30.07.2020 - 11:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Von Hübscherinnen und Frauenwirten

Anrüchige Etablissements gibt es seit Menschengedenken. In Regensburg ist das älteste "Schandhaus" Deutschlands nachgewiesen. In Amberg wird eines um das Jahr 1456 erwähnt. Mit der Reformation werden die Häuser geschlossen, erst die Rekatholisierung lässt die Geschäfte wieder aufblühen.

Die Darstellung eines Bordells von „The Brunswick Monogrammist“, eines anonymen niederländischen Künstlers, entstanden in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Seit Menschengedenken ist Prostitution aus dem Gesellschaftsleben nicht wegzudenken. Da Verbote umgangen wurden, ging man meist offen damit um. Es war der ehrlichere Weg, denn schließlich sollten Bürgerfrauen und -töchter vor sexuellen Übergriffen geschützt werden.

Bis in das 14. Jahrhundert spielte sich das Geschehen oft mit sogenannten "Wanderhuren", also nicht ortsansässigen Frauen, in fragwürdigen Wirtshäusern oder Privatwohnungen ab. Die Prostituierten - ein damals noch nicht gebräuchlicher Begriff - unterstanden dem Henker. Nun errichteten in ganz Deutschland die Städte in überwiegend ihnen gehörenden Häusern, meist in der Nähe der Stadtmauer - in Amberg beispielsweise gegen Ende des 14. Jahrhunderts im Bereich Neustift - einschlägige Etablissements unter Leitung eines Frauenwirts. Dessen Rechte und Pflichten, vor allem auch gegenüber dem "Personal", regelte der Eid, den er vor dem Rat der Stadt ablegen musste.

So hatte er einerseits an die Stadt eine Pacht zu zahlen, partizipierte andererseits zu etwa einem Drittel an den Einnahmen der "Hübscherinnen". Diese - mehrheitlich aus ärmlichen Verhältnissen stammend, oft aus schlecht beleumdeten Familien, oft unehelich geboren - kamen freiwillig zu ihm, wurden einem Frauenwirt in der Nachbarstadt abgekauft oder von einem scheinbar wohlmeinenden Kuppler oder einer Kupplerin in die Prostitution gedrängt.

Ausbeutung der Frauen

Schnell gerieten sie in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Frauenwirt, der sie oft wirtschaftlich ausbeutete, da sie Nahrung und Kleidung meist zu überhöhten Preisen bei ihm, im Regelfall auf abzuarbeitenden Kredit, einkaufen mussten. Sie schuldeten dem Frauenwirt Geld - die einzige Erlösung war die Flucht aus dem Frauenhaus.

Während sich Unverschuldete relativ frei bewegen konnten, auf ausdrücklichen Wunsch der Stadtoberen auch an Tanzveranstaltungen teilnahmen, konnten sich, um eine Flucht zu vermeiden, Verschuldete, also Abhängige, oft nur in Begleitung aus dem Haus begeben. Dies meist nur zum Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes, was von den Kirchen ausdrücklich erwünscht war. Nur wenige Prostituierte brachten es zu bescheidenem Reichtum. Anders der Frauenwirt - je nach seiner Wirtschaftsweise.

Unehrenhafter Beruf

Wie der Henker und der Wasenmeister, gehörte der Frauenwirt auch in den Städten der Oberpfalz zu den Unehrenhaften. Er durfte keinen Grund besitzen, kein öffentliches Amt bekleiden, musste sich durch besondere Kleidung von den Ehrenhaften unterscheiden, war von bestimmten Sakramenten ausgeschlossen und war gezwungen, die Tochter oder Witwe eines Unehrenhaften zu heiraten. Als Leichnam durfte er nicht in geweihter Erde, sondern musste am Galgenberg beigesetzt werden. Die Hübscherinnen konnten durch Heirat in die Ehrenhaftigkeit zurück.

