28.03.2019 - 16:27 Uhr
AmbergOberpfalz

Der herbe Charme von Zahlen

Kämmerern wird viel nachgesagt. Etwa, dass sie mit Ärmelschonern am Schreibtisch sitzen. Franz Mertel krempelte die Ärmel lieber hoch, wenn er ins Büro kam. Ab Montag kommt er nicht mehr.

Kämmerer Franz Mertel geht in Ruhestand. Seine offizielle Verabschiedung findet am Freitagabend statt, ab Montag, 1. April, kommt er nicht mehr in sein Büro.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Für die Wichtigkeit von Leuten in Verwaltungsgebäuden gibt es eine schlichte Berechnungsformel: je weiter oben, desto höher. Daran gemessen, war Franz Mertel (63) zehn Jahre der Höchste im Rathaus. Sein Büro liegt exakt über dem des Oberbürgermeisters. Aber mit Dachschräge. Also stimmt die Welt auch im Amberger Rathaus. Es ist der Ort, an dem das Berufsleben des gebürtigen Ensdorfers 1978 begann und am 1. April endet.

"Ganz korrekt ist das nicht", sagt Mertel. Auf dem Papier tritt am Montag die Ruhephase einer Altersteilzeit-Regelung in Kraft. Doch Mertel ist Praktiker. Ab nächster Woche muss er nicht mehr ins Büro, wenn auch die offizielle Ruhestandsversetzung einige Monate auf sich warten lässt. Und noch eine kleine Spitzfindigkeit möchte er im Gespräch mit Oberpfalz-Medien zurechtrücken. "Streng genommen bin ich nicht der Kämmerer." Er sei der Finanzreferent der Stadt mit vier Ämtern, darunter das Haushalts- und Steueramt als die eigentliche Kämmerei. Doch auch dieser kleine Unterschied ist eher etwas für ein Organigramm in Papierform. Im richtigen lokalpolitischen Leben war Franz Mertel seit 2009 natürlich der Stadtkämmerer.

Andere Pläne

Werden wollte er das nicht. Mathematik- und Geografie-Lehrer, das wäre es nach dem Abitur am Gregor-Mendel-Gymnasium gewesen. Vier Semester lang hielt dieser Wunsch, dann war diese Liebe des Abiturienten zu Zahlen erkaltet. Viel zu theoretisch abgehoben kam Mertel die Rechnerei an der Uni vor. Sein Verhältnis zu Zahlen und zur Mathematik sei eher intuitiver Natur, sagt er. "Ich schaue mir etwas an und merke, da stimmt etwas nicht." Dann gehe er auf die rechnerische Suche und werde meist auch fündig. Nach dem erfolgreichen Abschneiden bei der Ausleseprüfung für den gehobenen Verwaltungsdienst habe er durchaus mit einer Laufbahn als Finanzbeamter geliebäugelt, erzählt Mertel. "Das war mir dann doch zu staubig." Also ist es die allgemeine Verwaltung bei der Stadt geworden. Arg lange habe es nicht gedauert, bis ihn auch hier der Hang zu Zahlen wieder eingeholt habe. Der baldige Pensionär ist ein klassischer Laufbahnbeamter wie sie in dieser Position immer rarer werden. Angefangen unten und aufgestiegen bis an die höchstmögliche Laufbahnspitze. Der Nachfolger nimmt die Referentenposition künftig als gewählter berufsmäßiger Stadtrat ein.

2008 wurde der heute 63-Jährige als damaliger Leiter des Haushalts- und Steueramts (Kämmerei) zum Finanzreferenten ernannt. Oberbürgermeister war Wolfgang Dandorfer (CSU) und die finanzielle Situation der Stadt denkbar schlecht. "Es kann nur besser werden", habe er sich damals gedacht. Die Gewerbesteuereinnahmen seien von 22,6 auf 9,2 Millionen Euro in 2009 eingebrochen. Heute liegen sie bei 31 Millionen. Der Schuldenstand habe 41 Millionen Euro betragen, derzeit liegt er bei 17,5 Millionen mit Rücklagen in der Hinterhand, die mit 21 Millionen Euro veranschlagt werden. Angesichts solcher Zahlen stehen Kämmerer üblicherweise kurz vor der Seligsprechung. Mertel schmunzelt leicht verschmitzt und sagt, er habe halt auch Glück gehabt. Er ist aber stolz darauf, diese Ergebnisse mit einer "immer konservativen" Geldpolitik ohne große Tricksereien erzielt zu haben. Und gemeinsam: "Ich bin ein Teamplayer", lässt der Finanzreferent nichts über die von ihm verantworteten vier Ämter und deren Mitarbeiter kommen. Zweimal die Woche habe man sich zur Amtsleiter-Runde zusammengesetzt und hie und da eine der vornehmsten Beamtentugenden pflegen können - sich im Stillen über Erfolge freuen. Das unterscheide Beamte von der Politik.

Als Beispiel führt Franz Mertel an, während seiner Amtszeit den Grundbesitz der Stadt um 76 Hektar, sprich 760 000 Quadratmeter, vergrößert zu haben. "Eine Stadtentwicklung ohne Grundstücke gibt es nicht", steht für ihn fest. Unfreiwillig sind Kämmerer stets die wohl politischsten Beamten in einem Rathaus. Ihr Einfluss ("Eine gewisse Macht hat man schon") sollte jedoch nicht überschätzt werden, meint der baldige Pensionär. Schließlich seien sie Beamte und hätten auch Vorhaben umzusetzen, die nicht ihren Vorstellungen entsprächen. "Der Souverän ist der Stadtrat", daran gebe es nichts zu rütteln. In strittigen Fragen sei es deshalb ratsam sich zurückzuziehen, wenn das Argument komme, dann werde halt politisch entschieden. Mit dieser Strategie sei er stets gut gefahren.

Schon ausgebucht

Franz Mertel weiß, dass es ihm mit der Pensionierung nicht langweilig wird. "Ich habe diese Arbeit immer gerne gemacht." Es sei jedoch die Zeit gekommen, das Leben als Privatier zu genießen. "Ich bin ein Familienmensch", sagt der 63-Jährige, und seine Familie wächst demnächst um einen Enkel. Darauf freut er sich zusammen mit seiner Frau, und es ist schon ausgemacht, wann der Nachwuchs in Oberbayern betreut wird. Das Ehepaar Mertel hat zwei erwachsene Kinder und der Sohn vom Vater das Gespür für Zahlen. Er studierte Wirtschaftsmathematik und der Kämmerer gibt freimütig zu, dass ihm das zu abgehoben ist.

Loslassen werden Franz Mertel Soll und Haben, Kontostände, das Rechnungswesen und Haushaltspläne die nächsten Jahre sicherlich nicht ganz. Seit Jahren ist er Schatzmeister der Amberger Alpenvereins-Sektion, regelt die Finanzen der Kirchenverwaltung St. Martin, Dienstbotenstiftung und der Kirchenstiftung Mariahilfberg. "Mehr mache ich aber nicht" - außer Familie, Bergwandern, Reisen und was sonst noch Spaß macht.

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