Amberg
27.11.2019 - 12:49 Uhr

Heimat ist mehr als ein Neubaugebiet

Wer den Donut-Effekt nicht will, der muss aktiv gegensteuern. Dass es sich dabei nicht um das Thema Hüftspeck in Folge übermäßigem Süßgebäckgenusses handelt, sondern um die Zukunft von Kommunen geht, macht Professor Manfred Miosga deutlich

Professor Manfred Miosga von der Uni Bayreuth schilderte am Montagabend bei der Hanns-Seidel-Stiftung, wie die Revitalisierung von Ortskernen gelingen kann. Bild: Wolfgang Steinbacher
Professor Manfred Miosga von der Uni Bayreuth schilderte am Montagabend bei der Hanns-Seidel-Stiftung, wie die Revitalisierung von Ortskernen gelingen kann.

Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung hatte am Montag zum Vortrag ins ACC gebeten - vor einer eher spärlichen Zuhörerkulisse referierte zunächst OB Michael Cerny über die Möglichkeiten, eine eher ländlich verortete Kommune - wie beispielsweise Amberg - attraktiv für Menschen und Unternehmen zu machen. Danach zeigte Professor Manfred Miosga, Lehrstuhlinhaber für Stadt- und Regionalentwicklung an der Uni Bayreuth, ganz konkrete Möglichkeiten auf, wie das Austrocknen der klassischen Ortskerne zugunsten der Peripherie vermieden oder gar umgekehrt werden kann.

Zwei Dinge machte Michael Cerny zum Selbstverständnis einer Kommune wie Amberg deutlich: Amberg kann sich nicht mit Boom-Towns wie München oder Regensburg vergleichen, Amberg ist aber auch nicht die Stadt irgendwo zwischen Nürnberg und Regensburg. Amberg ist seiner Aussage nach vielmehr eine liebens- und lebenswerte Gemeinde mit guten Bildungsmöglichkeiten, erfolgreicher Industrie - vor allem im Sektor Automation, einer eigenen Hochschule, hervorragender medizinischer Versorgung und dem Alleinstellungsmerkmal Luftmuseum.

Nur über Schwächen reden

"Wir reden wahnsinnig viel über unsere Schwächen", sagte Cerny, dabei müsse man vor allem die eigenen Stärken herauskehren. "Wir haben eine sehr starke Wirtschaft hier - aber das weiß keiner", nannte er ein Beispiel. Daran müssten die Amberger arbeiten, die an sich ja eher zum Schimpfen neigen würden. Wichtig sei es auch, mehr interkommunale Zusammenarbeit zu pflegen. "Wir müssen viel stärker in Räumen denken und den Kirchturm vergessen", so Cerny. Wie das funktionieren könnte, machte anschließend Manfred Miosga am praktischen Beispiel deutlich: Derzeit entwickelt sein Institut gemeinsam mit den AOVE-Gemeinden ein Konzept zur Wiederbelebung der Ortskerne.

Miosga, selbst ein Metropolenflüchtling, der vom Münchner Umland in die fränkische Provinz gezogen ist, schilderte zunächst das Grundproblem, das heutzutage fast alle Gemeinden haben: den Donut-Effekt. Danach wachsen die Kommunen alle nach außen und verlagern ihre lebenswichtigen Einrichtungen immer mehr in Richtung Grüne Wiese. Am Ende ist dann das Zentrum nahezu tot. Eben wie der leere Raum in der Mitte eines fetten Donut-Kringels. Ziel müsse es von daher sein, diesen Prozess umzukehren. Beispielsweise über ein zentrales Leerstandsmanagement, das alle Baulücken oder Leerstände in den Kommunen systematisch erfasse und versuche, die zu vitalisieren. Kein leichtes Unterfangen, wie er zugibt, doch verfüge eine Kommune beispielsweise durchaus über rechtliche Mittel, verkaufsunwilligen Grundstückseigentümern das Horten von Flächen zu verleiden. Dann werde eben aus dem unbebauten Bauland im Zentrum eines Ortes nach einer gewissen Frist wieder eine wertlose Grünfläche.

50 Hektar Land eingespart

Als positiven Ansporn für die AOVE nannte Miosga das obere Werntal im Großraum Schweinfurt. Hier habe ein Verbund von Gemeinden so ein Flächenmanagement konsequent durchgezogen. Und im Endeffekt bis zu 50 Prozent der brachen Flächen in den Zentren revitalisieren können. Mit dem Effekt, dass damit rund 50 Hektar an Neuausweisungen von Baugebieten eingespart werden konnten, damit verbunden bis zu 14 Kilometer Straßen und Kanäle - mit entsprechenden Einsparungen für die Haushalte der Kommunen. "Es ist aber genau so viel gebaut worden."

Die Innenentwicklung eines Ortes, das machte Miosga deutlich, ist reines Klinkenputzen. "Und absolute Chefsache", sagte er mit Blick auf OB Michael Cerny und Hahnbachs Bürgermeister Bernhard Lindner, der ebenfalls im Publikum saß, deutlich. "Aber das ist Revitalisierung von Heimat."

 
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