Dies alles ist etwas vereinfacht dargestellt, denn es bestanden von Stadt zu Stadt Unterschiede. So wurde auch die Vorgehensweise bis zum Verbot der Frauenhäuser im 16. Jahrhundert immer restriktiver, wobei es ein starkes Gefälle von Nord- zu Süddeutschland gab. Das heißt im Süden ging man mit der ganzen Problematik großzügiger um als in Norddeutschland.

Verboten für Ehemänner

Hauptkundschaft waren in Amberg und sicher auch in der gesamten Oberpfalz die unverheirateten Handwerkergesellen. Doch es war nicht nur der Besuch bei der Hübscherin, man ging auch der Geselligkeit wegen zum Frauenwirt. Es gab Speis' und Trank und man vergnügte sich auch beim Spiel, meist beim verbotenen Glücksspiel. Ein Besuch kostete etwa ein Viertel eines Tageslohns, die ganze Nacht etwa den Lohn eines Tages. Verheirateten war der Zutritt verboten, wie auch der Besuch während der Gottesdienstzeiten und zu besonderen kirchlichen Festen.

Sicher drückte der Frauenwirt oft ein Auge zu, vor allem auch wegen der zunehmenden Konkurrenz "Freischaffender", sogenannter Winkel- oder Schlupfhuren (von "unterschlüpfen"). Im Gegensatz zu den städtischen Frauenhäusern waren meist Frauen Träger der privaten Konkurrenz.

Der Direktor des Amberger Stadtarchivs, Dr. Johannes Laschinger, schreibt in seinem Buch "Sag', kennst Du Deine Stadt?" von einem 1475 in Amberg aufgedeckten "Call-Girl-Ring". Die meisten Mädchen, wie übrigens auch die des Frauenwirts, kamen aus dem Umland.

Wie für alle Außenseiter, gab es auch für die Prostituierten eine Kleiderordnung. Die Damen mussten sich durchwegs bescheidener als der Rest der Bevölkerung kleiden und durften keinen Schmuck tragen. Oft wurden ihnen die Farben Rot und Gelb - letztere war stets die Farbe der Außenseiter - zugeordnet.

Beim Tanz der Hautevolee im Amberger Rathaussaal waren nicht nur die anwesenden Patrizier, sondern auch deren Damen über die Präsenz der Hübscherinnen erfreut. Wenn auch bescheiden, waren letztere stets nach der neuesten Mode gekleidet, was natürlich für Gesprächsstoff sorgte. Sicher war das Modebewusstsein mit einer der Gründe für die oft hohe Verschuldung der Mädchen beim Frauenwirt.

Nahe Henker und Bader

In Regensburg stand das älteste "Schandhaus" in Deutschland (1355). In Amberg wird eines um 1456 erstmals erwähnt - in Nachbarschaft zum Henker und zum Bader. Apropos Bader: Sicher war der Umgang in den Badestuben recht offenherzig, man täte jedoch vielen Badern unrecht, würde man sie gleich dem Frauenwirt einstufen.

Hochkonjunktur beim Konzil

Wie stets zu Messezeiten, gab es Hochkonjunktur oft über Jahre und Jahrzehnte, so zum Beispiel während des Konstanzer Konzils (1414 bis 1418) oder des Immerwährenden Reichstags in Regensburg (1663 bis 1806). Bescheidener fiel das in Amberg, Weiden und anderen Städten der Oberpfalz aus. Hier war Hochkonjunktur anlässlich der Jahrmärkte, "Staatsbesuchen" und ähnlichem angesagt. Anlässlich der Jahrmärkte kamen die Wanderhuren in Begleitung der Gaukler, Feuerschlucker und Wund(er)ärzte.

Mitte bis Ende des 16. Jahrhunderts, in Amberg 1545, mussten die Frauenhäuser in ganz Deutschland schließen. Gründe waren die vermehrt auftretenden Geschlechtskrankheiten, die vor allem durch die Prostituierten verbreitet wurden, die Pest und die Reformation.

Nach Martin Luther und Johannes Calvin waren die Hübscherinnen "Gesandte des Teufels". In Amberg öffnete der Frauenwirt erst im Zuge der Rekatholisierung im 17. Jahrhundert wieder. (ddö)

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