Die Sonne fällt durch die Bäume des Lauterachtals. Nur wenige Meter von der Bergrettungswache entfernt ziehen Wanderer ihre Rucksäcke zurecht, Kletterer schultern Seile und Karabiner, Mountainbiker rollen Richtung Wald. Es wirkt friedlich. Fast idyllisch. Nur wenige Meter von dieser Idylle entfernt liegt die Bergrettungswache der Bergwacht Amberg – unscheinbar, funktional, mitten im Einsatzgebiet. Und genau hier beginnt für die 28 aktiven Einsatzkräfte im Ernstfall oft ein Wettlauf gegen die Zeit.
„Viele Menschen denken bei der Bergwacht zuerst an die Alpen“, sagt Bereitschaftsleiter Markus Arnold und blickt über das Tal in Richtung der Kletterfelsen. „Dabei reicht hier oft schon ein falscher Tritt.“
Im Einsatzgebiet der Bergwacht Amberg geht es um eine Region, die auf den ersten Blick harmlos aussieht, in der aber Rettungseinsätze genauso komplex werden können wie in hochalpinem Gelände. Die Vielfalt und Weitläufigkeit aus steilen Jurahängen, zerklüfteten Felswänden, Höhlen, unübersichtlichen Waldgebieten, dem Monte Kaolino und den zunehmend stark frequentierten Mountainbike-Strecken bilden ein Areal, das sich nicht an Infrastruktur hält. „Wir retten überall dort, wo der normale Rettungsdienst nicht mehr hinkommt“, sagt Markus. Denn die Bergwacht ist immer dort gefragt, wo das Gelände nicht mehr funktioniert wie eine Straße.
Ein Gebiet voller Gegensätze
Das Einsatzgebiet der Bergwacht Amberg ist groß und ungewöhnlich divers. Es umfasst die Stadt Amberg, den Landkreis Amberg-Sulzbach und inzwischen auch Teile des Landkreises Schwandorf. Im Westen dominiert das Nördliche Frankenjura – es ist mit über 10.000 Routen an mehr als 1000 Massiven und Türmen eines der am besten erschlossenen Klettergebiete der Welt. Dazu kommen rund 50 Höhlen im Kreis Amberg-Sulzbach, die teilweise touristisch erschlossen sind, teilweise nur von erfahrenen Höhlenbegehern genutzt werden. Und dort steht auch ein kleiner geografischer Exot: der Höhenglückssteig, der einzige Klettersteig Deutschlands außerhalb der Alpen. Und dieser sorgt regelmäßig für Einsätze.
Im Osten dagegen verändert sich das Bild komplett: der Oberpfälzer Wald, weite Forstgebiete, der Monte Kaolino als ein eher ungewöhnlicher Sandberg, Wanderwege, Radstrecken, Forststraßen. Dazwischen: Menschen, die unterwegs sind – oft gut vorbereitet, manchmal weniger.
„Im Westen liegt unser Schwerpunkt“, erklärt Einsatzverantwortlicher Alex Renner. „Aber eigentlich werden wir im gesamten Gebiet gebraucht. Und die Anforderungen unterscheiden sich komplett je nach Gelände.“ Diese Vielfalt ist Stärke und Herausforderung zugleich. Während im Klettergebiet technische Rettung aus Felswänden im Vordergrund steht, sind es im Wald eher Suchaktionen, Forstunfälle oder gestürzte Mountainbiker.
Ein Trend verändert alles
Was früher ein eher spezialisiertes Einsatzfeld war, hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Die Corona-Pandemie war dabei ein Wendepunkt, sagt Markus Arnold. „Wir hatten damals einen Rufanstieg von rund 40 Prozent“, erzählt er. Danach sei die Zahl nicht mehr wirklich zurückgegangen. Sie habe sich auf hohem Niveau stabilisiert.
Der Grund liegt in einem gesellschaftlichen Trend: Menschen gehen wieder mehr raus. Wandern, Klettern, Mountainbiken, Trailrunning – die Natur wird stärker genutzt als je zuvor. Gleichzeitig verändert sich damit auch die Art der Einsätze. „Die Selbsteinschätzung der Sportler hat sich verändert – leider eher zum Negativen“, sagt Markus.
Besonders sichtbar wird das am Höhenglückssteig. Früher passierten dort vor allem klassische Unfälle. Heute kommt es regelmäßig vor, dass Menschen völlig erschöpft gerettet werden müssen, obwohl sie unverletzt sind. „Sie kommen einfach nicht mehr weiter“, sagt Markus. Die Gründe sind vielfältig: Social Media, unterschätzte Touren, fehlende Erfahrung, Gruppendynamik.
