04.11.2018 - 11:00 Uhr
AmbergOberpfalz

"Das Internet ist nicht der Erzfeind"

Die 25-jährige Verena Fitzgerald kümmert sich seit gut drei Monaten um die Altstadt. Die Wirtschaftsförderin wünscht sich, dass sich die Gewerbetreibenden mehr untereinander vernetzen - und damit Amazon und Co. den Kampf ansagen.

Auf einen Kaffee mit der Wirtschaftsförderin Verena Fitzgerald: Im Moment ist sie viel in der Innenstadt unterwegs, damit sie alle Gewerbetreibenden kennenlernt. Sie steht ihnen beratend zur Seite.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

ONETZ: Paris, München und jetzt Amberg: Frau Fitzgerald, was hat Sie hierher gelockt?

Verena Fitzgerald: Ich komme gebürtig aus Schnaittenbach und habe das Erasmus-Gymnasium in Amberg besucht. Meine Wurzeln liegen hier in der Gegend. Beruflich hat es mich nach München verschlagen. Sesshaft wollte ich da aber nie werden. Im vergangenen Jahr hat sich dann immer mehr das Heimweh gemeldet.

ONETZ: Was kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn Sie an Amberg denken?

Fitzgerald: Es ist die schöne historische Altstadt. Ich war Buskind, als ich das Erasmus-Gymnasium besuchte und bin jeden Tag durch die Fußgängerzone zum Bahnhof gelaufen. Ich habe es genossen, dort Freunde zu treffen und zu bummeln. Als ich nun nach ein paar Jahren zurückkam, war ich überrascht, wie sich die Altstadt verändert hat. Viele Jugendliche fahren im Gegensatz zu mir mittlerweile eher nach Regensburg oder Nürnberg. Das ist sehr schade und das will ich ändern.

ONETZ: Sie kümmern sich seit drei Monaten um die Altstadt. Wie fällt bisher Ihr Fazit aus?

Fitzgerald: Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht. Noch immer lerne ich viele Händler erst kennen. Ich informiere mich immer noch, was die Bedürfnisse und Themen der Gewerbetreibenden sind. Nach und nach will ich sie alle untereinander vernetzen. So bahnen sich einige Projekte an. Die Zusammenarbeit mit der Stadt und den Unternehmen läuft gut.

ONETZ: Wo drückt der Schuh in Amberg?

Fitzgerald: Es sind viele Schuhe (lacht). Vor allem sind es aber klassische Probleme, die in allen Städten dieser Größe in Deutschland da sind: beispielsweise die Konkurrenz des Onlinehandels und der Filialisten. Ich will, dass die Gewerbetreibenden das Internet nicht als Erzfeind sehen, sondern als Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln und sich auf die eigenen Stärken verlassen. Toll wäre, wenn viele im Digitalfeld selbst mitspielen könnten. Im Alltag ist es doch so: Der Kunde informiert sich online über grundlegende Informationen wie etwa Öffnungszeiten. Wenn da aber nichts verfügbar ist, wird es schwierig, sich bemerkbar zu machen. Der eine oder andere Händler hat durch mich eine Website bekommen. Einige Male habe ich auch die Rückmeldung bekommen, dass nun mehr Kunden im Laden stehen.

ONETZ: Woran liegt es, dass viele noch nicht das Internet nutzen?

Fitzgerald: Zum einen liegt es daran, dass manche im privaten Umfeld nichts mit dem Internet am Hut haben und dieses Desinteresse wird dann häufig auf den Beruf übertragen. Doch Berufliches und Privates muss man hier trennen, denn für manche Branchen kann eine strikte Ablehnung riskant sein. Ist jemand hingegen privat sehr viel bei Facebook und Instagram unterwegs, empfehle ich, das auch beruflich zu nutzen. Ich kann beratend eingreifen, wenn sich der Händler darüber noch gar keine Gedanken gemacht hat.

ONETZ: Blumen und die schöne Welt bei Instagram: Würden Sie einem Floristen in Amberg empfehlen vor allem dort für sich zu werben?

Fitzgerald: Ich gebe den Rat, der aus meiner Marketingsperspektive Sinn für das Unternehmen macht. Wenn ein inhabergeführter Laden es zeitlich nur schafft, ein oder zweimal im Monat etwas zu posten, dann sage ich gleich: Lasst es. Aufgefallen ist mir, dass die Kosmetikbranche intensiv Instagram nutzt. Hier steckt wahnsinniges Potenzial und ist in dem Bereich eine gute Möglichkeit, günstig und teils kostenlos Werbung fürs Geschäft zu machen.

ONETZ: Wo konnten Sie weiterhelfen?

Fitzgerald: Vor zwei Wochen habe ich eine Besitzerin eines kleinen Antiquitätenladens in einer Seitenlage besucht. Sie hat mit dem Internet privat nichts am Hut. Ich habe Fotos von ihrem Geschäft gemacht und die Öffnungszeiten bei Google eingestellt. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Darauf ließe sich nun aufbauen, indem man eine Agentur und Selbstständige auf dem Gebiet anheuert.

ONETZ: Oft wird bemängelt, dass Amberg nahezu nur aus Filialisten besteht. Ist das ein Problem für die Attraktivität einer Stadt?

Fitzgerald: Filialen ballen sich in der Georgenstraße. Im Malteserviertel hingegen sind viele inhabergeführte Läden. Zunächst habe ich befürchtet, dass die Filialisten die Einzigartigkeit Ambergs rauben, inzwischen weiß ich, dass es die Mischung macht. Sichtbar ist das im Modehandel: Seit Jahren kauft ein Kunde bei einer Kette ein. Das ist der Grund, warum er in die Stadt fährt. Man muss auch bedenken, dass nicht nur Amberger hierher kommen. Filialisten sind oft eine Attraktion, von der auch kleine Lädchen profitieren können.

