26.10.2020 - 08:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Der große Traum vom kleinen Haus

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Reichen 18 Quadratmeter zum Wohnen? Der Amberger Start-up-Unternehmer Tom Scheimer über "Tiny Houses", Zirbenholz und den Traum vom einfachen Leben.

Ausblick auf die Landschaft - und die Zukunft des Wohnens: Der Amberger Start-up-Unternehmer Tom Scheimer ist überzeugt, dass der Markt für "modulares Bauen" weiter wachsen wird.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Tom Scheimer wirkt glücklich. Das mag an seinem Naturell liegen, an der Leidenschaft, die er und sein Partner Stephan Kopp in die Produkte einbringen – oder an den guten Umsätzen der Firma. „Ja, es läuft ganz gut“, sagt der Amberger Start-up-Unternehmer schmunzelnd. Anfang 2017 hatten die beiden ein erstes „Raummodul“ verkauft, jetzt liegen sie „so bei 50 Einheiten“, die sie mit ihrem Team errichtet haben.

Die in Amberg produzierten „Raummodule“ sind kleine Häuser – mit Wänden aus massivem, in den Bergen Österreichs geschlagenen Zirbenholz. „Das hat einfach Eigenschaften, die uns wichtig sind“, sagt der 50-Jährige und spricht von Strahlungssicherheit, Wohngesundheit und guter Dämmung. In Größen ab 18 Quadratmetern verkauft die junge Firma die Zirbenhäuschen, unter dem Namen Zinipi. „Eine Wortzusammensetzung. Das Z steht für Zirbe, Inipi kommt aus der Sprache der Lakota-Indianer und bedeutet Schwitzhütte“, erklärt er, „da das erste Zinipi auch eine Sauna war.“ (Die Firma selbst tauften er und Mit-Gründer Stephan Kopp auf den Namen „Freiraum GmbH“. „Eine Idee von Stephans Frau Karola. Passend zum Freigeist-Gedanken“.) „Dass wir Wohnhäuser bauen, war nie der Plan“, denkt Scheimer an den ursprünglichen Ansatz zurück. „Die Zinipi-Module waren anfangs zum Beispiel eher als Büro oder Sauna im Garten gedacht oder als Lodges auf Campingplätzen.“

Doch heute boomt der Markt. Und so verkauft die Freiraum GmbH seit 2018 eben auch „Tiny Houses“, winzige Häuser, in denen die Kunden auf Dauer leben können. Scheimer spricht lieber von „Modulhäusern aus Holz“. „Tiny House“ sei kein eindeutig definierter Begriff, gibt er zu bedenken.

„Das deutsche Baurecht kann damit zum Beispiel nichts anfangen“, sagt Scheimer und räumt mit dem Irrglauben auf, dass „Tiny Houses“, einfach so hingestellt werden könnten. „Wer dauerhaft in einem Tiny House wohnen will, muss die baurechtlichen Vorschriften beachten, wie bei jedem anderen Gebäude auch. Egal, ob es auf Rädern steht oder nicht. Ich brauche eine Baugenehmigung, muss die Energieeinsparverordnung einhalten, Abstandsflächen berücksichtigen, die Kanalanschlusspflicht – all das.“

Romantische Vorstellung

Beim „Tiny House“ hätten viele die romantische Vorstellung eines Hauses auf Rädern in der Natur. „Die Realität kann aber eine andere Sprache sprechen.“

Die Romantik des einfachen Lebens wird von der Wirklichkeit spätestens dann eingeholt, wenn sich die Lebensumstände ändern. „Als Single lebe ich anders als ein Ehepaar, als Familie mit Kindern habe ich dann wieder andere Ansprüche“, sagt er. Der große Traum vom kleinen Haus kann dann schnell ausgeträumt sein. Scheimer bietet daher eine „modulare Bauweise“ an: „Unsere Kunden können mit einer kleinen Wohneinheit einsteigen und später dann je nach Bedarf um weitere Module erweitern. Ziehen die erwachsenen Kinder aus, nehmen sie ihr Modul einfach mit.“

Mit 60000 bis 70000 Euro müssen Zinipi-Einsteiger kalkulieren, als Wohnraum-Basislösung. „Dafür gibt es Qualität. Wir bauen ökologisch, aus leimfreiem Vollholz“, wirbt Scheimer. So etwas sei wichtig, denn „viele ,Tiny Houses’, die heute angeboten werden, sind der Problemmüll von morgen“. Die ökologische Komponente ist in Scheimers Augen ein Grund für den Nachfrageboom bei „Tiny Houses“, hinzu komme, dass bezahlbarer Wohnraum immer knapper werde.

Unter dem Namen Zinipi vermarktet Scheimer seine Raummodule. Das massive Zirbenholz, das er dafür verwendet, stammt aus Österreich. Gefertigt werden die Elemente "Am Fiederhof", westlich von Amberg.

Das Feedback der Zinipi-Kunden sei positiv. „Der Austausch mit den Bewohnern ist wichtig. Als junges Unternehmen müssen wir von diesen Erfahrungen lernen“, setzt Scheimer auf den offenen Dialog. „Viele suchen aber vor allem die Gemeinschaft“, beobachtet der Unternehmer. In Amberg habe man jetzt sogar ein Baugebiet „verabschiedet“, in dem die Errichtung von Tiny Houses möglich sein soll.

Salsa-Legende

Scheimer findet die Tiny-House-Bewegung „cool“, nicht nur, weil er damit Geld verdient, sondern, weil er ein Querdenker ist, der bereit ist, neue Wege zu gehen. Diesen Mut hat er beruflich wiederholt bewiesen. In seinen frühen Berufsjahren war er als Banker erfolgreich, einen Namen machte er sich in der Amberger Szene später mit dem „Club Habana“, einer Bar in einem ehemaligen Kino, die er in eine Kult-Location für Salsa-Tänzer verwandelte und als Zentrum für Kleinkunst und Live-Musik betrieb. Jetzt also kleine Häuser, die Platz bieten für große Träume.

Das ovale Fenster ist ein Markenzeichen der Zinipi-Häuser. Links an der Außenwand ist ein Luftkollektor der Amberger Firma Grammer Solar zu sehen.
"Enge? Ich glaube, es ist kein Gefühl der Enge, das man in einem ,Tiny House' empfindet, sondern eher der Befreiung, weil man sich nicht mit Dingen belasten muss, die wir sonst so mit ums herumtragen", sagt Tom Scheimer.

Ein anderes Start-up-Unternehmen aus der Region

Luhe-Wildenau

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.