30.10.2019 - 10:16 Uhr
AmbergOberpfalz

Hilfe, wenn die die Welt zusammenbricht

Paul ist sieben Jahre alt und glücklich. Am liebsten spielt der adoptierte Junge mit Lego. Dass Paul eine unbeschwerte Kindheit hat, ist nicht selbstverständlich. Sein Leben verdankt er seiner leiblichen Mutter – die er nicht kennt.

Für viele Frauen bedeutet eine Schwangerschaft Angst und Ausweglosigkeit.
von Externer BeitragProfil

Paul (Name geändert) ist nur ein Kind von vielen. Kinder, deren Leben an der Schwelle stand. Nicht wegen Krankheit oder Komplikationen während der Schwangerschaft, sondern schwieriger Lebenssituationen ihrer Mütter. Frauen, die sich nicht sicher waren, ob sie ihre Kinder zur Welt bringen sollten. Bis sie sich an das Moses-Projekt von Donum Vitae wandten.

Vor 20 Jahren erfuhr Maria Geiss-Wittmann, heute langjährige Landesvorsitzende von Donum Vitae, von einem ausgesetzten toten Neugeborenen. Der Gedanke an Kindstötungen und geheime gefährliche Geburten ohne medizinische Betreuung ließ ihr keine Ruhe, zu schmerzhaft war die Vorstellung für die Ambergerin. Entgegen aller rechtlichen Hürden suchte sie nach einem Weg, um Schwangeren in Not einen geschützten Ausweg zu bieten, und überzeugte schließlich den damaligen Amberg-Sulzbacher Landrat Dr. Hans Wagner, den Chefarzt des Sulzbacher St.-Anna-Krankenhauses Dr. Jörg-Dietrich Dodenhöft sowie Mitarbeiter des Jugendamtes trotz rechtlicher Bedenken anonyme Geburten durchzuführen. Eine Schlüsselrolle spielte dabei auch eine Erklärung des damaligen bayerischen Innenministers Günther Beckstein, nach der „in extremen Notsituationen auf Angaben über die Identität der Mutter verzichtet werden kann“. Alle Beteiligten waren sich einig, dass das Recht auf Leben von Mutter und Kind über die Meldepflicht des Namens der Mutter nach der Entbindung zu stellen sei und ein Verbot der anonymen Geburt der allgemeinen und der ärztlichen Pflicht der Hilfeleistungen widersprechen würde. „Die anonyme Geburt war eine schwere Geburt“, berichtet Geiss-Wittmann. „Aber wir haben es geschafft.“

Der kleine Paul kennt seine Herkunftsgeschichte, seit er denken kann. Von Anfang an gingen seine Adoptiveltern offen mit diesem Thema um, erzählten Paul, dass sie zwar nicht seine leiblichen Eltern seien, ihn aber genauso lieben würde, als wären sie es. Pauls Adoptivmutter ist dankbar, den kleinen Jungen in ihrem Leben zu haben. Dankbar für das Glück, das er ihr jeden Tag beschert. Pauls Mutter brachte Kind während einer anonymen Geburt zur Welt. Abseits der Bürokratie. „Leibliche Mütter oder Väter sollten in der Gesellschaft nicht so verurteilt werden. Sie machen es sich wirklich nicht leicht. Ihre Not ist riesig“, appelliert Pauls Adoptivmutter. Nur zu gut kennt sie die Vorurteile und Verallgemeinerungen, denen Frauen ausgesetzt sind, die ihre Kinder anonym gebären.

Auch Annas (Name geändert) Mutter ist hat das kleine Mädchen in ihr Leben und ihr Herz geschlossen, obwohl sie nicht ihre leibliche ist. Anna weiß, wie viele leibliche Geschwister sie hat, wie alt ihre leibliche Mutter ist, und warum diese sie damals zur Adoption freigegeben hat. „Unsere Freunde wissen Bescheid. Wir bekamen nur positive Rückmeldung“, berichten ihre Adoptiveltern. So sieht das auch Prof. Dr. Anton Scharl, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Direktor der Frauenkliniken Amberg-Tirschenreuth-Weiden: „Das Kind muss erst mal leben, sonst kann es nicht nach seiner Mutter fragen.“

