Amberg
02.11.2023 - 15:19 Uhr
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Israel, die Oberpfalz und die Juden: Lange, sorgenvolle Verbindung

Rund 1300 Juden leben in der Oberpfalz. Die Massaker der Hamas setzen vielen zu. Fast noch nachdenklicher macht, was bei vermeintlich pro-palästinensischen Demos in Deutschland passiert. Einblicke in jüdisch-oberpfälzische Gedankenwelten.

Zoiglstern oder "Magen David"? Nicht nur das Symbol mit den sechs Ecken, Oberpfalz und Judentum verbindet mehr. Die gemeinsame Geschichte reicht bis ins 10. Jahrhundert zurück. Völlig ungetrübt war das Verhältnis selten. Und auch heute – jetzt gerade – erleben Juden hier eine schwere Zeit. Auch wenn der Ursprung der Sorgen nicht in Nordostbayern liegt.

Es sind die Ereignisse vom 7. Oktober, die Massaker der Hamas-Terroristen an unschuldigen Israelis, die die Juden belasten. "Ich habe Verwandte in Israel, die nun zum Militär mussten", sagt um Beispiel Elias Dray. Die Aussicht auf einen Einsatz im Gazastreifen sei beunruhigend, fügt der Rabbiner der Israelitische Kultusgemeinde Amberg an. Ähnlich äußert sich ein weiterer Jude aus einer Oberpfälzer Stadt, der lieber anonym Einblick in seine Gedankenwelt geben will. Er habe kein Problem mit seiner Identität, und in seinem Umfeld wisse sowieso jeder, dass er Jude ist. "Aber man muss sich gerade jetzt nicht noch zusätzlich ins Rampenlicht stellen", ergänzt seine Frau, die ebenfalls an dem Gespräch über das Jüdisch-Sein im Herbst 2023 teilnimmt.

Enge Verbindungen zu Israel

Dabei betonen sowohl der Amberger Rabbiner als auch der Geschäftsmann, dass es "natürlich" enge Verbindungen zu Israel gibt. "Wir glauben, dass wir irgendwann alle einmal dorthin zurückkehren", hebt Dray die religiöse Bedeutung hervor. Der Unternehmer ergänzt, dass Israel auch eine Rückversicherung für Juden in Deutschland bedeute. Zwischen 1933 und 1945 starben schließlich viele Juden, weil sie kein Land fanden, das sie hätte aufnehmen wollen. Mit Israel sei das anders, jeder Jude ist dort willkommen.

Für den Hinterkopf sei das wichtig. Klar sei aber auch: Im Diesseits, hier und jetzt sehen sich beide als Deutsche. "Ich hab nur einen deutschen Pass", sagt etwa Elias Dray. "Ich bin Oberpfälzer", ergänzt der andere. Dass er recht hat, verrät der Dialekt, in dem er die Feststellung ausspricht.

Parallelen zur Weimarer Zeit

Sebastian Schott sieht in dieser Haltung eine Parallele zur Vergangenheit. "Auch in der Weimarer Zeit zwischen den Weltkriegen war es Juden wichtig, sich zu Deutschland zu bekennen. Sie wollten nicht als Fremde wahrgenommen werden", sagt der Stadtarchivar, der zur Geschichte der Juden in Weiden seine Dissertation geschrieben hat. Damals, kurz nach der rechtlichen Gleichstellung, sei es den Juden wichtig gewesen, ihre Rolle als deutsche Bürger im Alltag mit Leben zu füllen. Ihre jüdische Identität sollte auf die Religion beschränkt bleiben.

Noch so eine Parallele: Wie damals vertrauen auch die Juden heute sehr auf den Rechtstaat. Die Verbindung zu den Behörden und offiziellen Stellen sei jedenfalls sehr gut, das betonen beide Sprecher. Elias Dray sagt, er habe viel Zuspruch von der Stadt Amberg oder auch von den Abgeordneten der Region erhalten. Der Unternehmer ergänzt, dass ihm aufgefallen ist, dass die Polizei in den vergangenen Wochen häufiger an seinem Geschäft vorbeigefahren ist. "Man merkt, dass es der Polizei wichtig ist und dass sie aufmerksam ist."

Sorge, dass "die Stimmung kippt"

Nötig war das in der Region in den vergangenen Tagen nicht, sagen die Oberpfälzer. Bislang habe keiner Anfeindungen, Beschimpfungen oder Drohungen erlebt. Beide kennen das durchaus anders. Als es 2014 letztmals eine militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas im Gaza-Streifen gegeben hat, erhielt die Gemeinde in Amberg eine Reihe Drohschreiben, erinnert sich Rabbiner Dray. Er macht sich Sorgen, dass die Stimmung kippen könnte, wenn der Krieg länger dauert, das Massaker an den Israelis in Vergessenheit gerät, dafür aber aus Gaza entsprechende Bilder kommen. Die Hamas lege es darauf an, solche Bilder zu produzieren, opfert die Menschen im Gazastreifen, indem sie Raketen vor allem aus der Nähe von Schulen oder Krankenhäusern auf Israel abfeuert. Wenn Israel auf den Beschuss reagiert und dabei auch die Schule nebenan beschädigt, nutzt das die Hamas für ihre Propaganda, mit der sie gerade in den sozialen Medien Erfolg hat.

