forderungen nach einer gesetzlichen Verpflichtung von Eignungsprüfungen für alle Kraftfahrer nicht verhältnismäßig."

 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.