Dem Charme von Sissi kann sich wohl kaum ein Tierfreund entziehen. Die weiße kleine Zwergspitzhündin mit fluffigem Fell ist ein echter Menschenfreund, liebt Streicheleinheiten und verteilt freigiebig Küsschen. Es ist Freitagnachmittag und das Tier wirkt ausgelassen, vermutlich weil die innere Uhr sagt: Es ist Gassi-Zeit. Deshalb ist auch Annelies Gläßl ins Tierheim Amberg gekommen. Die 82-Jährige führt schon seit vielen Jahren beinahe täglich Hunde aus. Derzeit ist Sissi ihr Lieblingsschützling, mit dem sie in den Wald und über Wiesen geht. Einen eigenen Hund möchte sich die Ambergerin aber nicht mehr anschaffen.
"35 Jahre lang haben wir immer Hunde gehabt", erzählt sie, während sie auf einer Bank vor dem Tierheim sitzt. Als die Kinder ausgezogen waren, der Ehemann verstorben und das Haus leer war, wuchs wieder der Wunsch nach einem tierischen Freund. "Einen eigenen Hund wollte ich mir aber nicht mehr antun, denn dafür braucht man immer jemanden, der auch einmal aufpassen kann, wenn man mal wegfahren will." Als sie dann zum Tierheim kam, war das für Annelies Gläßl eine perfekte Freizeitbeschäftigung: Spazierengehen mit Hunden und dabei auch neue Menschen kennenlernen. "Manche Frauen werden depressiv, wenn die Kinder außer Haus sind und der Mann verstorben ist, aber mir haben die Tiere wahnsinnig viel gegeben." Seit 15 Jahren geht sie nun schon fast täglich bei Wind und Wetter mit immer neuen Vierbeinern Gassi. Früher war sie zum Teil mit sechs Hunden am Tag unterwegs. Mit dreien vormittags, mit dreien nachmittags. "Ich muss mich wundern, wie ich das geschafft habe." In all den Jahren hat sie auch oft als Pflegestelle für die Tiere gedient. Besonders erinnert sie sich an einen kleinen Foxterrier, dessen Herrchen verstorben war. "Am liebsten hätte ich den behalten, der hat richtig geweint."
Nicht nur "das sture Gehen", sondern auch die Erlebnisse im Wald gefallen der 82-Jährigen bei ihren Runden. "Ich hab auch oft Vogelfutter im Rucksack dabei. Es ist so schön, was man im Wald für Tiere trifft." Derzeit geht sie regelmäßig mit der kleinen Sissi spazieren. Die Zwergspitzhündin wurde gemeinsam mit Joschi, einem Tibet-Terrier, abgegeben. Beide Hunde sind zwischen sechs und sieben Jahre alt. "Das sind ganz liebe Tiere. Ihre Besitzer waren ältere Leute, die krank wurden und deswegen die Hunde schnell abgeben mussten", erklärt Ingrid Mallmann, die stellvertretende Vorsitzende des Amberger Tierschutzvereins. Menschen wie Annelies Gläßl sind für das Tierheim ein Segen. Sie nimmt sich viel Zeit und streichelt auch mal nur eine halbe Stunde lang. "Das ist für die Tiere enorm wichtig", weiß Mallmann. Besonders für die Vormittage würden derzeit noch Gassigeher gesucht. "Vielleicht gibt es Rentner oder Schichtarbeiter, die Interesse haben."
Regeln für Menschen, die Freude am Gassigehen haben, gebe es eigentlich gar nicht so viel, sagt Mallmann. "Man sollte einfach Zeit haben und eine Liebe zu Tieren." Eine Voraussetzung sei darüber hinaus eine Mitgliedschaft im Tierschutzverein, die mindestens 15 Euro im Jahr kostet. Wer mit Hunden spazierengehen möchte, sollte außerdem volljährig sein. "Kinder können Gefahren oft nicht einschätzen, aber mitgehen dürfen sie natürlich. Wir haben auch Familien, die gemeinsam Gassi gehen."
Im Umgang mit den Hunden sei einfach die Bewegung für die Vierbeiner entscheidend. "Wir brauchen keine Hundetrainer, die die Hunde trainieren. Das macht unser Personal. Die Hunde möchten einfach eine gute Zeit haben, einfach raus und neue Eindrücke haben. Jede Minute, die sie nicht in ihrem Zwinger sind, ist gut." Schwierige Hunde, die Probleme haben, würden ohnehin nicht von den Gassigehern ausgeführt. Fünf bis acht Personen sind es, die momentan fast täglich kommen. "Da sind wir sehr dankbar. Das könnten wir allein gar nicht schaffen." Neben dem festen Kreis gibt es auch Menschen, die nur einmal pro Woche oder gelegentlich kommen. "Alles hilft", berichtet Ingrid Mallmann.
Derzeit sind 16 Hunde im Tierheim untergebracht. Welpen oder kleine Hunde würden recht schnell vermittelt. "Große schwarze Hunde, das entspricht leider ganz dem Mythos und ist leider traurig, sind eher länger da." Carlos beispielsweise, ein nicht einfacher Herdenschutz-Mischling, kam über eine Auslandsorganisation und ist beispielsweise schon seit zwei Jahren im Tierheim. Und momentan sei es ohnehin extrem. "Wir haben jede Woche Anfragen von privat, die Hunde abgeben wollen. Aus unterschiedlichen Gründen." Deswegen würde Ingrid Mallmann auch eine Art Führerschein für alle künftigen Tierbesitzer befürworten. "Wenn es größere Hürden wären, würden sich vermutlich viele vorher überlegen, ob sie sich ein Tier anschaffen sollen." Weitere Informationen gibt es im Internet unter tierheim-amberg.de/unser-verein/gassigehen.
Das müssen Gassigeher wissen
- Besuche, Vermittlungen und Gassigänge sind im Amberger Tierheim derzeit nur mit Termin möglich.
- Termine können telefonisch oder per E-Mail vereinbart werden.
- Kontakt: Tierheim Amberg, Tierheimstraße 1, 92289 Ursensollen; Telefon 09621/82600; E-Mail: hallo[at]tierheim-amberg[dot]de.

















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.