Einen Vorgeschmack bieten die Bilder aus verschiedenen Großstädten, wo seit dem Tag des Hamas-Überfalls Menschen auf die Straßen gehen, um dem überfallenen Land Israel die Schuld zu geben. Elias Dray pendelt zwischen Amberg und Berlin, wo auch seine Familie lebt. Der orthodoxe Jude erzählt, dass er dort die Synagoge der Gemeinde Kahal Adass Jisroels in Berlin Mitte besucht, auf die Unbekannte schon Mitte Oktober einen Brandanschlag verübt haben.

Zunahme antisemitischer Vorfälle

Auch wenn es in der Oberpfalz solche Anschläge bisher nicht gegeben hat, auch hier hat sich in den vergangenen Wochen die Zahl antisemitischer Vorfälle erhöht. Das belegt die Arbeit der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS), die auch in der Oberpfalz eine Zunahme verzeichnet.

Das, vor allem aber die Berichte von teils gewalttätigen Demonstrationen von Hamas-Befürwortern und Israel-Feinden geben auch hier in der Provinz zu denken. Es falle auf, dass es sich bei den Akteuren vor allem um Menschen mit arabischem oder muslimischem Hintergrund handelt. Und natürlich beschäftige das Juden in der Region, sagt der Geschäftsmann. Er wisse, dass sich zum Beispiel seine Frau oder seine Tochter Gedanken machen, wenn Menschen mit scheinbar arabischem Hintergrund das Geschäft betreten. Auch wenn es bisher nie ein Problem gegeben hat: Diese Gedanken lassen sich nicht wegschieben.

Muslimische Gemeinden haben sich zurückgezogen

Zu den Zweifeln trage bei, dass sich die muslimischen Gemeinden seit dem Hamas-Angriff zurückgezogen hätten. Zuvor habe es immer wieder interreligiöse Kontakte gegeben. Nach dem 7. Oktober sei von islamischer Seite dagegen Funkstille. Dabei gebe es sehr wohl Muslime, denen gutes Zusammenleben wichtig sei. Der Unternehmer sagt, er habe den Eindruck, dass jene noch mehr Angst vor Scharfmachern und Israelfeinden hätten, als das unter den Juden in der Region der Fall wäre.

Für Elias Dray gibt es dennoch keine Alternative dazu, das Gespräch zu suchen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Der Rabbiner war in den vergangenen Jahren vor allem in Berlin gemeinsam mit einem Imam an Schulen unterwegs, um das Judentum dort vorzustellen. Das Bild vom Rabbiner, der gemeinsam mit dem Imam auf einem Tandem durch Berlin unterwegs war, hat es vor einigen Jahren in beinahe jede Zeitung geschafft. "Meet2Respect" (Treffen, um sich zu respektieren) war der Titel dieser Aktion.

Dray möchte hier weiter ansetzen, schließlich müsse man Vorurteile abbauen, einen respektvollen Umgang miteinander erreichen. Viele der Menschen, die heute in Berlin und anderswo gegen Israel demonstrieren, stammten aus einem Kulturkreis, in dem sie von klein auf Juden und Israel als Feinde kennengelernt haben. Es sei naiv gewesen, zu denken, dass diese Indoktrination ihre Wirkung verliert, weil diese Menschen nach Deutschland umgezogen sind.

Muslimische Judenfeindlichkeit

Sebastian Schott sagt, er habe Verständnis für die Sorgen der Juden in Deutschland und der Oberpfalz. Es sei kein Geheimnis, dass sich viele Juden aktuell von muslimischer Judenfeindlichkeit stärker bedroht fühlten als vom klassisch rechtsextremen Antisemitismus. Das zu äußern war in Deutschland allerdings lange ein Tabu, das nur von ganz rechts außen gebrochen wurde. Wer die Judenfeindschaft unter Muslimen anspricht, rückt sich selbst in die Nähe jener Rechten, mit der Juden schon aus historischen Gründen nichts zu tun haben wollen.

Es sind also schwierige Zeiten für die Juden in der Oberpfalz. Allerdings weiß Historiker Schott auch, dass gerade die Oberpfälzer Juden mehrfach viel schwierigere Situationen überstanden haben. Mehr als 1000 Jahre dauert ihre Geschichte hier bereits. Mehrfach schien das Ende besiegelt, zuletzt in den 1980er Jahren, als es nur noch eine Handvoll älterer Juden in Weiden gab. "Und dann kamen plötzlich die jüdischen Kontingentflüchtlinge aus Russland", sagt Schott. Nur schwarzmalen sollte man also auch nicht.

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