Jede Minute entscheidet
Der Moment, in dem ein Einsatz beginnt, ist immer derselbe – und doch nie Routine. Der Einsatzleitdienst ist rund um die Uhr erreichbar, 365 Tage im Jahr. Die Arbeit teilen sich insgesamt acht Einsatzleiter. Die übrigen Kräfte werden über Meldeempfänger alarmiert, egal ob sie gerade arbeiten, schlafen oder unterwegs sind.
„Wir werden aus dem Alltag herausgerissen.“ Dann geht es schnell. Innerhalb weniger Minuten machen sich die ersten Einsatzkräfte auf den Weg zur Wache. „Unser erstes Fahrzeug ist meistens innerhalb von vier Minuten besetzt“, erklärt der Bereitschaftsleiter. Doch das ist nur der Anfang. Denn im Gegensatz zum städtischen Rettungsdienst endet die Fahrt hier nicht an einer Hausnummer. Es gibt keine Straßennamen, keine eindeutigen Adressen, oft nicht einmal sichtbare Wege. „Wir fahren so weit, wie wir kommen“, sagt er. „Dann lokalisieren wir zu Fuß weiter.“
Von dort an beginnt die eigentliche Arbeit im Gelände. Zwei Einsatzkräfte gehen häufig voraus. Der Mediziner beginnt sofort mit der Versorgung des Patienten, während der technische Retter parallel den Abtransport plant. Alles andere folgt nach.
Medizin im Ausnahmezustand
Für Filipa Steger, eine der vier Notärztinnen und Notärzte der Amberger Bergwacht, ist jeder Einsatz im Gelände eine andere Welt. Dort gelten zwar medizinische Standards, diese müssen aber stetig angepasst werden. „Im Rettungswagen habe ich alles griffbereit“, sagt sie. „Im Gelände muss ich vorab entscheiden, was wirklich notwendig ist.“ Die Ausrüstung ist begrenzt, der Platz ebenfalls. Patienten müssen oft über längere Zeit durch unwegsames Gelände transportiert werden – auf Tragen, über Wurzeln, Steine, Hanglagen. „Manchmal dauert der Transport länger“, sagt Filipa. „Und in dieser Zeit muss der Patient stabil bleiben.“ Hinzu kommen äußere Bedingungen: Kälte im Winter, Hitze im Sommer, Regen, Dunkelheit. Selbst einfache Maßnahmen werden dadurch komplex.
„Steriles Arbeiten ist draußen kaum möglich“, sagt sie. „Man arbeitet so sauber wie möglich – aber unter Bedingungen, die man nicht vergleichen kann.“ Das erfordert Erfahrung, Improvisation und enge Abstimmung mit allen Bergrettern vor Ort. „Das Umgebungssetting ist überall anders: Bei Minus fünf Grad auf einer Piste funktioniert auch beispielsweise ein Zugang über die Hand nicht, weil man den Handschuh des Patienten nicht ausziehen kann. Dann muss man kreativ werden.“
Wenn Zeit anders zählt
Noch einmal anders wird es unter der Erde. Rund 50 Höhlen gehören zum Einsatzgebiet der Bergwacht Amberg. Mindestens einmal im Jahr kommt es dort zu einem Einsatz, manchmal auch häufiger.
Der Höhlenretter Markus Demleitner beschreibt die Dimension eindrücklich: „Man rechnet bei einer Höhlenrettung mit etwa dem Zehnfachen der Zeit, die man hinein gebraucht hat.“ Das bedeutet: Wer eine Stunde in die Höhle hineinläuft, kann im Ernstfall mit zehn Stunden Rettung rechnen. Oder mehr. Der Grund ist einfach und gleichzeitig extrem komplex. Höhlen haben meist nur einen Zustieg. Es gibt keinen Umweg, keinen alternativen Ausgang, keine Abkürzung.
