25.04.2019 - 12:54 Uhr
AmbergOberpfalz

Ismail Ertug: Europa als das höchste Gut

Europa ist Europa - und die Europäische Union etwas ganz anderes. Das sagt ein überzeugter Europäer, der seit gut zehn Jahren für die SPD im Parlament in Brüssel sitzt: Ismail Ertug.

Seit 2009 vertritt Ismail Ertug seine Heimatstadt Amberg und die Oberpfalz im Europäischen Parlament. Dem SPD-Abgeordneten liegt das geeinte Europa sehr am Herzen.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

(ass) Den Interviewtermin hat er sich förmlich aus den Rippen geschnitten, denn eigentlich wollte Ismail Ertug mit seinen Töchtern ins Kurfürstenbad gehen. Die Zeit mit den Lieben daheim ist ohnehin sehr knapp. Wenn er nicht gerade in Brüssel und Straßburg ist, absolviert Ertug unermüdlich Veranstaltungen irgendwo in der Oberpfalz. Inhalt ist immer sein Bekenntnis zu Europa als friedlicher Gemeinschaft.

Europa als Hängebrücke

Aber warum knarzt das europäische Gebälk derzeit so elend? "Ich vergleiche Europa gerne mit einer Hängebrücke", sagt Ertug. "Derzeit befinden wir uns in der Mitte, wo sie am stärksten schwankt." Sein Patentrezept: Einfach mutig vorangehen in eine gemeinsame und friedliche europäische Zukunft. Bedauerlicherweise führe aber auch ein Weg zurück. Und den würden derzeit immer mehr Nationen einschlagen. Seiner Meinung nach ist das aber die vollkommen falsche Richtung. Ein Pfad, den vor allem die Nationalisten aller Länder bevorzugen würden.

"Wenn wir aber dem Zündeln der Populisten nachgeben, dann kommt das heraus, was derzeit im Vereinigten Königreich passiert", warnt Ismail Ertug vor den negativen Folgen des übersteigerten Nationalismus. "Deshalb sagen wir progressiven Kräfte im Europaparlament, dass Europa erhalten werden muss." Aus gutem Grund, wie Ismail Ertug meint. Denn mit der zunehmenden Erosion des gemeinsamen Europa zerbröckle auch die Basis, auf der man friedlich miteinander umgehen könne. "Irgendwann werden wir vor der Frage stehen, wie wir reden können", sagt Ertug. "Denn bist Du raus, fehlen Dir die Gesprächskanäle." Dann sei es nicht mehr weit zu einem Rückfall in alte Zeiten. "Und das darf es nicht geben", so Ertug.

Der zwar kein Patentrezept hat gegen Entwicklungen, wie sie beispielsweise in Ungarn ("Dort macht der Typ, was er will") oder Polen in verstärktem Maße, aber auch in Italien, Frankreich, Großbritannien aber auch Deutschland zu beobachten sind. Wobei er seine Landsleute für weniger anfällig betrachtet für nationalistische Tendenzen. "Wir Deutschen reisen viel." Und wer fremde Kulturen sieht, schmeckt oder riecht, so seine Hoffnung, der geht nationalistischen Fliegenfängern nicht so leicht auf den Leim. Die Auseinandersetzungen der Zukunft würden dort zu finden sein, wo die Menschen geistig abgehängt sind. "Die Leute meinen, ihre kleine Einöde ist die Welt. Das ist sie aber halt nicht."

Austausch ist wichtig

Aus diesem Grund befürwortet Ertug auch Austauschmöglichkeiten für junge Menschen wie das Erasmus-Programm. Neun Millionen Menschen hätten inzwischen allein daran teilgenommen, hätten andere Länder gesehen und mit jungen Leuten aus anderen Nationen Umgang gehabt. "Das ist neun Millionen Mal keine Potenzial für AfD, Front National oder Lega Nord." Neun Millionen Nicht-Stimmen für den Extremismus. Den Ertug strikt ablehnt. Auch im Europaparlament, wo viele Abgeordnete jenseits der Lippenbekenntnisse zum Teil freundschaftlichen Umgang mit den Nationalisten aller Herren Länder pflegen. "Ich rede mit keinen Nationalisten, das ist im Europaparlament allgemein bekannt." Der Brexit ist derzeit das Thema in Europa schlechthin. Ein Chaos ohne Plan, wie Ertug meint. Selbst eingefleischte Torries, also Mitglieder der Konservativen, die er im Übrigen zu einem Großteil für nationalistische Populisten halte, würden zugeben, dass sie mit dem tatsächlichen Ausgang des Referendums so nicht gerechnet hätten. Doch ein Zurück gebe es jetzt nicht mehr, der Gesichtsverlust wäre in diesem Fall zu groß. Der Brexit sei ein Paradebeispiel dafür, was mit Europa passiere, wenn man diesen Nationalisten, Rechtspopulisten, den Antisemiten und Islamophoben das Feld überlasse.

Nationalisten lauern

Und er berge die Gefahr, dass er Nachahmer finde. Denn natürlich würden die Nationalisten jetzt abwarten, was in Großbritannien passiere. "Irgendein Abkommen werden sie schon machen." Ziel des Brexit sei es doch, die Lasten Europas los zu werden und nur von den Vorteilen zu profitieren. "Charity-Picking" nennt das Ertug. Und wenn dann eine AfD vom Dexit fabuliere, Marie LePen vom Frexit rede, dann drohe dem friedlichen Europa höchste Gefahr. Doch wie groß ist das Interesse der Bürger an Europa? Die Beteiligung an der Wahl 2014 gibt wenig Hoffnung. Amberg: 34,66, Amberg-Sulzbach: 40,64 Prozent.

Trotzdem glaubt Ertug, dass der Begriff Europa positiv besetzt ist - nicht jedoch die EU, die oft mit Gurkenkrümmung oder Bürokratie in Verbindung gebracht werde. Er sieht seine Aufgabe darin, die Menschen mit Europa zu versöhnen, zu erklären, dass dieser Kontinent nur geeint eine friedliche Zukunft verspricht. Doch dafür müssen auch die Amberger am 26. Mai möglichst zahlreich zur Wahl gehen.

Ismail Ertug:

Der 1975 in Amberg geborene Sohn türkischer Einwanderer machte einen Abschluss zum Industriekaufmann, danach arbeitete er als Firmenkundenberatung bei der AOK in Amberg. Konsequent bildete er sich während dieser Zeit weiter, absolvierte unter anderem den Studiengang Krankenkassen-Betriebswirt in Hersbruck und arbeitete zuletzt in der strategischen Vertriebsberatung in der Zentrale der AOK Bayern in Nürnberg. Ismael Ertug trat 1999 in die SPD ein, von 2004 bis 2009 und danach von 2014 bis 2017 saß er im Amberger Stadtrat, inzwischen hat er seinen Wohnsitz nach Kümmersbruck verlegt. Seit 2009 sitzt Ismail Ertug für die SPD im Europäischen Parlament, unter anderem im Ausschuss für Verkehr und Umwelt.

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