Julia Wiesend, die als Beraterin der Amberger Schwangerschaftsberatungsstelle von Donum Vitae regelmäßig Frauen im Moses-Projekt betreut, erlebt immer wieder tragische Schicksale, die Schwangere zu einer anonymen Geburt bewegen. Schwierige Lebensumstände, fehlende Partner, religiöse Gründe oder Angst vor gesellschaftlicher Ächtung sind eine enorme psychische Belastung für werdende Mütter. Oft wollen diese Frauen ihren Kindern das Leben schenken, sich aber aus sozialen Zwängen und ohne die Möglichkeit einer anonymen Geburt aber für eine Abtreibung entscheiden. Die Betreuerinnen kennen auch Fälle, in denen Mütter ihre Kinder „in ihrer Verzweiflung“ heimlich und auf sich alleine gestellt gebaren und sie aussetzten. Bei der Beratungsstelle erfahren sie psychische und medizinische Betreuung, während ihr Kind sicher ins Leben starten und bei Adoptiveltern in einer liebevollen Umgebung aufwachsen kann. Das Moses-Projekt hilft Mutter und Kind, wenn für die Frau die Welt zusammenbricht.

Einfühlsamkeit. Verständnis. Unterstützung. Nur so gelinge eine erfolgreiche Beratung. Denn: In den meisten Fällen erhalten die Schwangeren von ihrem sozialen Umfeld keine Hilfe. Julia Wiesend erzählt, dass Frauen sich durch die Beratung bei Donum Vitae, bei der ihnen individuelle Wege aus der Krisensituation aufgezeigt werden, auch immer wieder dazu entscheiden, ihre Anonymität aufzugeben und ihr Kind ganz normal im Krankenhaus zu gebären. Auch nach einer anonymen Geburt hat die abgebende Mutter noch sechs Wochen Zeit, um zu entscheiden, ob sie ihre Identität offenbaren oder ihr Kind sogar selbst aufziehen möchte.

Die Anonymität der Frauen steht bei Donum Vitae an erster Stelle. Im Moses-Projekt können Schwangerschaftsberaterinnen ihre Schweigepflicht und ihr Zeugnisverweigerungsrecht auf sämtliche ärztliche, verwaltungstechnische und sonstige kooperierende Personen ausweiten. Nicht einmal Klaus Emmerich, Vorstand des St.-Anna-Krankenhauses in Sulzbach-Rosenberg, in dem die erste anonyme Geburt in Deutschland stattfand, weiß, wann anonyme Geburten in seiner Klinik durchgeführt werden.

Die kleine Anna interessiert sich sehr für ihre leibliche Mutter. Die Donum Vitae -Beraterin, die Annas anonyme Geburt vor acht Jahren begleitete, beantwortete dem Mädchen viele Fragen über Aussehen und Wesen ihrer Mutter. Bisher ist Anna damit zufrieden, lebt eine glückliche Kindheit. Wie es ihrer leiblichen Mutter heute geht, das wissen Anna und ihre Adoptiveltern nicht. Wenn diese möchte, kann sie sich über die Adoptionsvermittlungsstelle der Jugendämter auf die Suche nach ihrer Tochter machen, um mit ihr in Verbindung zu treten. Da die leibliche Mutter mit der Adoptionsfreigabe alle Mutterrechte aufgibt, können Adoptiveltern und -kind eine Kontaktaufnahme befürworten oder ablehnen.

Info:

Gesetzliche Regelung fehlt noch immer

Obwohl das Moses-Projekt von Donum Vitae inzwischen bundesweit Schwangeren in Not Schutz bietet, ist die Straffreiheit noch immer nicht gesetzlich geregelt. Deswegen übernimmt der Staat auch keinerlei Kosten für Anfahrt, Unterbringung und Betreuung der Mutter. Alleine die Geburtskosten betragen laut Dr. Harald Hollnberger, Ärztlicher Direktor des Klinikums St. Marien Amberg, zwischen 1500 und 5000 Euro, die von Donum Vitae komplett übernommen werden müssen. Ein Kostenaufwand, den Donum Vitae in Bayern e.V. durch Spenden aufbringt.

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