ONETZ: Welche Stadt könnte als Vorbild für die Entwicklung Ambergs dienen?

Fitzgerald: Ich reise viel und nehme immer wieder Anregungen mit. Allerdings darf man den Charakter und Charme von Städten nicht vergleichen. Amberg ist anders als Weiden oder Schwandorf. Gut gelaufen ist aber die Aktion ,Weiden träumt‘, heißt es. Der Kulturgedanke ist mit Shopping verknüpft worden. Das Einkaufen soll zum Erlebnis werden, indem ich mich auch mit Freunden oder der Familie auf einen Kaffee treffe und ausgiebige Beratung im Laden bekomme. Gerade was den Service angeht, wollen wir das im Gewerbe ausbauen.

ONETZ: Was wollen die Amberger?

Fitzgerald: Mein Eindruck ist, dass sie sich den Erlebnisgedanken wünschen. Das sieht man auch an der Gastro-Szene, die hier gut läuft. Natürlich ist es bequem, mit dem Smartphone etwas zu bestellen und das am nächsten Tag im Briefkasten zu haben. Wer den Weihnachtsbummel aber in die Stadt verlegt, wird feststellen, dass es hier kleine Lädchen gibt, die einzigartige Geschenke verkaufen.

ONETZ: Was ist der Plan, um das Weihnachtsgeschäft anzukurbeln?

Fitzgerald: Wir haben eine konkrete Idee, zu der ich aber noch nicht zu viel verraten möchte. Es wird eine Werbeaktion speziell für die etwas versteckten Läden in den Seitenstraßen sein.

ONETZ: Was steht für 2019 auf der Agenda?

Fitzgerald: Ich habe den Fokus auf Verkaufsaktionen gelegt. Denn in einer Umfrage des Stammtischs für Gewerbetreibende kam heraus, dass sich die meisten gemeinsame Events wünschen. Zudem möchte ich, dass die Händler Nachbarschaftsnetzwerke aufbauen. Ganz gut funktioniert das im Malteserviertel. Vor kurzem fand eine kleine Modenschau in einem Café mit verschiedenen Modehändlern, einer Schmuckdesignerin, einem Optiker und einem Schuhhändler statt. Die Gewerbetreibenden sollen erkennen, dass sie keine Konkurrenz sind, sondern alle in einem Boot sitzen. Demnach versuche ich, alle untereinander bekannt zu machen.

ONETZ: Was kann die Stadtverwaltung unternehmen, damit Amberg lebens- und liebenswerter wird?

Fitzgerald: Wir sind schon auf einem guten Niveau, was die Kommunikation zwischen Stadt, Bürger und Gewerbe betrifft. Es bedarf aber an mehr Transparenz. Von außen ist es für manche schwer nachvollziehbar, warum Projekte so lange dauern oder warum etwas so beschlossen wurde. Hier sollten die digitalen Möglichkeiten mehr genutzt werden und sich weiter geöffnet werden. Die Verwaltung sollte sich möglichst unbürokratisch und flexibel zeigen. Wer unterschiedliche Perspektiven einnimmt, versteht dadurch vielleicht leichter.

ONETZ: Etwa beim Thema Kundenstopper?

Fitzgerald: Das ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Kommunikation abbricht oder in eine schlechte Richtung geht. Hier tut sich aber einiges. Das Baureferat, das die Sondernutzung mit Händler koordiniert, bringt häufig mich ins Spiel, wenn ein Laden Probleme damit hat. Ich versuche nach Lösungen zu suchen. Was ist im Rahmen des Gesetzes möglich? Offenheit für Innovationen ist von allen Seiten nötig.

ONETZ: Was sagt die Altstadtkümmerin zu den Plänen der Neuen Münze beziehungsweise des ehemaligen Bürgerspitalgeländes?

Fitzgerald: Wir sind uns einig, dass hier schnell etwas passieren muss. Die Mischung aus Gewerbe und Dienstleistung hat Potenzial für die Stadt. Es könnte ein Punkt in Amberg werden, der Kunden anzieht und Frequenz für das Viertel schafft und es damit belebt.

ONETZ: Haben Sie ein Viertel, das ein Sorgenkind ist?

Fitzgerald: Die Filialisten ballen sich im Stadtzentrum zwischen Malteserplatz und Bahnhofsplatz. In den Seitenlagen tun sich inhabergeführte Läden schwer, Frequenz zu bekommen. Oft ist es immer noch so, dass Kunden so nah wie möglich ins Stadtzentrum fahren, dann aber vergessen, weiterzulaufen.

ONETZ: Wie sollte Amberg 2022 aussehen?

Fitzgerald: Die Altstadt ist ein Erlebnisort und wird als Freizeitmöglichkeit wahrgenommen. Die jungen Leute bummeln wieder so wie ich damals. Die Stadt ist für jede Generation attraktiv. Das spiegelt sich auch in der Mischung an Gewerbe und Branchen wider. Außerdem arbeiten die Händler zusammen. Es könnte so laufen wie bei Amazon: Nach dem Kauf bekommt der Kunde die Empfehlung, dass andere Käufer sich auch für dieses Produkt interessierten. Warum sollte das nicht auch in Amberg klappen? Ein Händler schickt den Kunden zu seinem Nachbarn. So entdecken auch die Amberger noch Läden, die sie bisher nicht kannten.

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