Jede Bewegung muss geplant werden, jeder Abschnitt abgesichert sein. Licht, Material, medizinische Versorgung – alles muss hineingetragen und später wieder herausgebracht werden. „Man muss vorher genau überlegen, wer rein Rund 50 begehbare Höhlen befinden sich im Gebiet der Amberger Bergwacht. geht und in welcher Reihenfolge das passiert“, sagt der Höhlenretter, der sich diese Aufgabe mit zwei weiteren ausgebildeten Höhlenexperten teilt. „Und man muss sich bewusst sein, welches Material man drinnen braucht.“
Ein Einsatz, der bleibt
Wer so oft ausrückt wie die Bergwacht Amberg, erlebt zwangsläufig Einsätze, die in Erinnerung bleiben. Manche, weil sie technisch besonders anspruchsvoll sind. Andere, weil jede verfügbare Einsatzkraft gefordert ist. Und wieder andere, weil sie den Bergwachtler selbst nicht mehr loslassen. Einer dieser Einsätze ereignete sich im vergangenen Jahr an der Maximilianswand im Krottenseer Forst. Eine Kletterin, Mitte 30, stürzte rund 15 Meter in die Tiefe und prallte auf den darunterliegenden Felsen.
„Wir hatten im Prinzip alle Ressourcen draußen, die wir zur Verfügung haben“, erinnert sich Bereitschaftsleiter Markus Arnold. Mehr als eineinhalb Stunden arbeitete das Team an der Unfallstelle. Die Frau wurde medizinisch versorgt, stabilisiert und schließlich aus dem schwierigen Gelände herausgebracht. Erst danach konnte sie an den Rettungshubschrauber übergeben werden.
Doch der Einsatz bleibt nicht nur wegen seines organisatorischen und technischen Aufwands in Erinnerung. Er trifft die Mannschaft auch persönlich. „Viele von uns sind selbst Kletterer und ungefähr im gleichen Alter wie die Verunglückte“, erzählt Notärztin Filipa Steger. „Da wird einem plötzlich bewusst, dass das jedem passieren kann.“
Dass darüber gesprochen wird, ist deshalb fester Bestandteil der Bergwacht. Für Filipa gehört dieses gemeinsame Nachbesprechen ganz selbstverständlich dazu. „Jeder erlebt einen Einsatz aus einer anderen Perspektive“, sagt sie. „Der eine war von Anfang an beim Patienten, der andere hat den Transport organisiert oder den Rettungsdienst eingewiesen. Erst wenn man danach zusammensitzt, entsteht das Gesamtbild.“ Diese Gespräche helfen dabei, belastende Erlebnisse zu verarbeiten. Gleichzeitig sind sie ein wichtiger Baustein der Qualitätssicherung. Was lief gut? Wo hätte man etwas anders machen können? Gibt es Erkenntnisse für den nächsten Einsatz?
Dass nicht jeder Einsatz gut ausgeht, gehört zur Realität der Bergwacht. Markus Arnold spricht das offen an. Jedes Jahr müsse die Bergwacht auch zwei oder drei Menschen nicht lebend bergen – manchmal nach schweren Unfällen, häufig aber auch nach Suiziden im unwegsamen Gelände.
Keine Routine im Gelände
So unterschiedlich die Einsätze sind, eines haben sie alle gemeinsam: Einen Standardablauf gibt es nicht. „Es gibt prinzipielle Grundschemen, aber in der freien Natur ist das Abweichen vom Standard eher die Regel als die Ausnahme“, sagt Markus. Genau das macht die Bergrettung so anspruchsvoll. Jeder Einsatzort ist anders, jedes Gelände stellt neue Anforderungen, jedes Wetter verändert die Situation.
Die Ausbildung ist entsprechend aufwendig. Bis jemand vollständig ausgebildete Einsatzkraft ist, vergehen meist zwei bis drei Jahre. Bereits vor den eigentlichen Eignungstests werden die Anwärter intensiv vorbereitet. Erst wenn sie sowohl die Sommer- als auch die Wintereignung erfolgreich absolviert haben, beginnt die weitere Fachausbildung. Neben Rettungstechnik stehen Notfallmedizin, Naturschutz, Luftrettung, Einsatztaktik und viele weitere Themen auf dem Programm. Jeder bringt dabei andere Stärken mit. Aber auch nach der Grundausbildung hört das Lernen nicht auf. Einmal pro Woche trifft sich die Bergwacht zum Training. Mal wird Rettungstechnik wiederholt, mal Notfallmedizin oder Einsatztaktik. Hinzu kommen sechs bis sieben große Einsatzübungen pro Jahr, bei denen unter möglichst realistischen Bedingungen gearbeitet wird. Dazu kommen Speziallehrgänge – etwa für Höhlenrettung, Luftrettung oder Eisklettern.
„Höhlenrettung kann man zum Beispiel auch außerhalb einer Höhle nicht realistisch simulieren. Da musst du zur Einsatzübung direkt an den Ort gehen. Vieles fällt auch erst Innen auf“, erzählt Höhlenexperte Markus. Auch der Gesamtaufwand für die Übungen der fünf aktiven Luftretter ist enorm und umfangreich.
Ehrenamt mit Leidenschaft
Wer sich für die Bergwacht entscheidet, wählt nicht nur ein Hobby, sondern eine Aufgabe, die das Leben mitprägt. Alle Mitglieder engagieren sich ehrenamtlich – neben Beruf, Studium oder Familie. Die Einsätze summieren sich jährlich auf rund 600 Stunden. Letztes Jahr waren die Bergretter an über 100 Einsätzen beteiligt. Doch das tatsächliche Engagement liegt um ein Vielfaches höher. „Der gesamte Aufwand im Hintergrund ist etwa zehnmal so groß“, erklärt der Bereitschaftsleiter. Ausbildung, Wartung, Materialpflege, Organisation – alles zusätzlich.
Doch die Kombination aus Natur, Technik, Medizin und dem Wunsch zu helfen, macht dieses Ehrenamt so beliebt bei den Mitgliedern. Viele sind selbst leidenschaftliche Kletterer, Wanderer oder Mountainbiker. Sie kennen das Gefühl, draußen unterwegs zu sein – und wissen gleichzeitig, wie schnell sich eine Situation verändern kann.
„Wenn mir draußen etwas passieren würde, wäre ich selbst auch froh, wenn jemand kommt und mir hilft“, sagt der Bereitschaftsleiter. „Nach uns kommt auch sonst niemand, der helfen könnte.“ Die Notärztin beschreibt es ähnlich: „Natürlich erwartet einen eine Menge Arbeit. Aber man bekommt auch unglaublich viel zurück.“ Besonders bewegend seien die Momente nach einem gelungenen Einsatz. Manchmal erreichen die Bergretter Dankeskarten oder persönliche Nachrichten. „Dann merkt man, dass man für jemanden wirklich einen Unterschied gemacht hat.“
Unterstützung für die Helfer
So professionell die Bergwacht arbeitet, so selbstverständlich ist ihre Finanzierung nicht. Fahrzeuge, Notfallrucksäcke und Teile der Grundausstattung werden zwar über den Freistaat Bayern und das Rettungswesen finanziert. Vieles muss die Bereitschaft jedoch selbst stemmen. Helme, Teile der Einsatzkleidung oder Schuhe zahlen die Mitglieder teilweise aus eigener Tasche.
Deshalb sind Spenden und Fördermitglieder für die Bergwacht von großer Bedeutung. Auch das traditionelle Hüttenfest, das jedes Jahr am zweiten Augustwochenende stattfindet, trägt dazu bei, die Arbeit der Ehrenamtlichen zu unterstützen und gleichzeitig Einblicke in ihre Arbeit zu geben.
Eine Gemeinschaft, die trägt
„Bei uns kann man sich aufeinander verlassen“, sagt Markus Arnold. Das sei im Gelände überlebenswichtig. Wenn mehrere Menschen an einem Sicherungsseil hängen oder gemeinsam einen Patienten über einen Steilhang transportieren, muss jeder darauf vertrauen können, dass der andere sein Handwerk beherrscht. Stellvertretende Bereitschaftsleiterin Lena Dickert erzählt, dass man sich längst nicht nur bei den Übungsabenden sehe. Viele gehen gemeinsam klettern, unternehmen Ausflüge oder verreisen miteinander.
Für Nachwuchs sorgt die eigene Jugendgruppe. Jugendleiter Richard Lacher weiß, wie wichtig sie für die Zukunft der Bereitschaft ist – schließlich ist er selbst diesen Weg gegangen. „Alex und ich kommen beide aus der Jugendgruppe“, erzählt er. „Man lernt dort spielerisch den Umgang mit der Natur, übernimmt Verantwortung und wächst Schritt für Schritt hinein.“
Dabei geht es nicht nur um Klettertechnik oder Orientierung im Gelände. Mindestens genauso wichtig sind Werte wie Hilfsbereitschaft, Teamgeist und Verantwortung. „Viele unserer Spiele funktionieren nur, wenn man zusammenarbeitet und sich gegenseitig vertraut“, erzählt Richard. Und genau dieses Vertrauen ist später auch im Einsatz unverzichtbar.
















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